[Rezension] Susanne Gerdom – Der Nebelkönig

Verborgen im Nebel lauert er und wartet auf seine Chance zu töten …

Der Nebelkönig

von Susanne Gerdom

Ueberreuter Verlag, 2010

Gebunden, 334 Seiten

ISBN: 978-3-8000-5566-1

14,95 €

Die vierzehn Jahre alte Sallie lebt und arbeitet so lange sie denken kann als Küchenmädchen in dem alten Herrenhaus. Tag ein Tag aus putzt oder schnippelt sie Gemüse, und hin und wieder darf sie sogar hinaus in den Garten, um dort die Beete vom Unkraut zu befreien.
Doch auch wenn es im Garten sehr schön ist und sie sich dort mit ihren Freunden Kaltrina und Luan treffen kann, gilt ihre wahre Freude dem geschriebenen Wort.
Nach der Arbeit verschwindet Sallie immer in die Bibliothek und liest sich durch die Bücher, die der Bibliothekar Uhl ihr heraussucht. Am allerliebsten mag sie ja die Geschichte, die von dem uralten Kampf der Katzenkönigin gegen den Nebelkönig berichtet, welche eine unglaubliche Faszination auf sie ausübt, die sich selbst nicht erklären kann.
Jedoch gibt es da ein Problem: Auch wenn sie die Worte in den Büchern lesen kann, so begreift sie viele dennoch nicht.
Städte, Berge, Flüsse … das alles sind Begriffe, mit denen Sallie nichts anzufangen weiß – Begriffe, die sie sich die Autoren ausgedacht haben mussten, denn die Welt sieht doch ganz anders aus.
In der Welt gibt es Treppen, Flure, Zimmer und einen Garten… oder lassen sich solche Wunder etwa im Südflügel des Herrenhauses finden, den das Personal nicht betreten darf?
Und was meint Uhl damit, dass diese Dinge außerhalb des Hauses tatsächlich existieren? Außerhalb des Gartens?
Das kann nicht sein, immerhin war Sallie schon oft im Garten und hat dort noch nie einen Berg gesehen.
Je mehr Bücher Sallie liest, desto mehr Fragen tun sich ihr auf, und als dann noch eine zweite, aber vollkommen veränderte Geschichte der Katzenkönigin und ihres Widersachers auftaucht, hält es Sallie nicht mehr aus.
Sie macht sich auf die Suche nach Antworten – und je weiter sie vorstößt, desto mehr Abgründe tun sich vor ihr auf, die sie so niemals erwartet hätte. Was sie einst nur für eine Geschichte hielt, greift nun immer mehr in ihr eigenes Leben ein und die Wirklichkeit beginnt vor ihren Augen zu verschwimmen, wird dunstig wie der Nebel, der das Haus mehr und mehr in Besitz nimmt und dabei nur ein Ziel zu kennen scheint: ihren Tod.

