[Autorenstuhlkreis] Des Autors schauspielerisches Handwerk

Verstehen sich Autoren als Schauspieler, wenn sie sich in die Köpfe, Herzen und Körper ihrer Protagonsiten hineinversetzen? Um eine Antwort auf diese Frage zu erlangen, habe ich mich an die Fersen diverser Schriftsteller gehängt und der „wilden Horde“ auf den Zahn gefühlt. Den Ausdruck „wilde Horde“ habe ich ganz bewusst gewählt, da ein paar der Lieben außer Rand und Band geraten sind und mir teilweise halbe Romane zu dem Thema geschrieben haben. Ursprünglich wollte ich selbst einen Artikel zu dem Thema verfassen und lediglich ein paar Autorenzitate mit einstreuen, aber als ich die Antworten der werten Herren und Damen gelesen habe, kam mir eine ganz andere Idee. So darf ich Euch voller Stolz mein allererstes Gruppeninterview* vorstellen, von denen es in meinem Autorenstuhkreis hoffentlich bald noch mehr geben wird.

Lest hier, was Bernd Perplies, Jennifer Benkau, Gabriella Engelmann, Sabrina Qunaj, Brigitte Riebe, Claudia Toman, Brigitte Melzer, Aileen P. Roberts, und noch viele weitere Autoren zu folgender Frage zu sagen wussten:

„Mit jedem neuen Buch versetzt du dich in den Kopf und das Herz deiner Protagonisten. Würdest du dich selbst in gewisser Weise als Schauspieler bezeichnen?“

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© Ute Klein

Jennifer Benkau, Autorin von, u.a., Dark Canopy:

„Ein Schauspieler, das ist eine schöne Bezeichnung für einen Autor. Ich muss mich da auch outen: ich spiele oft kleine Szenen oder Bewegungen nach, weil es mich der Figur näher bringt. Wobei der Schauspieler dem Drehbuch unterworfen ist, der Autor nur der Figur selbst. Ein Seelenschauspieler, das bin ich wohl.“

Gabriella Engelmann, Autorin von, u.a., Goldmarie auf Wolke 7 – Eine himmlische Liebesgeschichte:

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© Mirco Lieffertz, Art & Photography

„Als Buchautorin frage ich mich oft: Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Ich stecke im Kopf einer jeden Figur, kleide mich wie sie, fühle wie sie, denke wie sie und handle wie sie. Das kann manchmal sehr verwirrend sein, denn es gefällt mir nicht immer, was meine Protagonisten tun … Allerdings bin ich nicht nur diejenige, die den Text lernt, den sie zu sagen hat, sondern ich kreiere ihn auch. Von daher geht es mir wie vielen Filmschaffenden, die alles in Personalunion machen: Drehbuchschreiben, selbst spielen und Regie führen. Anstrengend, aufregend, furchterregend – aber vor allem eins: Immer wunderbar, egal, was passiert! Denn es entsteht ein neues BUCH.“

Carina Bargmann, Autorin von, u.a., Die letzte Wächterin:

