[Autoreninterview] Interview mit Brigitte Riebe

Jetzt ist es endlich soweit – das erste Autoreninterview findet auf Clees Bücherwelt seinen Platz!

Ich hatte das Glück und die Ehre, Brigitte Riebe mit meinen Fragen löchern zu dürfen und hier könnt ich euch jetzt durchlesen, was sie  alles über sich und ihre Arbeit zu erzählen hat. Viel Spaß!

© Jorinde Gersina

Sehr geehrte Frau Riebe, bevor Sie Schriftstellerin geworden sind, arbeiteten Sie ja als Museumspädagogin und Lektorin. Wie kam es, dass Sie selbst mit dem Schreiben anfingen? Wussten Sie schon immer, dass Sie Talent dafür haben. Um was ging es in Ihrem ersten Roman?

Eigentlich war ich schon immer eine Geschichtenerzählerin, habe den anderen Kindern Märchen und Geschichten erzählt, von klein auf. Mit 9 hatte ich eine wunderbare Freundin Adri, die nach der 4. Klasse leider  wegzog – ein Schock, von dem ich mich damals nur schwer erholt habe. In dem Sommer, in dem wir beide 10 werden sollten, haben wir Stunden damit verbracht, uns „vorzuschwindeln“, wir hätten heimlich die Romane unserer Eltern gelesen. Und natürlich kamen immer tolle Mädchen darin vor. Ich habe meine Freundin jetzt nach langer Zeit wiedergefunden – wir beide erinnern uns noch genau daran. Sie sagte, meine Geschichten seien schon damals so „lebendig“ gewesen…

Na ja, hat also offenbar früh angefangen!

Dann hab ich Abi gemacht, lange und intensiv studiert und mich in der Wissenschaft sehr wohl gefühlt. Das gilt für mich auch heute noch. Aber nach Begegnungen mit Alberto Moravia, Hilde Spiel, Edgar Reitz und – ja – Nina Hagen brach der Wunsch zu schreiben (ich hatte zwischendurch immer wieder journalistisch gearbeitet) wieder durch.

Und dann hab ich begonnen mit „Palast der blauen Delphine“ …

 

Wie lange haben Sie mit dem Schreiben Ihres Debüts Mann im Fleisch, das 1991 veröffentlicht wurde, zugebracht und was waren die Schwierigkeiten dabei?

„Mann im Fleisch“ war sozusagen ein Nebenprodukt, nicht anders wie auch mein erster Krimi „Nix dolci“ als Lara Stern. Mein erster Roman war „Palast der blauen Delphine“, aber Ende der 80er waren historische Romane nicht gerade en vogue und es dauerte 4 Fassungen, eine übelmeinende Ex-Kollegin, die mir beinahe alles verbaut hätte, und 2,5 Verleger, bis er endlich fertig war.

Hat jede Menge Nerven gekostet, viele Illusionen,  einige Tränen – und von der Idee bis zum Erscheinen fast 6 Jahre.

 

Wie fühlt man sich, wenn man den ersten eigenen Roman in den Händen hält?

Das war toll, aber auch ein wenig unwirklich.

 

Könnten Sie uns ein bisschen etwas darüber erzählen, wie ein Roman entsteht und wie der Alltag eines Autors aussieht? Gibt es irgendwelche bestimmte Rituale, denen Sie täglich nachgehen? 

Ich bin eine sehr fleißige Autorin, die sich morgens spätestens um 8 Uhr an den Schreibtisch setzt und dann loslegt. Oft beginne ich mit dem Überarbeiten der Texte vom Vortag – eigentlich immer-, dann versuche ich, weiter zu schreiben. Wen ich keine anderen Termine habe (und mein frecher Kater Filou, das Vorbild für Fuego im Roman mich nicht stört), arbeite ich meist bis 15 Uhr, dann kommen andere Tätigkeit dran – Lesen, Treffen mit meinen Mitarbeitern (die mir bei der Sekundärliteraturbeschaffung in den Bibliotheken helfen und für mich die Kopien machen), Bürokram, Steuerangelegenheiten, Kontakt mit dem Verlag, Pressekontakte etc.

Jeder Roman entsteht immer wieder anders – bei mir jedenfalls, da ich keine Massenware produziere. Mal ist es eine Szene, mal ein Namen, mal eine historische Begebenheit, die am Anfang steht und mich inspiriert. Bei „Die Nacht von Granada“ war es ganz vieles auf einmal: meine Liebe zu Andalusien, das ich seit 25 Jahren oft bereist habe, und das schon ein wenig zu meiner „Zweitheimat“ geworden ist, die Liebe zu meiner Freundin Pollo (Vorbild zu Lucia) und ihrer Tochter Anna, meinem schönen, großen Patenkind, der dieser Roman gewidmet ist. Wie oft sind wir „über Land“ gefahren und haben dabei über Christen und Muslima einst und jetzt philosophiert!