~*~

Dass meine Inhaltsangabe dort oben relativ nichtssagend ausgefallen ist, hat einen bestimmten Grund, denn je weniger man von den Ereignissen weiß, die sich in Der Nebelkönig abspielen, desto faszinierender dürfte das Leseabenteuer letztendlich für einen werden.
Für mich auf jeden Fall war es absolut faszinierend!
Niemals hätte ich gedacht, dass ich in diesem Buch auf eine derart spannende, fesselnde, und – vor allem auch – verwirrende (aber im guten Sinne) Geschichte stoßen würde, doch so war es.
Es ist der Wahnsinn, wie geschickt Susanne Gerdom Sallie durch die Geschichte geleitet, von einem abstrusen, entrückten und unwirklichen Erlebnis ins nächste schickt, und die ganze Zeit kommt einem alles absolut logisch und richtig vor!
Was man am Anfang als Realität erachtet hat, stellt sich im Verlaufe des Buches als reine Fiktion heraus, beide Begriffe verwischen so oft, bis man sie nicht mehr auseinander halten kann – und das fand ich besonders genial!
Normalerweise sieht man als Leser schon lange vor den Protagonisten, was passieren wird oder wie die Lösung heißt, aber hier… Pustekuchen! Man weiß immer nur so viel wie Sallie selbst, obwohl Sallie genau genommen nichts weiß. Es ist ein dauerndes Rätselraten, doch vor lauter Nebel kommt man einfach nicht auf den richtigen Pfad.
Ich bin wirklich vollkommen begeistert, weil die Autorin es geschafft hat, mich bis zum Ende im Ungewissen zu lassen – und man hätte meinen können, das Buch wurde mit Sekundenkleber an meine Finger gebebt, denn um nichts in der Welt hätte ich es weglegen können.
Ich muss zwar sagen, dass ich an so mancher Stelle wirklich über die plötzliche Brutalität geschockt war – denn damit hätte ich nie und nimmer gerechnet –, doch schwächte sich das Entsetzten hab und ließ mich mit einem ungläubigen und erleichtertem Lachen zurück. Auch hier gilt: Nichts ist so wie es zu Anfang scheint!
Wie eigentlich alles in diesem Buch…
Schon lange habe ich nicht mehr so bei einem Jugenroman mitgefiebert, denn als Leser ahnt man schon im Voraus, dass da gleich etwas Schreckliches passieren wird oder da etwas überhaupt nicht stimmen kann. Dann möchte man Sallie anschreien, sie soll schnell aufwachen und ganz schnell verschwinden!
Mir läuft es jetzt noch kalt den Rücken runter, wenn ich an das ein oder andere Erlebnis denke… alle Emotionen, die Sallie in diesem Moment verspürt hat, konnte ich mitempfinden.
Von der Protagonistin Sallie kann man wirklich nur sagen, dass sie ein sehr mutiges Mädchen ist, zudem unglaublich sympathisch und wegen ihrer Angst und ihren Zweifeln auch stets realistisch – sofern man dieses Wort in diesem Wort überhaupt verwenden sollte.
Auch der Schreibstil von Susanne Gerdom hat mich vollkommen überzeugt, denn er ist bildreich, flüssig und vermag es eine Spannung zu erzeugen, die einen in den Sessel fesselt. Hier eine kleine Warnung an alle Fingerknabberer und vor der Dunkelheit Angsthaber – pflastert euch eure Finger ab und schaltet alle Lampen in eurem Zimmer an!
Ich hab nur zwei kleine Kritikpunkte, die ich ansprechen möchte – und zwar einmal Sallies Reaktion nach dem Verschwinden eines bestimmten Buches, dass ihr doch so viele Antworten hätte liefern können (näher will ich darauf nicht eingehen, sonst verrate ich zu viel) und der etwas zu kurz geratene Endkampf, bei dem der Heldin alles ein klein wenig zu leicht von der Hand ging.
Aber eigentlich ist das nicht der Rede wert, wirklich nicht, also kann man diese beiden Punkte auch getrost außer Acht lassen.
Ich kann zu diesem Buch nur sagen: Für jeden Leser, der mal etwas absolut unklischeehaftes lesen möchte, etwas, dass sich vollkommen von anderen Fantasy-Büchern unterscheidet, der ist mit Der Nebelkönig wirklich gut bedient.
Diese Geschichte wird noch lange in mir nachklingen und bekommt einen Ehrenplatz in meinem Regal!

2016 Rezi-Kleeblatt

17 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Susanne
    Dez 27, 2010 @ 17:27:31

    Liebe Anna,

    ich bin sprachlos. Und das schreib ich nicht nur so, das meine ich ganz wörtlich.
    Du hast eine Zusammenfassung des Inhalts geschrieben, wie sie das Lektorat nicht besser hinbekommen hätte (und ich überhaupt nicht!), und das, ohne irgendwas zu verraten.
    Und dein dickes Lob ist mir runtergegangen wie das sprichwörtliche Öl. (Extra vergine. Superfein ;-))
    Du hast mir jedenfalls das Jahresende gerettet. Das können bisher nicht viele Leute von sich behaupten. (c:
    Ich freue mich riesig, dass der Nebelkönig dir gefallen hat. Danke für die wunderschöne Rezension!
    Liebe Grüße
    Susanne

    Antworten

  2. cleesbuecherwelt
    Dez 27, 2010 @ 17:31:00

    Hu! O.O
    Jetzt bin ich es, die sprachlos ist. Gleich eine Rückmeldung zu bekommen – und dann noch von der Autorin persönlich!
    Vielen, vielen Dank! Es freut mich wirklich, dass dir meine Rezension gefällt – und danke für das Kompliment!
    Gleich zwei Jahresenden, die gerettet wurden…. :)
    Ebenfalls ganz liebe Grüße,
    Anna :-)

    Antworten

  3. Sabrina
    Dez 27, 2010 @ 18:47:43

    Anna, der Liebling aller Autoren *gg*. Sag ich immer wieder. Es sollte einen Award dafür geben, irgendwas Großes, Vergoldetes.

    Wie immer eine tolle Rezension, von der nicht nur die Autorin selbst begeistert ist.

    Antworten

    • cleesbuecherwelt
      Jul 18, 2011 @ 12:54:37

      xD Na, das Autorenteam aus Spanien und die Autorin von „Ashes,Ashes“ wird dir da etwas anderes erzählen, schätze ich. xD
      Aber danke – so ein Lob ist doch genug in Gold gepackt. :)
      Bald stoße ich an die Zimmerdecke …

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  5. Ahotep
    Jul 18, 2011 @ 11:42:43

    Auch die Rezension gefällt mir sehr und erinnert mich stark an meine :D. Wir scheinen wohl auf die gleichen Dinge zu achten und der Lesegeschmack scheint auch nicht weit auseinander zu liegen. Ich glaube auf dem Blog bleib ich ;).
    Die Inhaltsangabe finde ich auch sehr schön. Besser als der Klappentext.