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© Thomas Erdl

„Würde ich mich als Schauspieler betrachten? Wann ist jemand ein Schauspieler? Bin ich nicht jeden Tag eine Schauspielerin, die auf der Bühne „Alltag“ sich selbst inszeniert?
Vielleicht bin ich ein Schauspieler, aber ich empfinde mich mehr als Chamäleon. Wechselt der Hintergrund, wechselt meine Farbe. Meine Haut ist wie ein Kostüm, meine Worte entstehen im Moment der Interaktion, in Abhängigkeit meines Gegenübers, meine Stimmfarbe, mein Tonfall, meine Geste, alles ist angepasst, malt ein Bild von meiner selbst, in Abhängigkeit der Situation und so unterschiedlich, wie Orte des Alltags nur sein können.
Bin ich gerade Studentin, Tochter, Freundin oder Autorin, Ehrenamtliche, Teamerin oder Teilnehmerin? Gestik, Mimik und Haltung, Stimme, Auftreten und Wortwahl, alles kann im Bruchteil einer Sekunde wechseln. Auf der Straße fühl ich mich schäbig im alten Pullover, zu Hause ist er mir die liebste Haut. Was ich meinem Bruder sage, erzähl ich meiner Freundin mit anderen Worten und meine Haltung gegenüber meiner Teilnehmer ist eine andere als gegenüber der Dozenten. Kostüme und Rollen gehören zusammen, werden mit Sprache, Mimik, Gestik verknüpft, mit Inhalten und Wissen gefüllt und gelebt. Aber sind es nicht doch nur Rollen? Farben, die das Chamäleon in mir annimmt, wenn es die Umgebung wechselt?
Gleichzeitig bin ich stets derselbe Mensch hinter den Rollen meines Lebens. Ich kann ja doch nicht aus meiner Haut. Und trotzdem bin ich nicht immer ich selbst. Was verbindet die Rollen miteinander, schafft aus ihnen ein einheitliches Bild eines einzigen Menschen? Bin ich ich, weil ich diese Rollen alle verkörpere oder bin ich ich, weil alle Rollen einen Teil von mir enthalten?
Was ist von den Rollen noch übrig, wenn ich alleine bin? Wenn kein Mensch nach mir fragt und ich keine Rolle spiele. Was bin ich dann noch? Dann bin ich ich. Aber was ist das ich? Ein farbloses Chamäleon, das sich Charaktere schafft, Gedanken spinnt, diese zu Handlungssträngen verknüpft und darüber ein Netzt aus Bilder legt, das es aus Worten malt, weil sie die Leere um sich herum nicht erträglich findet. Und dann malt es Farben an die Wand, nimmt sie an und schlüpft in ausgedachte Rollen, um in Gedanken auf Reisen zu gehen, der Unbedeutsamkeit der einzelnen Existenz zu entkommen und ein neues Leben auszuprobieren. Nur, um nicht allein zu sein? Oder um auch alleine zu existieren? Um die Existenzen anderer zu Erkunden? Es füllt sich selbst mit Farben, bis es im Farbenstrudel versinkt und sich selbst verliert.
Ja, ich bin eine Schauspielerin: Eine Schauspielerin in meinem eigenen Leben auf täglich wechselnden Bühnen, immer bemüht den Überblick zu behalten und doch im Meer des Lebens versunken, denn das kleine Chamäleon hat ein solches Farbchaos erlebt, dass es vergessen hat, welche Farbe es selbst eigentlich trägt.
Es ist völlig von der Rolle und auf der Suche nach sich selbst. Und dabei schlüpft es doch nur wieder in neue Rollen, denn Rollen zieht man sich nicht selbst an, sie sind wie die Vorurteile, die einem entgegenbranden, wenn man auf Menschen stößt. Sie sind wie der Anstrich, den man erhält, bevor man gesehen hat, was überhaupt zur Wahl steht. Denn es gibt keine Wahl. Jeder hat seine Rolle zu spielen.
Deshalb stellt sich das Chamäleon in mir ab und zu vor eine weiße Wand und fragt sich selbst, welche Farbe es am liebsten trägt. Und das bin dann wohl ich. Auch wenn nur ich mich so kenne. Auch wenn niemand mich so wahrnimmt.
Kennt einen also eigentlich niemand, nur man selbst? Ich glaube nicht. Ich glaube, in jeder Farbe, in jeder Rolle ist der eigene Grundton rein gemischt. Und auch wenn das Chamäleon sich immer wieder zu verlieren droht, kann es doch gar nicht, denn all diese Rollen sind ein Teil von mir. Und ich bin ein Teil von ihnen.
Deshalb bin ich vielleicht auch kein Schauspieler. Denn ich lese mir keine fremden Rollen an. Alles was ich schaffe, alles, in das ich mich denke, und wenn ich die buntesten Farben an die Wand male – sie sind doch alle aus mir gekommen und damit ein Teil von mir und des Chamäleons in mir.“

Claudia Toman, Autorin von, u.a., Hexendreimaldrei:

© Lois Lammerhuber

„Für mich hat dieser Vorgang weniger mit Schauspiel zu tun als mit Regie. Ich dringe nicht in meine Protagonisten ein, ich führe sie. Ich lenke ihre Handlungen und Gedanken, bin das Objektiv der Kamera, bestimme, aus welchem Winkel der Zuseher sie betrachtet und wähle den Bildausschnitt. Wäre ich Schauspieler, wäre es mir unmöglich, eine Geschichte zu erzählen, weil ich zu sehr auf mich konzentriert wäre. Der Schauspieler erlebt immer nur ein Stück des Plots, der Autor muss wie der Regisseur den Überblick behalten.“