Im vergangenen Jahr dann unsere gemeinsame Reise nach Granada, wo wir durch die Gassen des Albaycíns gestromert sind, bis wir diese beide Häuser fanden, die sich wie die Bäuche zweier schwangerer Frauen beinahe über die Gasse berühren.

Da wusste ich:  angekommen!

 

Was sagen Ihre Familie und ihre Freunde dazu, dass Sie eine bekannte Schriftstellerin sind? Werden Sie auf der Straße erkannt?

Meine Familie und meine Freunde haben sich inzwischen daran gewöhnt, für die ist es ganz normal.

Erkannt? Ist mir bis jetzt nur selten passiert – aber ehrlich gesagt, möchte ich das gar nicht. Geht ja nicht um meine Person, sondern um meine Romane!

 

Als Autor erhält man ja nicht immer nur Lob für seine Arbeit … gab es an einem Ihrer Bücher schon einmal schlechte Kritik  und wenn ja, wie sind Sie dann damit umgegangen?

Klar gibt es die! Menschen haben unterschiedliche Geschmäcker, und das ist auch gut so. Allerdings gibt es verschiedene Arten     von Kritik, sachbezogene und bodenlose. Wenn jemanden etwas nicht gefällt und er bemängelt das konkret – prima (obwohl Lob   natürlich immer schöner ist, ganz klar!)

Was ich aber nicht leiden kann, ist Kritik wie „war einfach nur megaschlecht“ – was soll das heißen?

Oder, noch schlimmer: Habe 10 Seiten gelesen – und fand es schlecht.

Was soll so etwas?

Ich finde die vielen Foren und Plattformen, auf denen sich Menschen nun ausdrücken und mitteilen können, prima. Doch manchmal habe ich den Eindruck, sie sind auch eine Art Ausdrucksmöglichkeiten für bislang zu kurz Gekommene, die endlich mal ordentlich „auf die Kacke hauen“ wollen  (natürlich immer anonym, versteht sich!)– wenn du diesen kräftigen Ausdruck entschuldigst!

Also: Ich versuche von konstruktiver Kritik zu lernen – und habe schon viel davon gelernt!

Was macht Ihnen am meisten Spaß am Schreiben und was können Sie überhaupt nicht leiden?

Am schönsten ist eigentlich der Entwurf des Stoffes, wenn alles noch möglich ist – und wie in einer Riesen-Wunsch-Schüssel vor einem liegt …  Ist schöpfen pur. Das liebe ich!

Was ich nicht mag: Zeitdruck!

 

Sie haben im Laufe der Jahre schon unzählige Romane veröffentlicht. Wie kommen Sie auf die Ideen zu Ihren Büchern und wie wissen Sie, dass es sich lohnt diese Ideen in einem Romanplot auszuarbeiten?

Unzählige sind es nicht, wenn man die historischen zählt, sind es jetzt 15. (die anderen sind für mich eher ein wenig „Beiwerk“: Mit den Ideen,  siehe oben.

Ob es sich lohnt?

Das weiß ich vorher leider nicht.

Ich habe auch schon zweimal ein Projekt abgebrochen, einmal weil es mich zu sehr deprimiert hat (ging um Katharina die Große), ein anderes Mal, weil die Geschichte damals nicht trug – aber darauf werde ich mit neuen Ideen noch einmal zurückkommen.

Also, einfach probieren!

 

Gibt es ein Buch unter Ihren Veröffentlichungen, das Ihnen am meisten am Herz liegt und wenn ja, warum?

Ich habe zwei Lieblingsbücher. Einmal „Die Nacht von Granada“ (Gründe siehe oben) und dann „Die sieben Monde des Jakobus“, weil in ihm die Geschichte von 5 Außenseitern der frühneuzeitlichen Welt erzählt wird. Ich bin ja sozusagen die „Mutter“ aller Jakobswegsromane, habe meine Romane schon veröffentlicht, bevor der Boom begann – und diese 5 Außenseiter, darunter ein 13jähriger Junge namens Jakob, den ich ganz besonders ins Herz geschlossen habe, machen sich auf diesen „Weg der Wunder“, um schließlich festzustellen, dass die Wunder in ihnen selbst liegen.

