[Autoreninterview] Interview mit Nora Melling

Man mag es kaum glauben, aber ich durfte erneut in einem Interview eine Autorin über ihre Arbeit ausquetschen – dieses Mal die Autorin Nora Melling, deren Debüt Schattenblüte. Die Verborgenen vor einem Monat im Rowohlt Polaris Verlag erschienen ist. Viele mögen sie und ihr Buch vielleicht schon kennen, wenn dem so ist, dann könnt ihr hier jetzt nachlesen, wer der Mensch hinter dem Namen Melling ist. Ich wünsche euch viel Spaß!

bild-brille-klein-150x138

© Nora Melling

Liebe Nora, am ersten November diesen Jahres ist ja nun dein Debütroman Schattenblüte. Die Verborgenen erschienen. Was für ein Gefühl ist das, wenn man das erste eigene Buch in den Händen hält?

Das eigene Buch in den Händen zu halten ist ein ganz besonderer Moment. Bis zu diesem Zeitpunkt war alles irgendwie so unwirklich – Computerdateien wurden hin und her geschickt, Telefonate geführt, Coverentwürfe kamen als E-Mail-Anhang. Alles war virtuell; alles hätte man mit ein paar Tastendrucken löschen können. Aber dann kam per Post das erste richtig fertige Buch, das man anfassen, in die Hand nehmen, aufschlagen und lesen konnte. Da war es mir zum ersten Mal klar: „Schattenblüte“ ist ein Buch, mein Traum ist wirklich wahr geworden!

Wusstest du schon immer, dass du Talent zum Schreiben hast?

Ich habe immer Bücher geliebt und wollte dann das Geschichtenerzählen selbst versuchen. Ich glaube aber nicht, dass ich mir über Talent Gedanken gemacht habe. Es war mehr so, wie wenn man beschließt, ein Musikinstrument zu lernen. Man hört eine Geige (Gitarre, Klavier, such Dir was aus), verliebt sich in den Klag und denkt sich: Solche schönen Töne will ich auch machen können. Und dann fängt man eben an es zu lernen so gut man kann.

Wie bist du darauf gekommen, Schattenblüte einem Verlag anzubieten – hat dich jemand dazu ermutigt oder geschah es  auf eigenen Entschluss hin?

Vorab: Ich habe Schattenblüte nicht selbst einem Verlag angeboten. Ich habe die Geschichte geschrieben, und als ich fertig  war, fand ich, die „hat was“. Um zu erfahren, ob ich da richtig liege, habe ich ein Exposé und eine Leseprobe an eine Agentur  geschickt. Diese Agentur hat dann das gesamte Manuskript angefordert, mich ermutigt, mir Überarbeitungstipps gegeben  und anschließend das Manuskript bei den entsprechenden Verlagen angeboten.

Kannst du uns ein bisschen etwas darüber erzählen, worum es in deinen anderen Geschichten geht?  Besteht die Chance, dass von diesen auch einmal irgendwann eine veröffentlich wird?

Meine anderen Geschichten sind ebenfalls Fantasy. Eines davon geht ganz grob in Richtung von Cornelia Funkes „Reckless“. Ich mag meine Geschichten und die darin handelnden Personen immer noch gerne, aber damit man sie veröffentlichen kann, so, dass ein Leser Freude daran hat, müsste ich sie wohl komplett neuschreiben. Vielleicht mache ich das, wenn ich die Schattenblüten-Trilogie fertig geschrieben habe.

Dein Buch gehört ja zum Genre Fantasy. Was fasziniert dich an diesem Genre?

Man kann in der Fantasy so gut mit Symbolen arbeiten. Außerdem mag ich die Themen, die in der Fantasy oft behandelt werden. Leben und Tod, Freundschaft, Treue, Mut und Angst, all das kann man besser behandeln und klarer herausarbeiten, wenn man den normalen Alltag ein bisschen weglässt…

Wie lange hast du an deinem Debüt gearbeitet und was waren die Schwierigkeiten dabei?

Ich denke, von der ersten Idee bis zum Erscheinungstermin sind zweieinhalb Jahre vergangen. Natürlich gab es auch Zeiten, an denen ich das Manuskript einfach liegen gelassen habe.

Schwierigkeiten? Meine Heldin Luisa ist so anders als ich, so viel mutiger und radikaler. Ich musste an vielen Stellen die Stimme in meinem Kopf, die „Das kann man doch nicht machen!“ jammerte, einfach ausstellen und überlegen: Was würde Luisa tun? Was tut man, wenn man an einem Punkt angekommen ist, wo einem die Meinung der Anderen einfach egal ist?