© Bernd Perplies

Bernd Perplies, Autor von, u.a., Flammen über Arcadion:

„Mit Sicherheit steckt in mir – wie wohl in den meisten Autoren – auch ein verkappter Schauspieler. Und ein Regisseur, ein Weltenbauer, ein Gutmensch, ein Psychopath und vieles mehr, ohne dass es mir/uns an Fantasie fehlen würde, all das aufzuschreiben, was wir aufschreiben. Auf die Bühne zieht es mich deswegen jedoch nicht. Es ist eine Sache, Gefühle, Gedanken und Handlungen glaubhaft beschreiben zu können, aber eine ganz andere, sie auch glaubhaft darzustellen.“

Brigitte Melzer, Autorin von, u.a.,  Seelenglanz:

© Lalo Jodlbauer

„Eine spannende Frage, die ich dann aber doch mit Nein beantworten muss (schauspielerisch betrachtet, bin ich komplett talentfrei). Ich bin eher der Drehbuchautor und Regisseur, der im Hintergrund die Fäden zieht. Ich glaube, die einzige Überschneidung mit einem Schauspieler ist die, dass wir beide versuchen, uns in die jeweiligen Figuren hineinzuversetzen, um zu verstehen, wie sie denken, was sie fühlen und was sie antreibt. Während sich ein Schauspieler nur auf seine eigene Rolle konzentriert und auf der Bühne oder vor der Kamera vollständig in diese eine Rolle schlüpft, spiele ich das lediglich in Gedanken durch, dann aber für alle Figuren. Einen Teil der Arbeit eines Schauspielers – nämlich eine Figur zum Leben zu erwecken – übernimmt in gewisser Weise später der Leser, für den die Protagonisten hoffentlich plastisch genug geschildert sind, um sie in seinem Kopf lebendig werden zu lassen.“

Antje Szillat, Autorin von, u.a., Rick:

© Antje Szillat

„Oh ja. Ich bin nicht nur Schauspieler beim Schreiben, wenn ich ganz und gar zu der Person werde, die ich gerade „beschreibe“ oder besser gesagt, für die ich gerade schreibe, sondern bei jeder meiner Lesungen. Da bin ich Stalker, verängstigtes Mädchen, gehässiger Mitschüler, besorgte Mutter, wütender Vater, verliebter Junge, zynischer Nachbar … Ich liiiebe das wirklich sehr.“

Uta Maier, Autorin von, u.a., Triklin – Die Feuertänzer:

© Uta Maier

„Ich glaube, dass in jedem Autor in gewisser Weise auch ein Schauspieler steckt oder auch stecken muss, um Emotionen glaubhaft zu vermitteln. Ich würde sogar noch weitergehen und behaupten, dass man als Autor nicht nur Schauspieler, sondern auch Regisseur, Kameramann und Drehbuchautor ist, denn die einzelnen Szenen und Kapitel entstehen ja im Kopf. Wenn ich eine Szene schreibe, dann kann ich entweder nah an die Figuren heranzoomen, oder aber auch auf Distanz gehen, je nachdem, was ich beabsichtige. Will ich Sympathie erzeugen, muss ich tatsächlich in Kopf und Herz des Protagonisten stecken. Ich glaube, dass Einfühlungsvermögen das Wesentliche dabei ist, zumindest bei mir. Oft erlebe ich die Abenteuer meiner Figuren so hautnah mit, dass ich mich nach düsteren Sequenzen selbst ganz Elend fühle, es ist ein bisschen so wie eine Rolle spielen und parallel schreiben. Um Gefühle so transparent wie möglich zu machen, muss ich sie selbst empfinden, muss mir überlegen, welche Körperhaltung würde ich einnehmen, was denke ich, was sage ich, wo sind meine Hände, wie handle ich, wäre ich diese Figur. Sozusagen schreibe ich erst das Drehbuch im Kopf, entwerfe einen groben Handlungsrahmen, dann stürze ich mich hinein und beginne zu schreiben. Das gelingt je nach Figur natürlich mal besser und mal schlechter. Hat man den klassischen Bösewicht oder Gegenspieler, muss man schon sehr tief in sich graben, um diese negativen Emotionen nachvollziehbar zu machen. Das ist das tägliche Brot der Schauspieler, sie gehen allerdings noch den letzten Schritt weiter und leben die Rolle körperlich aus. Aber wenn ich manche von ihrer Arbeit sprechen höre, denke ich oft: Hey, das machst du auch, nur stehe ich nicht auf der Bühne – aber dieses sich Hineinversetzen, dieses Nachspüren ist es, was jeder Autor ebenfalls tun muss. Allerdings haben wir Autoren natürlich einen viel größeren Handlungsspielraum, weil wir die Figuren erfinden, die dann Schauspieler auf der Bühne lebendig machen. Im Grunde ist die Arbeit des Autors kreativer, er reproduziert nicht. Wie weit man als Autor bei dieser ganzen Arbeit gehen kann und darf, ist schwer zu sagen. Als ich neulich plötzlich unter den gleichen körperlichen Symptomen wie meiner Figur litt, habe ich mich gefragt, ob ich mich nicht ein bisschen zu weit aus dem Fenster gelehnt habe. Ich denke, man muss sich nach der Arbeit auch abgrenzen können, dem einen gelingt es gut, dem anderen weniger und mir manchmal gar nicht. Nicht selten schauen meine Kids mich irritiert an, wenn ich nach diversen Schreibattacken anfange, in tiefstem Jugend-Slang mit ihnen zu sprechen, nur weil ich das gerade für eine Figur so verinnerlicht hatte, oder einfach plötzlich verrückte Dinge tue.