    Antworten

    • cleesbuecherwelt
      Jul 18, 2011 @ 12:00:11

      Okay, jetzt muss ich mir deine Rezensionen definitiv ansehen!

      Davon wäre ich natürlich begeistert! Zwei Gerdom-Fans treffen aufeinander, kann nur Gutes ergeben. ;D

      Tatsählich? Das freut mich! Da ich momentan ja leider nur so viel zu rezensieren (und generell viel auh beruflich zu tun) habe, schreibe ich keine eignene Inhaltsangaben mehr. Sehr schade, aber was soll man machen. -.-

      Antworten

  6. Ahotep
    Jul 18, 2011 @ 12:27:52

    Denke ich auch! Ich werde mich mal schnell bemühen, mehr von ihr zu lesen, damit man sich besser austauschen kann :D

    Das Zeitproblem kenne ich nur zu gut. Ich habe gerade sehr viel privaten Stress und dann kommt dazu, dass ich eigentlich meine Diplomarbeit schreiben sollte *seufz*. Ach, Rezensionen kommen dann auch noch dazu, die sich meist nicht in 5 Minuten schreiben lassen… Ich bewundere schon immer die Leute, die überhaupt einen Blog führen. Das ist enorm viel Zeit, die dafür draufgehen muss, die ich derzeit nicht aufbringen könnten.

    Antworten

    • cleesbuecherwelt
      Jul 18, 2011 @ 12:31:35

      Sehr gut! Ich freu mich schon drauf!
      Ich hab sogar gesehen, dass sie ein Buch mit einer Anna-Protagonistin hat. *.* So heiße ich ja auch – Anna. ;D

      Ja, stimmt. Nebenher geht das mit der Uni los, ich hab meinen Job, Hobbys und Freunde natürlich auch … xD Der Blog nimmt schon Zeit in Anspruch, aber es macht Spaß – vor allem wenn man dann auf Leute trifft, die einen so loben und sich über die gleichen Bücher freuen. ;)

      Antworten

  7. Ahotep
    Jul 18, 2011 @ 12:43:11

    Wie heißt das Buch denn?

    Antworten

  8. cleesbuecherwelt
    Jul 18, 2011 @ 12:57:40

    http://www.amazon.de/Das-Herz-Welt-Susanne-Gerdom/dp/3453875443/ref=sr_1_7?s=books&ie=UTF8&qid=1310993810&sr=1-7

    Hier, die Enkelin heißt Anna – zumindest steht das in einer Rezension …

    Antworten

    • Ahotep
      Jul 18, 2011 @ 13:00:51

      Achso, die Kurzform von Anida oder so ähnlich nehme ich mal an…
      Das Buch und den Nachfolger habe ich schon zu Hause liegen. Leider nützen mir beide nichts, solange ich den ersten Teil nicht noch ergattere. Aber die Bücher in einem guten Zustand zu finden, ist schon eine Kunst für sich *seufz*.

      Antworten

  9. cleesbuecherwelt
    Jul 18, 2011 @ 13:04:26

    Weiß ich leider nicht. Aber wenn es die Enkelin dieser Anida ist … wenn ich mich nicht verlesen habe?
    Ich hab auch versucht, an die Bücher zu kommen, aber bei dem einen, der offenbar noch gute Ausgaben hat, waren die Preise ja Wucher! Pah! Bin ich ein Geldscheißer? Meno. -.-

    Antworten

  10. Ahotep
    Jul 18, 2011 @ 13:15:04

    Ach, da bin ich aber ähnlich. Ich habe auch sehr lange gezögert. Dann hatte jemand die beiden letzten Teile der Trilogie für wenig Geld in neuwertigem Zustand angeboten. Ich habe sofort zugegriffen und ärger mich nun wie Bolle, weil die Knicke im Buchrücken haben. Alles andere als „neuwertig“. Die werde ich mir also wahrscheinlich noch mal zulegen dürfen, weil ich mit dem Zustand bei Büchern sehr eigen bin. Da ich dann auf diesem Wege doppelt gezahlt habe, ist es ordentlich teurer, was ich eigentlich vermeiden wollte.

    Antworten

  11. Ahotep
    Jul 18, 2011 @ 14:13:51

    Natürlich habe ich mich beschwert. Derjenige hat sich nur entschuldigt, dass der „Zustand mich nicht zufriedenstellt“, und mir einen kleinen Rabatt gegeben, aber das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein!

    Antworten

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