Was gefällt dir am besten am Schreiben und was magst du überhaupt nicht?

Toll ist, dass man Figuren zum Leben erwecken kann, die es bis dahin noch nicht gab. Man tippt und tippt und langsam entsteht – quasi aus dem Nichts – eine eigene Persönlichkeit. Auf einmal kann man Fragen stellen, wie: Was würde zum Beispiel Thursen hierüber oder darüber denken? – Thursen, der eigentlich nur in meinem Kopf existiert.

Nicht so viel Spaß macht es, wenn eine Szene einfach nicht so werden will, wie ich es mir vorstelle; wenn ich nicht die richtigen Worte und Bilder finde, um sie lebendig werden zu lassen. Dann fühle ich mich, als müsste ich jemandem in einer mir fremden Sprache den Weg zum Bahnhof erklären (und das ohne die Hände zu nutzen!). Sehr frustrierend!

Was sagen denn deine Familie und Freunde dazu, dass du jetzt Autorin bist?

Meine Freunde freuen sich mit mir, klar. Meine Familie freut sich auch – jedenfalls so lange, bis ich sage: Jemand anders muss heute den Geschirrspüler ausräumen, ich muss da noch eine wichtige Szene bearbeiten….

Wirst du auf der Straße schon von Leuten erkannt?

Bisher hat mich noch niemand auf der Straße erkannt, und ich hoffe sehr, dass das auch so bleibt. Sonst kann ich ja nie mehr mit Strubbelhaaren und ungeschminkt mal eben schnell zum Einkaufen gehen!

Hast du neben dem Schreiben auch noch einen zweiten Broterwerb oder konzentrierst du dich jetzt voll auf deine Arbeit als Schriftstellerin?

Als ich begonnen habe zu schreiben, war ich nur Mutter (von vier kleinen Kindern) und Hausfrau – da war also nichts mit Broterwerb. Jetzt bin ich Autorin, Mutter (von vier nicht mehr ganz so kleinen Kindern) und Hausfrau. Zum Glück verdiene ich mit dem Scheiben so viel Geld, dass ich mich nicht auf noch einen weiteren Job konzentrieren muss!

Erzählst du uns ein bisschen darüber, wie dein Roman entstanden ist? Wie sieht denn so ein gewöhnlicher Arbeitstag eines Autors aus? Gibt es irgendwelche geheimnisvollen Rituale, denen du jeden Tag nachgehst?

Ich glaube, das ist nicht so spannend wie man vielleicht denkt. Ich setze mich morgens, wenn meine Familie in der Schule ist, an den Computer und schreibe bis sie alle wiederkommen. Ab und an gibt es einen Ausflug – manchmal auch mit der Familie – wenn ich mir einen Ort, der im Roman vorkommen soll, noch einmal angucken muss. (Wir hatten nette Picknicks im Grunewald…)
Richtige Schreib-Rituale habe ich nicht. Schön ist eine Tasse Tee… Außerdem habe ich so kleine Plastik-Tierfiguren auf meinem Schreibtisch, die mich an die jeweilige Geschichte erinnern. Zu „Schattenblüte – Die Verborgenen“ hatte ich einen Wolf, einen Schwan mit gespreizten Flügeln (zu der Szene von Luisa und Thursen am Ufer des Wannsee) und eine Wildschwein. Jetzt sitzt da zusätzlich eine schwarze Krähe.

Was hat dich zu all deinen Ideen inSchattenblüte inspiriert und woher wusstest du, dass es sich lohnt diese Ideen in deinem Buch unterzubringen? Vor allem interessant ist dabei ja: wie bist du auf deine Auslegung der Werwölfe gekommen?

Zu „Schattenblüte“ haben mich eigentlich eher tausende Kleinigkeiten inspiriert. Ein Beispiel: Ich habe eine Weile in Schleswig-Holstein gelebt, in einem Dorf. Da wurde mir die Geschichte erzählt, dass vor ein paar Jahren dort jemand aus dem Dorf seine Arbeit verloren hatte. Statt jedoch zu den Ämtern zu gehen und Sozialhilfe zu beantragen, ist er einfach verschwunden. Lange Zeit wusste niemand, was aus ihm geworden war. Später kam dann heraus, dass derjenige heimlich viele Monate lang im angrenzenden Wald (in dem er sich ja auskannte) in einer selbstgebauten Höhle gelebt hat, ohne je einem Menschen zu begegnen. Ich habe mich gefragt, ob so etwas in einer Stadt wie Berlin wohl auch möglich wäre.