Und um Friedrich Nietzsche (jenseits von Gut und Böse) zu zitieren, dessen Rat vor allem Krimiautoren beherzigen sollten:

Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zu sehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“

Ich denke, da ist etwas Wahres dran, sowohl bei negativen Charakteren als auch bei positiven.“

Susanne Rauchhaus, Autorin von, u.a., Die Messertänzerin:

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© Susanne Rauchhaus

„An den Beruf des Schauspielers habe ich beim Schreiben tatsächlich schon oft gedacht. Wenn ich eine Szene schreiben möchte, dann schließe ich vorher die Augen und spiele sie durch, damit ich weiß, wie die Figuren sprechen und was sie dabei empfinden. Der Unterschied zum Schauspieler ist nur der, dass ich in alle beteiligten Figuren „hineinspringen“ muss, immer abwechselnd. Ihre Reaktion darf ja nicht einfach ein Spiegel der Hauptperson sein, sondern jede einzelne Figur sollte ihre eigene Welt in sich tragen. Nur dann lebt sie. Ich denke, ein Autor ist wohl eher so etwas wie der Regisseur. Sein Job ist es, das tägliche Chaos zu kontrollieren: Wenn einer Figur ihr Text nicht gefällt. Wenn eine Figur nicht mehr in ihr Kostüm passt. Wenn eine weitere Figur unbedingt mitspielen will, obwohl alle Rollen schon verteilt sind. Wenn eine Figur die andere hasst, mit der sie eine Liebesszene spielen soll. Und wenn eine Figur plötzlich stirbt, womit nicht einmal der Regisseur gerechnet hat. Und wenn der kurz davor ist, das ganze Stück hinzuschmeißen und die Bühne anzuzünden, dann sieht man die Gemeinsamkeit mit dem Autor: Beide müssen jeden Tag und immer wieder in der Lage sein, hinter dem Chaos den ursprünglichen Traum zu erkennen. Und der enthüllt sich erst am Premierenabend … oder auch nicht.“

Sabrina Qunaj, Autorin von, u.a., Elfenmagie:

© Sabrina Qunaj

„Ich würde mich generell weniger als Schauspieler, als Beobachter bezeichnen. Als Schauspieler wäre ich auch furchtbar schlecht, denn ich kann nicht ernst bleiben und fange immer an zu lachen. Aber ich beobachte Schauspieler sehr gerne bei ihren Gesten und Mimiken, so auch einfache Leute auf der Straße. Dieses Hineinversetzen in andere Charaktere ist beim Schreiben etwas sehr Zurückgezogenes und Persönliches. Man steht vor keinem Publikum. Einzig bei Lesungen habe ich die Erfahrung gemacht, dass man schon bis zu einem gewissen Grad Schauspieler ist, wenn man den Figuren mit verstellter Stimme und Gesichtsausdrücken Leben einhaucht.“

