[Rezension] Nora Melling – Schattenblüte. Die Verborgenen

Die Sonne scheint auch auf der Schattenseite des Lebens.

Schattenblüte. Die Verborgenen

von Nora Melling

Rowohlt Polaris, 2010

Broschiert, 352 Seiten

ISBN 978-3-86252-000-8

14,95 €

Leseprobe


Weiterleben?
Wozu? Geht das denn überhaupt?
Nein… nein. Das kann jetzt wirklich keiner von Luisa erwarten, nachdem ihr kleine Bruder Fabi an Krebs gestorben ist – und wo es doch so viel einfacher ist, den letzten Schritt zu tun. Einen Schritt und Luisa ist frei, endlich erlöst von all dem Kummer und Schmerz, das einzige, das sie noch an Fabi erinnert.
Doch da ist etwas, jemand, der sie aufhält. Ein Junge, dessen Name Thursen ist.
Thursen, der Luisa schon länger dabei beobachtet, wie sie allein durch den Wald streift, und der nicht will, dass sie stirbt. Thursen, der ihr das Versprechen abnimmt, weiterzumachen… durchzuhalten.
Und das erste Mal seit langer Zeit bekommt Luisa das Gefühl, dass das vielleicht sogar geht, wenn Thursen nur an ihrer Seite bleibt. Mit ihm zusammen kann sie den Kampf, der sich Leben nennt, wieder aufnehmen, mit ihm zusammen will sie es wagen.
Doch den beiden bleibt nicht mehr viel ihrer gemeinsamen Zeit, denn was Luisa nicht weiß ist, dass Thursen schon lange kein Mensch mehr ist…
Jetzt, durch ihn der einzigen Möglichkeit beraubt, ihrer Qual ein Ende zu bereiten, bleibt Luisa nur noch eines: ihren einzigen Halt zu retten!
Wird sie es schaffen oder muss sie erneut hilflos dabei zusehen, wie der Tod seinen Arm nach einem geliebten Menschen streckt?

~*~

Der Debütroman Schattenblüte. Die Verborgenen von Nora Melling hat mich wirklich positiv überrascht, ging ich doch zunächst von einer dieser seichten Romantasy-Geschichten aus, wie man sie momentan zu Hunderten auf dem Markt findet.
Weit gefehlt!
Wie in vielen anderen Fantasyromanen wird zwar auch hier die Kreatur „Werwolf“ aufgegriffen, doch wird sich nicht des altbekannten Klischees bedient – ein Biss und du wirst selbst zum Ungeheuer. Nein, vielmehr präsentiert Nora Melling hier ihre eigene und mir vollkommen neue Auffassung dieser halbmenschlich- halbtierischen Wesen.
Der Entschluss, zu einem Werwolf zu werden, wird hier ganz allein von den Betroffenen selbst gefasst – es gibt keinen Wolf, der plötzlich einen Menschen angreift und ihn somit ebenso zu einem Leben als Wolf verdammt. Vielmehr ist die Verwandlung der letzte Rettungsanker für Menschen, die längst mit dem Leben abgeschlossen haben und einfach keinen Grund mehr sehen, weiterzuleben. Denn als Wolf beginnt man nach und nach die Erinnerungen an sein menschliches Leben zu vergessen und damit auch all den Schmerz, den Hass, die Angst, die man darin erfahren hat. Man kann sagen: Nora Mellings Wolfsrudel, das verborgen in einem Wald in Berlin umherstreift, ist eine Selbsthilfegruppe für selbstmordgefährdete Menschen.

Selbstmord ist nun wirklich kein einfaches Thema, aber ich muss sagen, dass Nora Melling sehr behutsam an dieses herangegangen ist und man sich als Leser nie überfordert gefühlt hat. Natürlich war es sehr aufwühlend, zumal die Protagonistin Luisa sich ebenfalls das Leben nehmen wollte und das ja normalerweise die Person in einem Buch ist, mit welcher der Leser sich zu identifizieren versucht.
Doch auch wenn man die Trauer über Luisas Verlust stets selbst zu spüren glaubte, bemitleidet man sie nicht – vielmehr bewundert man sie für ihre innere Stärke, zu der sie wohl dank Thursen wieder zurückgefunden hat.