Auch übrigens für junge Menschen deines Alters sehr schön zu lesen!

 

Geben Sie den Personen in Ihren Büchern auch immer etwas von sich selbst oder einem Menschen aus Ihrem Umfeld mit?  Haben Sie einen Lieblingsprotagonisten?

Klar, die Protagonisten haben immer auch ein Stückchen von mir (und von anderen Menschen) – aber sie sind mehr als die  einfache Summe dessen. Ich kann nur erzählen, was ich kenne. Bei anderem muss ich passen.

Mein Liebling?

Jakob (siehe oben) und ja, auch Miu aus „Der Kuss des Anubis“ und ihren Vetter Ani mochte ich sehr, sehr gerne.

 

Wie schwer ist es eine historische Figur in einem Buch zu einer lebendigen Person mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, mit Gefühlen, einer Meinung und einer bestimmten Denkens- bzw. Handelsweise zu machen?

Sehr, sehr schwer! Ich arbeite viele, viele Monate daran – und manche Szenen mache ich bis zu 40-mal (und öfter) neu!

Gibt es eine Stelle in einem Ihrer Romane, auf die Sie besonders stolz sind?

„Es ist die Liebe“, sagte sie so leise, dass er sich dicht über sie beugen musste, um keines ihrer Worte zu überhören. „In ihr hat alles seinen Ursprung, zu ihr will alles zurück. Liebe ist das Gesetz, die Mutter der Weisheit und die Offenbarung aller Mysterien.“

Aus“ Palast der blauen Delphine“, S. 295

Das sagt Merope im Sterben zu ihrem Zieh-Sohn Asterios …  übrigens auch ein Roman, der sich besonders gut für junge Menschen eignet!

 

Sie schreiben ja hauptsächlich historische Romane und sind auch promovierte Historikerin. Was fasziniert Sie so an Geschichte?

Wie sollen wir das Heute bewältigen und uns auf das Morgen einstellen, wenn wir das Gestern nicht kennen?

 

Welche Zeit hat es Ihnen besonders angetan? Würden Sie gerne einmal eine Zeitreise in die Vergangenheit unternehmen und wenn ja, wohin genau? Gibt es gar eine bestimmte Person aus der Vergangenheit, die Sie unbedingt  treffen wollten. Über was würden Sie sich dann mit dieser unterhalten?

Einen Nachmittag zu Echnaton – einen anderen zu Hildegard von Bingen – aber immer mit dem Beamer in der Hand, damit ich ganz schnell wieder zurück kann.

Bin heilfroh, dass ich heute leben darf!

Echnaton würde ich fragen, ob er wirklich so durchgeknallt war, wie viele heute behaupten (glaube ich eher nicht) und Hildegard, ob sie ihre Bücher über Kräuterheilkunde wirklich selbst geschrieben hat (vieles spricht nämlich dagegen!)

 

 Glauben Sie, dass man als Autor eine gewisse Verantwortung mit seinen Büchern auf sich nimmt? Kann ein    Buch einen  Menschen verändern?

Unbedingt! Ich verstehe mich selbst als Humanistin – und ich hoffe, meine Bücher sprechen auch diese Sprache.

 

Haben Sie ein literarisches Vorbild, dem Sie nacheifern? Was lesen Sie selbst in Ihrer Freizeit für  Bücher?

Mein Lieblingsbuch ist „Madame Bovary“ von Flaubert – aber ihm eifere ich nicht nach (wie könnte ich!).

Ich versuche, einen eigenen Stil zu erfinden und lese in meiner Freizeit – alles, was bei drei noch nicht auf dem Baum      ist (und das seit mehr als 50 Jahren!)

 

Was hat Sie zu ihrem neusten Jugendbuch Die Nacht von Granada inspiriert und… ich habe mich ja  schon immer gefragt, wer diese Menschen sind, denen ein Buch gewidmet wurde. Ihre Widmung gilt  einer Anna von Spanien. Da auch ich Anna heiße, interessiert mich Ihre Anna natürlich gleich doppelt so sehr. Verraten Sie uns wer das ist?

Das Meiste dazu habe ich ja schon weiter oben erzählt. Anna ist meine süße große Patentochter, die Tochter meiner Freundin Pollo – ich liebe sie beide!

Als sie 5 war und zwischen Spanien und Deutschland oft hin- und herfliegen musste (ihre Mama war gerade am Umziehen), stieg sie einmal aus dem Flieger und sagte mit ihrem glockenhellen Piepsstimmchen: „Ich bin Anna von Spanien“ ….