Siri Lindberg, Autorin von, u.a., Nachtlilien:

© Christophe Schneider, München

„Sich in die Köpfe seiner Figuren hineinversetzen zu können finde ich die allerwichtigste Fähigkeit für AutorInnen. Aber es gibt auch Nachteile: Bei manchen Romanen hatte ich richtig Mühe, aus diesen Köpfen wieder rauszukommen… die Figuren haben mich noch lange begleitet und wollten nicht dulden, dass ich über andere Themen und Menschen schreibe :-) Als Schauspielerin wäre ich übrigens eine Totalpleite, da bin ich ziemlich sicher. Dafür muss man seinen Körper und seine Mimik sehr stark unter Kontrolle haben – das bin ich nicht gewohnt. Ich fühle mich wohl am Schreibtisch, wenn ich meine Gedanken fließen lasse. Unbeobachtet vom Publikum, das später meine Bücher liest.“

Brigitte Riebe, Autorin von, u.a., Feuer & Glas – der Pakt:

© Schelke Umbach

„Schauspieler, sagst du?

So empfinde ich es nicht.

Ich komme mir eher vor wie ein Theaterdirektor, der viele verschiedene

Charaktere erst einmal kennenlernen muss, bevor er sie unter einen Hut

bringen kann – was mal leichter, mal schwerer ist. Denn „meine“ Figuren

machen beileibe nicht immer, was ich will, das kann ich dir sagen!  Haben

sie sich erst einmal halbwegs entwickelt, führen und verlangen sie ein

Eigenleben, das es in sich hat. Ab einem bestimmten Punkt beginnen sie sogar mit mir „zu reden“ (keine Angst, ich höre keine Stimmen!), sondern meine es in dem Sinn, dass sie immer kompletter und selbständiger werden.

In jedem Roman gibt es eine Nebenfigur, die sich größer macht, als ich es

ursprünglich vorhatte – da wollte der kleine Toni aus „Die Hüterin der

Quelle“ plötzlich singen oder Ita, „die Rote“, aus meinem jüngsten Roman

„Die Pestmagd“ sich nicht mit Niederträchtigkeiten in der Vergangenheit

begnügen, sondern auch in der Gegenwart weiter ihre Ränke schmieden.

Jedes Mal bin ich gut bedient, diesen „Forderungen“ nachzugeben, denn die

Story wird dadurch praller, bunter – und individueller.

Nur: wer es sein wird, erfahre ich selbst auch erst im Lauf des Romans …“

Rainer Wekwerth, Autor von, u.a., Damian – Die Stadt der gefallene Engel:

© Chrisian Witt

„Ich bin viel mehr als ein Schauspieler. Im Augenblick des Schreibens werden meine Figur und ich eins. Ich sehe und fühle, was die Figur fühlt und sie ist mir in diesem Moment näher als die meisten realen Menschen in meinem Leben.“

Daniela Ohms, Autorin von, u.a., Harpyienblut

„Das ist eine sehr passende Frage. Ganz klar „ja“. Ich habe zwar selbst nur wenige Erfahrungen mit der Schauspielerei gemacht. Aber wenn ich höre, was Schauspieler über ihre Figurenarbeit sagen, läuft mir immer eine Gänsehaut über den Rücken, weil ich genau weiß, was sie meinen. Von der Schauspielerei heißt es ja, ein Schauspieler müsse sich ganz und gar mit seinen Gefühlen in die Figur einleben. Selbst wenn es im Stück oder im Film gar nicht vorkommt, erarbeitet er die Biografie seines Charakters und versucht quasi das ganze Leben der Figur nachzuempfinden, bis zu dem Punkt, an dem er in die Rolle einsteigt. Damit betrachtet er die

