[Rezension] Anike Hage – Die Wolke

„Atomkraft? Nein danke!“

Die Wolke

von Anike Hage – nach dem Roman von Gudrun Pausewang

Tokyopop Verlag, 2010

Kartoniert, 169 Seiten

ISBN: 978-3-8420-0049-0

6,50 €


„Alles hat sich geändert. Einfach alles!“

Ein Land befindet sich im Ausnahmezustand, denn es ist etwas geschehen, von dem kein Mensch wahrhaben wollte, dass es jemals passieren könnte: im Atomkraftwerk in Markt Ebersdorf kam es zu einem Reaktorunfall und jetzt breitet sich eine riesige radioaktive Wolke über ganz Deutschland aus.
Die Regierung lässt sämtliche Städte, die in der Nähe des Unglücksortes liegen, sofort evakuieren, aber wo viele Menschen mit ihren Ängsten aufeinandertreffen, dort bricht Panik aus.
Für panische Menschen existiert nur noch der reine Willen des Überlebens – sie verwandeln sich in wilde Tiere, die bei ihrer Flucht nicht mehr darauf achten, wer hinter ihnen zurückbleibt.
Und so kommt es, dass die Leute der Regierung sich bald gegen die eigene Bevölkerung richten.
Unter den Flüchtlingen aus den Sperrgebieten um das Atomkraftwerk herum befinden sich auch die 15 jährige Janna und ihr kleiner Bruder Uli, die sich mit dem Fahrrad nach Bad Hersfeld aufgemacht haben, um von dort mit dem Zug zu ihrer Tante nach Hamburg zu reisen. Doch ihr Weg birgt weitaus mehr Gefahren, als die, die sich weit über ihnen ausbreitet und eine Welle des Todes hinter sich herzieht.
Die beiden Kinder stehen im Wettlauf mit der Zeit, der Einsatz ist nichts Geringeres als ihr Leben – und alle Regeln scheinen gegen sie geschrieben.
Werden sie es schaffen den Zug zu erreichen, bevor die Wolke ihren giftigen Regen über ihnen ausschüttet?

~*~

Dieser Comic von Anike Hage verdeutlicht einem ungeschönt wie das Leben in Deutschland nach einem Reaktorunfall vermutlich aussehen würde – und es ist beängstigend sich vorzustellen, dass das eigene Land das nächste Tschernobyl sein könnte. Dadurch merkt man nämlich wie ungeschützt wir Menschen doch eigentlich sind, wie verletzbar. Durch unser eigenes Versagen könnten wir uns selbst zerstören und rein gar nichts auf der Welt kann uns die Gewissheit oder die Sicherheit geben, dass so etwas niemals passieren wird.
In Die Wolke sieht der Leser, wie aus einem wohlhabenden Industriestaat ein Entwicklungsland wird, in dem Armut, Krankheit und Tod an der Tagesordnung stehen.
Man muss mit ansehen, wie aus ehemalig zivilisierten Menschen aus Angst und Hoffnungslosigkeit unkontrollierbare Tiere werden, die in ihrer Verzweiflung im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen gehen, um irgendwie ein wenig Ordnung in das Chaos zu bringen. Und das, obwohl alle im gleichen Boot stecken.
Man muss mit ansehen wie die Überlebenden der hunderttausend von der Strahlung Betroffenen nach dem Unglück wie Aussätzige behandelt, gemieden und verabscheut werden, obwohl keiner etwas für den Haarausfall und die zunehmende Körperschwäche kann, die einen als Opfer kennzeichnen.
Die Bilder in diesem Comic sind zwar schlicht gezeichnet, aber dafür umso aussagekräftiger. Es sind Bilder, die einem im Gedächtnis bleiben und die einen wohl auch nicht mehr so schnell loslassen, weil die Gefahr wahrhaftig und real ist.
Ich frage mich wirklich, wie wir Menschen nach dem Unglück in Tschernobyl eigentlich damit leben können, dass es diese Atomwaffen, -werke und den Atommüll immer noch gibt, die unzählige Menschen aus Tschernobyl und Hiroshima über Generationen hinweg den Tod gekostet haben, kosten und weiter kosten werden.

Dadurch, dass die Katastrophe auch aus der Sicht der 15 jährigen Janna beschrieben wird und man sie stets als Bezugsperson vor sich hat, zieht es den Leser noch viel mehr in diese Geschichte hinein, als einem vielleicht lieb ist. Man trauert um Jannas Verluste, als wäre es seine eigenen, und wider jeder Vernunft hofft man, dass sich alles  noch zum Guten wenden kann. Doch natürlich weiß man, dass sich einem dieser Wunsch nicht erfüllen wird.
Ich muss der Autorin deshalb ein großes Lob aussprechen, denn sie es trotzdem geschafft einen runden und bewegenden Abschluss für die Geschichte zu finden, mit dem ich als Leser einigermaßen zufrieden weiterleben kann.

Nach Beenden des Buches bleibt bei mir neben dem Gefühl der Trauer und der Machtlosigkeit, auch die Wut und das Unverständnis für unsere Gesellschaft zurück. Heutzutage scheint es den Leuten nur noch darum zu gehen eine gute Arbeitsstelle zu bekommen und haufenweise Geld zu verdienen. Diesen Menschen müsste man einmal dieses Buch zeigen. Die Wolke lehrt einen nämlich, dass es etwas gibt, das wichtiger ist als alles andere. Wie Janna sagte: „Dass ich am Leben ist. Dass ich lebendig bin.“ Genau das zählt. Auch für mich.

Die Wolke von Anike Hage gibt einem viel Stoff zum Nachdenken, viel Raum um sich mit einem Thema zu befassen, dass uns alle angeht und dem wir nicht blind gegenüber treten dürfen, und es gibt uns die Bilder, damit wir das Ausmaß an der Zerstörung erkennen, die Atomwaffen- und werke bewirken können.
169 Seiten, die etwas in einem Menschen bewegen.
Der einzigen Kritikpunkt, den ich somit anmerken möchte, ist, dass es ruhig noch ein paar Seiten mehr hätten sein können. Ein wenig mehr Fülle an Handlung und ein wenig mehr Streckung an Tempo wäre durchaus wünschenswert gewesen, um mehr über das Leben in einem atomverseuchten Land und die Reaktionen der Menschen zu erfahren.

Atomkraft? Nein danke!

 

2 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Merle
    Okt 12, 2010 @ 10:54:21

    Eine wirklich ausdrucksstarke Rezension, in der du ganz klar deine Meinung zu dem Thema sagst. Sie hebt sich ganz klar von den normalen Rezensionen hier ab und ich bin wirklich beeindruckt.
    Ich kenne das Buch, von dem ich auch begeistert war, aber ich konnte meine Gedanken hinterher bei der Präsentation in der Schule nicht einmal annähernd so gut ausdrücken wie du hier schriftlich. Beim nächsten Mal lass ich mir meine Präsentation von dir schreiben! xD
    Der Comic würde mich nun auch interessieren. Vielleicht findet er sich bald auch in meinem Regal. :)
    Gruß,
    Merle

    Antworten

  2. **SaLlY**
    Okt 14, 2010 @ 15:57:37

    Ich habe ebenfalls vor kurzem das Buch gelesen und fande es sehr bewegend. Dieser Comic würde mich daher auch sehr interessieren.
    Das wird dann der erste Comic in meinem Leben…aber man muss alles mal probiert haben! Findet ihr nicht auch? :)

    Antworten

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