Der Umstand, dass Nora Melling ihr Debüt im Präsens geschrieben hat, war sowohl ungewöhnlich, als in seiner Wirkung faszinierend, denn so durfte man alles genau gleichzeitig mit Luisa zu erleben und es war, als wäre man hautnah dabei gewesen – im Wald, in Berlin. Am Anfang waren die Sätze zwar relativ kurz, fast abgehakt, aber das passte wiederum zu Luisas Verfassung in diesem Moment, und da die Sätze gegen Ende hin auch immer länger wurden, sehe ich das nicht als Kritikpunkt an. Zumal ich viele der Bilder und Vergleiche Nora Mellings auch wirklich sehr schön fand, ebenso wie die bedrückende, düstere und melancholische Stimmung, die sie zu erzeugen wusste.
Es war wirklich ein bisschen so, als liefe man durch den Wald: überall um einen herum ist es dunkel, doch hier und da stehlen sich ein paar Sonnenstrahlen durchs dichte Blätterdach – Strahlen der Hoffnung, möchte ich sagen.

Was ich an diesem Buch besonders gut finde, ist, dass Luisa sich nicht vorbehaltlos Thursen an den Hals geworfen hat – für mich ist sie eine der wenigen Protagonistinnen, die sich wirklich realistisch verhält. Wenn einem der Freund sagt, er ist ein Werwolf, dann ist doch gewiss die logische Reaktion Angst zu haben (vorausgesetzt natürlich, man ihm das auch)und das Weite suchen zu wollen, oder? Ich finde schon und Luisa offensichtlich auch. Kluges Mädchen.
Natürlich kommt sie wieder zu ihm zurück (sonst wäre das Buch ja schon zu Ende), aber auch dafür liefert Frau Melling dem Leser eine Erklärung, die nichts damit zu tun hat, dass der Kerl einfach nur unglaublich gut aussieht und einen „magisch anzieht“. An dieser Stelle kann ich der Autorin nur sagen: vielen, vielen Dank dafür!
Es gab zwar schon öfters dieses Hin und Her zwischen den beiden Protagonisten, was zwar ein klein wenig genervt hat, aber auch das sei hier entschuldigt, weil es einfach passte. Und die Gründe waren für mich wieder allesamt nachvollziehbar.

Als Kritikpunkt kann ich deshalb nur sagen, dass ich Luisas eifersüchtige Reaktion auf die noch menschliche Zrrie (selbst ich habe ihren Namen vergessen) ziemlich übertrieben fand, aber wer weiß, vielleicht hätte ich auch so reagiert… Und dass die Geschichte im Mittelteil auch kurzzeitig ein wenig langatmiger war, doch auf keinen Fall langweilig!
Ich finde es zwar erstaunlich, wie ein verletzter Junge zwei Mädchen hochziehen kann, aber das schreibe ich einfach mal der Werwolfstärke zu.

Wie man vielleicht gemerkt hat, war ich wirklich begeistert von Schattenblüte. Die Verborgenen, da sich das Buch einfach von vielen anderen abhebt. Ich kann es nur jedem empfehlen, der Werwölfe einmal anders interpretiert sehe möchte und sich nicht davor zurückschreckt einen Blick auf die düstere Seite des Lebens zu werfen.
Toller Reihenauftakt!

 2016 Rezi-Kleeblatt

Interview mit Nora Melling hier auf Clee’s Bücherwelt

© Rowohlt Polaris / IREADmedia

Ein Kommentar (+deinen hinzufügen?)

  1. Emi T.
    Dez 22, 2010 @ 18:53:24

    Eine tolle und ausführliche Rezension! ich war mir nicht sicher, ob ich das Buch haben will, weil ich ebenfalls dachte: gab es doch schon tausendmal! Aber wenn das so ist, dann hast du mich auf jeden Fall überzeugt. Toller Blog, werde ich abonnieren!
    A.L.,
    Emi

    Antworten

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