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© Daniela Ohms

Eigenschaften der Figur nicht von außen, sondern von innen und wenn dann in der Geschichte ein gewisser Angriff auf den Charakter gestartet wird, spürt er genau, ob damit ein wunder Punkt getroffen wurde, oder ob es an seiner inneren Stärke abprallt. Die „Schmerzgrenze“ scheint so ein Zauberwort in der Schauspielerei zu sein. Wer es schafft, sie zu übertreten, der hat das Zeug zu einem guten Schauspieler, der kann auf der Bühne weinen und leiden, als würde er um sein eigenes Leben kämpfen.
Beim Schreiben ist es genau das gleiche, nur dass ich als Schriftstellerin für mehrere Figuren gleichzeitig „spiele“. Eine Buchidee wird für mich erst dann lebendig, wenn ich meine Figuren kennengelernt habe. Wenn ich weiß, woher sie kommen, wie ihre Eltern sie behandelt haben, welche Dramen und Triumphe sie bereits durchlebt haben. Wenn ich diesen Weg der Figur nachgezeichnet habe, fange ich an zu spüren wie sie fühlt, wann ihr Herz zu rasen beginnt und wie sie auf die Menschen um sich herum reagiert. Ihr Charakter formt sich dabei dann ganz von allein, meistens mit allen Ecken und Unvollkommenheiten, die einen Menschen eben ausmachen.
Und wenn ich dann still und allein vor meinem Computer sitze und meine Figuren durch die Szenen begleite, fange ich tatsächlich oft an, mit ihnen mitzuspielen. Dann ist es mein Herz, das rast und mein Kopf, der sich vor einem Angriff duckt und wenn die Tragik den Höhepunkt erreicht, stehen auch mir die Tränen in den Augen und ich weiß genau, von welcher Schmerzgrenze die Schauspieler sprechen.
Wenn du mich fragst, dann ist es ein und dasselbe grundlegende Talent, das Schauspieler und Schriftsteller ausmacht: Das eigene Ich auszublenden und stattdessen das Glück und die Schmerzen von anderen, (fiktiven) Menschen zu empfinden.
Der Unterschied besteht dann in der Technik, die wir gelernt haben, um die Gefühle zu unseren Zuschauern/Lesern zu transportieren: Der Schauspieler spielt mit seinem Körper und ich „spiele“ mit meinen Worten. Der Schauspieler arbeitet öffentlich zwischen vielen anderen Menschen und ich arbeite allein und in völliger Ruhe an meinem Computer.“

Aileen P. Roberts, Autorin von, u.a., Der Feenturm:

© Isabelle Grubert

„Ich muss gestehen, als Schauspieler habe ich mich bisher noch nicht wirklich gesehen, mal abgesehen von einer Schulaufführung zu Weltennebel, wo ich gemeinsam mit einem Schauspieler einige Passagen aus dem Buch auch gespielt habe.
Aber im Grunde genommen hast Du Recht. Ein Stück weit ist man als Autor sicher Schauspieler, denn man schlüpft in jeder Szene in eine andere Rolle. Ich lebe quasi das Leben verschiedener Protagonisten, empfinde ihre Freude, ihr Leid und ihre Qualen mit, und egal ob „gut“ oder „böse“ oder was dazwischen liegt, in den meisten Protagonisten steckt auch immer ein Stück von einem selbst.“

Tanya Stewner, Autorin von, u.a., Das Lied der Träumerin:

© Caroline Schreer

„Als Autor ist man sowohl Schauspieler als auch Regisseur. Oder ein Schauspieler, der selbst entscheiden kann, was er in seiner Rolle tut und sagt. Ich weiß gar nicht, ob andere Autoren das auch so machen, aber ich spiele manche Dialoge richtig durch, bevor ich sie aufschreibe. Das klingt dann für andere wohl wie ein Selbstgespräch und führt irgendwann wahrscheinlich noch mal dazu, dass ich in der Klapse lande. Aber für mein Schreiben ist es wichtig, dass ich manche Zeilen laut ausspreche und eine Mimik dazu versuche, um die Emotion dahinter besser fühlen und dann beschreiben zu können. In meiner Schreibecke ist also immer was los.“

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Schon praktisch, wenn man hier seine „Ghostwriter“ hat, die einem den kompletten Blogpost allein verfassen. ;) Ich muss aber auch sagen, dass ich nichts mehr Neues zum Thema „Der Autor ein Schauspieler?“ hätte schreiben können, nachdem ich all die Autorenbeiträge hier gelesen habe. Viele Antworten decken sich mit meinen Vermutungen und Ansichten.