Auf was bist du besonders stolz in deinem Buch?

Es bedeutet mir viel, wenn mir Menschen schreiben, dass Ihnen Schattenblüte in einer schwierigen Lebenssituation Mut gemacht hat.
Ein bisschen stolz bin ich auch, wenn mir junge Mädchen schreiben: Ich lese eigentlich gar nicht, aber „Schattenblüte“ fand ich total spannend! Wie schön, wenn diese Mädchen durch „Schattenblüte“ vielleicht doch Spaß am Lesen bekommen.

Gibt es eine Person in Schattenblüte, der du gerne einmal von Angesicht zu Angesicht begegnen würdest? Wenn ja, welche  wäre das und über was würdest du dich mit dieser unterhalten?

Hm… was soll ich darauf antworten? Ich muss den Personen ja nicht von Angesicht zu Angesicht begegnen, ich kann mich  einfach in meinem Kopf mit ihnen unterhalten, wann immer ich möchte.
Interessant – aber auch ein bisschen bizarr – wäre es natürlich, Luisa und Thursen mal gegenüber zu stehen und wirklich zu  sehen, wie sie denn aussehen und sich bewegen.

Hast du deinen Charakteren Eigenschaften von dir selbst oder einem Menschen aus deinem Umfeld  mitgegeben?

Ich denke, jeder Mensch hat eine große Bandbreite von Eigenschaften, die mehr oder weniger stark zum Ausdruck kommen. Natürlich haben auch die Charaktere in „Schattenblüte“ Eigenschaften von mir, ich hätte sie mir ja sonst nicht ausdenken können.

Dein Buch ist ja im Präsens geschrieben. Wie bist du darauf gekommen, nicht wie die meisten Autoren im Präteritum zu schreiben? Ist es dir passiert, dass du auch ausversehen einmal in der Zeit gesprungen bist?

„Schattenblüte“ ist ja aus Luisas Sicht in der Ich-Form geschrieben. Ich wollte detailliert beschreiben, was Luisa in diesem Moment fühlt und wahrnimmt. Es wäre mir irgendwie komisch vorgekommen, zu schreiben: „Vor einem Jahr trat ich auf ein Zweiglein, das unter meiner Sohle leise knackend zerbrach. Ein kühler Windhauch blies mir die Haare aus dem Gesicht.“ Das alles sind Dinge, die man spätestens am nächsten Tag wieder vergessen hat. Ich wollte Luisa unmittelbar begleiten, daher musste es Präsens sein.

Natürlich bin ich beim Schreiben auch mal in der Zeit gerutscht, weil man eben so viele Bücher liest, die in der Vergangenheit geschrieben sind, und es dann automatisch auch so macht. Aber zum Glück kann man das ja am Computer leicht ändern.

War der Titel Schattenblüte. Die Verborgenen deine Idee oder kam dieser Vorschlag von Seiten des Verlages?

Es ist nicht so einfach, einem Buch einen endgültigen Titel zu geben, denn dieser Titel darf noch nicht für ein anderes Buch verwendet worden sein. Daher fiel zum Beispiel alles mit „Wolf“ schon mal weg. (Mein Arbeitstitel war natürlich mit „Wolf“) Zum Glück gibt es aber in den großen Verlagen spezielle Titelkonferenzen, in denen sich die entsprechenden Leute, die sich damit auskennen, zusammensetzen und gemeinsam beraten, welcher Titel zu dem jeweiligen Buch passt. „Schattenblüte“ war, ebenso wie das Cover mit dem Mädchen und der Blume, ein Vorschlag meiner Lektorin.

Was sagtest/dachtest du zu dem Cover von Schattenblüte, als du es das erste Mal gesehen hast?

Vorab: Ich liebe das Cover, es gibt viel von der Stimmung im Buch wieder und ist wirklich ganz toll gewählt. Ich wusste ja schon, dass, in Anlehnung an die Szene mit Sjöll, ein Mädchen und eine Blume auf dem Cover sein würden. Trotzdem war es, als ich den ersten Entwurf geschickt bekommen habe, ziemlich seltsam. Plötzlich haben da irgendwelche fremden Leute, die ich noch nie gesehen habe, meine Ideen interpretiert! Meine Geschichte war plötzlich „öffentlich“ geworden. Daran musste ich mich erstmal gewöhnen.

Hast du dir deine Protagonisten so vorgestellt, wie sie in dem Trailer zum Buch dargestellt werden?