Wir ziehen sie noch heute manchmal damit auf (inzwischen ist sie süße 27!)

 

Arbeiten Sie momentan schon an einem weiteren Buch, vielleicht sogar einem neuen Jugendbuch? Dürfen Sie uns etwas darüber oder auch zukünftige Projekte verraten?

„Mein nächstes Jugendbuch wird heißen „Die Gläserne Gondel“ und soll Teil einer Trilogie werden …

Drückt mir bitte mal die Daumen – ist meine erste Trilogie!

 

Gibt es eine Frage, die Sie schon immer einmal gestellt bekommen hätte, die bis jetzt aber noch niemals aufgetaucht ist?

„Lieben Sie junge Menschen?“

Brigitte Riebe: „Und wie!“

 

Was gibt es sonst noch Wichtiges über Sie zu erzählen, was Ihre Leser unbedingt wissen sollten?

Ich denke, jetzt wisst ihr schon eine ganze Menge über mich … und falls noch etwas fehlt: über meine Homepage www.brigitteriebe.com könnte ihr mir (über „Kontakt“ mailen und mich fragen, was ihr sonst noch wissen wollt!

 

Haben Sie vielen Dank für Ihre Geduld bei der Beantwortung meiner Fragen. Für Ihre berufliche und private  Zukunft wünsche ich Ihnen alles Liebe und weiterhin viel Erfolg!

Danke, liebe Anna – hat großen Spaß gemacht!

Ein „Klick!“ und ihr seid auf der Homepage der Autorin!

 

6 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Rania
    Dez 01, 2010 @ 13:45:10

    Ein klasse Interview, optisch wirklich sehr ansprechend und auch sehr interessante Fragen! Natürlich noch interessantere Antworten!
    Ich finde das wirklich großartig, normalerweise erfährt man sonst ja nichts über die Autoren (zumindest nicht mehr, als das, was auf der HP zu finden ist).
    Ich kannte bis jetzt nur „Die Nacht von Granada“ von Brigitte Riebe (hab auf deine Rezension gehört und fands ebenso schön!), habe mir aber aufgrund dieses Interviews einmal noch „Der Kuss des Anubis“ gekauft – ein wunderschönes Cover!
    So… und jetzt geh ich lesen!

    Antworten

  2. Merle
    Dez 01, 2010 @ 13:50:03

    Kann ich nur zustimmen! Das Interview sieht toll aus mit den Bildern und es ist wirklich interessant zu lesen, was Autoren so über ihre Arbeit erzählen! Hab mir auf deinen Rat auch Die Nacht von Granada gekauft und war schwer begeistert! Ich glaube ich probiere es wie Rania als nächstes mit Der Kuss des Anubis… hast du das schon gelesen, Clee? Du hast ja erzählt, dass du das alte Ägypten sehr interessant findest…
    Grüßle,
    Merle

    PS: Freue mich schon auf das nächste Interview (mit der geheimnisvollen Unbekannten… *g*)

    Antworten

  3. Raike
    Dez 01, 2010 @ 14:12:53

    Brigitte Riebe!!!! O.O O.O O.O
    BRIGITTE RIEBE, ICH LIEBE IHRE BÜCHER!!!!!
    Oh danke Clee! Danke, danke, danke! Millionenfachen Dank! Mehr über eine meiner Lieblingsautorinnen zu erfahren ist so obercool! Und juhuuu! Ein neues Buch! Eine Trilogie sogar! Clee und Frau Riebe, ich liebe sie beide, hab ich das schon gesagt? *hüstel* DANKE!
    Übrigens haben die anderen recht, es sieht einfach großartig aus!

    Antworten

  4. Mellie
    Dez 01, 2010 @ 15:14:11

    Ich habe „Die Hüterin der Quelle“ von ihr gelesen und fand es höchst interessant und schön geschrieben. Das Interview macht echt Lust darauf, mehr von dieser Autorin zu lesen – sehr schöne Aufmachung und spannende Fragen! Frau Riebes Antworten sind natürlich noch spannender… tolle Sache! Die Homepage werde ich mir auch einmal anschauen.

    LG,
    Mellie

    Antworten

  5. Laua
    Dez 01, 2010 @ 15:16:16

    ich stimme hier all den leuten vor mir zu: gefällt mir unheimlich gut! werde mir mal eines ihrer jugendbücher zulegen. ‚die nacht von granada‘ steht seit deiner rezi eh schon auf meinem wunschzettel – jetzt muss ich es unbedingt lesen. vllt kann auch ich zum fan historischer romane werden, wer weiß?

    Antworten

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