Mein Fazit lautet auf jeden Fall: Ein Autor kann durchaus auch ein Schauspieler sein, doch damit ist nur die Spitze vom Eisberg benannt. Tatsächlich scheint in vielen Federkielschwingern ein komplettes ein-Mann-Filmstudio zu stecken! Wahnsinn. Da bleibt mir wirklich nur noch eines zu sagen: Rollt den roten Teppich aus für die Stars von Buchywoods! Oh, aber Achtung an alle Stalker – ihr könntet bei eurer Verfolgungsjagd auf ein Psychopaten treffen. Aus diesem Grund lieber zu Hause bleiben und lesen.

Ich danke jedem Schriftsteller, der hier seinen Wörtersenf dazu gegeben hat! Seid gewarnt: ich plane, bald wieder mit einer Frage bei euch anzuklopfen.

Viele Grüße

2016 Clee signatur

*Die Gruppeninterviews findet Ihr auf der eigenständigen Seite „Autorenstuhlkreis“ und unter „Autoreninterviews“. 

10 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. absinthefreund
    Nov 06, 2012 @ 21:13:40

    Sehr auflussreich, diese unterschiedlichen Einblicke ins Schreiberleben. Ein Autorenstuhlkreis ist eine wundervolle Idee. :) Mehr davon!

    Antworten

    • cleesbuecherwelt
      Nov 06, 2012 @ 21:17:37

      *strahl* Vielen Dank!
      Und von meiner Seite aus sofort. Ich gönn den Autoren noch eine kleine Verschnaufpause und dann stell ich wieder meine Frage. Ich hab sogar schon eine Idee und wenn ich die Leute dafür zusammenbekomme, wird das bestimmt ein noch viel spannender Beitrag. Drück mir die Daumen! >.<

      Antworten

  2. Reni
    Nov 07, 2012 @ 15:21:09

    Hey Clee,

    eine wirklich geniale Idee, die sich aus deiner Frage heraus entwickelt hat. Und vor allem sehr interessante Antworten! Manche der Autoren haben ja fast schon einen Roman geschrieben und trotzdem habe ich mal fleißig alles gelesen. Es war doch faszinierend, wie unterschiedlich manche Ansichten ausfallen, also sich nicht ein jeder als eine Art Schauspieler sieht. Schon spannend welch Persönlichkeiten/Arbeitsplatzbeschreibungen so hinter einem Autor stecken. Ich glaube, als Leser hat man da manchmal gar keine so große Ahnung was da so alles hinter steckt. Aber hey, da hier die Frauen in der Überzahl sind, dann jawohl bitte ein-Frau-Filmstudio (statt ein-Mann-Filmstudio). :P

    LG, Reni

    Antworten

    • cleesbuecherwelt
      Nov 07, 2012 @ 15:49:49

      Hey Reni,

      das muss der Einfluss meines heutigen Lateinseminars gewesen sein: da geht es immer nach dem Männlichen, wenn auch nur ein Kerl in der Menschenansammlung dabei ist. xD Du hast aber natürlich recht. *g*

      Ich finde es auch super spannend, die Meinungen so vieler unterschiedlicher Autoren zu hören und dabei Schnittflächen und Unterschiede zu sehen. Das muss ich unbedingt bald nochmal machen. *.*

      LG! :)

      Antworten

  3. Hans
    Nov 09, 2012 @ 11:18:07

    tolle Idee!

    Antworten

  4. Merle
    Nov 22, 2012 @ 22:25:58

    Ein wirklich klasse Interview, du kommst immer wieder auf neue gute Ideen, total schick! Da weiß ich doch, warum ich dir trotz häufiger Abwesenheit treu bleibe ;-)
    Finde ich absolut spannend, so ene Frage von so vielen verschiedenen Autoren beantwortet zu sehen. Ich will noch so eins!

    Antworten

  5. Lotti
    Dez 03, 2012 @ 08:31:23

    Ich bin sehr dafür, dass so ein Beitrag bald wieder gebracht wird. Es ist spannend, zu sehen, wie sich die Antworten der Autoren bei der selben Frage unterscheiden.
    Finde ich gut, dass auf diesem Blog Beitragsarten gebracht werden, die ich wirklich nicht von woanders her kenne. Das macht diesen zu etwas Einzigartigem. Immer weiter so!
    LG!

    Antworten

  6. Lotti
    Dez 03, 2012 @ 08:32:19

    Der Begriff „Seelenschauspieler“ ist ja wirklich wunderschön. Mag mir nicht in den Kopf warum, aber … klingt einfach so toll!

    Antworten

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