Na ja, in meinem Buch ist es Herbst und ziemlich kalt. Luisa trägt zum Beispiel eine dicke Jacke. Stell Dir vor wie das aussähe, wenn Luisa in dicken Winterklamotten durch das Video stampfen würde – das ginge doch gar nicht. Ich finde das Video gut, auch wenn ich mir meine Protagonisten anders vorgestellt habe.

Was sind so deine literarischen Vorbilder und was für Bücher liest du gerne in deiner Freizeit? 

Literarische Vorbilder? Ich habe nicht ein einziges literarisches Vorbild, so nach dem Motto „Ich möchte schreiben wie XYZ“. Vom Aufbau der Geschichten her bewundere ich Joanne Rowling. Bei Harry Potter hat sie es geschafft einen Spannungsbogen über sieben Bände zu halten, dazu für jeden Band einzeln einen Spannungsbogen zu konstruieren und dann die Geschichten in jedem Band noch jeweils abzuschließen, ohne die Neugier auf den nächsten Band zu nehmen. Außerdem fasziniert mich ihr Detailreichtum. Bei Cornelia Funkes Tintenherztrilogie und bei Ray Bradburys „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ gefällt mir die bildreiche Sprache. In Tolkiens „Herr der Ringe“ und in Pullmans „Goldenem Kompass“ liebe ich die philosophische Komponente.

Ich lese gerne All-Age-Fantasy. Ich glaube fast alles, was davon auf der Bestsellerliste auftaucht, habe ich schon gelesen, und nocheiniges mehr! Daneben lese ich Thriller, Jugendromane, Krimis, Lovestorys – alles was mir interessant erscheint.

Gibt es eine Frage, die dir in diesem Interview noch nicht gestellt wurde und die du aber unbedingt beantworten wolltest? Gibt es sonst noch etwas Wichtiges, dass du deinen Lesern mitteilen möchtest?

Liebe Clee, ich fand Deine Fragen außerordentlich spannend. Ich glaube Du hast alles Wichtige gefragt. Eins möchte ich noch sagen: Mit meinen Leserinnen habe ich wirklich Glück. Ich hätte nie gedacht, dass man als Autorin über das Internet so viele Rückmeldungen bekommen kann, und zwar von Menschen, die „Schattenblüte“ nicht nur überflogen, sondern wirklich gelesen haben. Menschen, die das Buch berührt hat. Darüber freue ich mich jeden Tag wieder. Schreiben ist dann plötzlich gar keine einsame Angelegenheit mehr, wie es immer heißt.

Liebe Nora, hab vielen Dank für deine Geduld! Privat und beruflich wünsche ich dir auch weiterhin viel Glück und Erfolg, und natürlich freue ich mich, wie auch so viele andere Leser, auf den nächsten Band deiner Trilogie!

Hier geht’s zur Homepage von Nora Melling:

7 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Trackback: “Interview mit Nora Melling” auf Clee’s Bücherwelt | Nora Melling – Schattenblüte
  2. Merle
    Dez 03, 2010 @ 20:21:21

    Was soll ich sagen… du hättest Frau Melling wohl nicht interviewt, fändest du das Buch nicht total toll! Also: ist so gut wie gekauft! Brauch eh ein neues… danke! :)
    Und geniales Interview! Schon das zweite hier! Wiedermal spannende Fragen – und spannende Antworten! Freue mich aufs Lesen!
    Gruß,
    Merle

    Antworten

  3. buchfanatiker
    Dez 03, 2010 @ 20:42:14

    Meine Schwester liest das Buch gerade…ich werd ihr wohl mal einen Link zu dem Interview hier zuschicken. Die freut sich bestimmt riesig!

    Antworten

  4. mirjam
    Dez 03, 2010 @ 21:32:25

    Hallo Clee,

    Sehr schönes und vor allem informatives Interview, mit guten Fragen und interessanten Antworten. Kompliment!
    Ich selbst habe das Buch auch gelesen und fand es spannend, unterhaltsam, berührend & geheimnisvoll.

    liebe Grüsse, mirjam

    Antworten

  5. *Mary*
    Dez 03, 2010 @ 21:35:22

    wirklich spitzen interview! macht lust darauf, dass buch zu lesen! kommt auf jeden fall auf meinene wunschzettel!

    Antworten

  6. Trackback: Schattenblüte. Die Verborgenen « Clee's Bücherwelt
  7. Trackback: Schreiberlinge bitte „Hier!“ schreien « Clee's Bücherwelt

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Das ist jedermanns Angelegenheit!

Diese Seite wurde getestet…

SeitTest-Zertifikat

Mir wurde verliehen:

%d Bloggern gefällt das: