[Blogtour] Letzte Chance

~*~

Wie oft ich schon versucht hatte, aus dem Käfig auszubrechen, wusste ich nicht. Zeit hatte für mich keine Bedeutung mehr, auch wenn ich sie auf meinem Smartphone abrufen konnte. Ich wollte nicht mit ansehen, wie wertvolle Stunden meines Lebens verstrichen, während ich wie ein Tier in diesem goldenen Gefängnis gehalten wurde und sie nicht nutzen konnte.

Meine Schulter schmerzte und war bestimmt geprellt von all den Malen, in denen ich mich mit ihr gegen die Stäbe geworfen hatte. Obwohl der Geheime immer wieder zu mir kam und mich mit Nahrung und Wasser versorgte, litt ich an Hunger und Durst. Ich brachte es einfach nicht über mich, etwas von dem anzurühren, was dieses Monster mir anbot. Ich wusste jedoch, dass ich so nicht mehr lange weitermachen konnte. Die Magenkrämpfe und Schwindelanfälle kamen nun immer häufiger und gewannen an Intensität. Immer öfter verlor ich das Bewusstsein, nur um beim Aufwachen festzustellen, dass der Wicht wieder vor dem Käfig lauerte und mich mit diesen gierigen Augen anstarrte.

Ich war nie gläubig gewesen, aber dieser Anblick hatte mich davon überzeugt, dass es einen Teufel gab, und er hatte rote Haare und wässrig graue Augen.

Zu schwach, um mich aufzusetzen, lag ich zusammengerollt in der Mitte des Käfigs und tippte in mein Smartphone. Meine Lider waren so schwer, dass ich sie kaum noch offen halten konnte.

Ich war zu einem Abenteuer aufgebrochen, von dem ich nicht einmal annähernd wusste, wie ich es bestehen sollte.

Ich schrieb meine eigene Geschichte: von dem Moment, in dem ich vor Finas Mühle gestanden hatte, bis jetzt, da ich in der Schatzkammer des Geheimen vor mich hinvegetierte. Das Schreiben war das einzige, was mich davon abhielt, verrückt zu werden. Aber ein Blick auf meinen Akku verriet mir, dass ich nicht einmal das noch lange tun konnte.

Resignierend schloss ich die Augen. Bis jetzt hatte ich auf meine Hilfebotschaft noch keine Antwort erhalten. Vermutlich würde ich das auch nicht, denn wer sollte mir diese Geschichte schon glauben? Ich war verloren. Der Gedanke, dass ich nicht ewig ohne Trinken und Essen auskam, war beinahe schon tröstlich. Aus der Hölle gab es einen Ausweg und was auch immer mich danach erwarten würde, es konnte nur besser sein als das hier.

Das Summen meines Handys riss mich aus meiner Lethargie. Erstaunt sah ich auf das kleine Symbol am Rand meiner Menüleiste, die einen eingetroffenen Briefumschlag anzeigte. Jemand hatte mir eine SMS geschickt.

Was auch immer ich gerade noch über den Tod als glücklichen Ausweg aus meiner Lage gedacht hatte – neue Hoffnung durchströmte mich wie eine Flut heißen Wassers. Mit zittrigen Fingern kämmte ich mir das strohig zerzauste Haar aus dem Gesicht und kämpfte mich mit aller verbliebenen Kraft in eine sitzende Position. Mein Atem rasselte. Ich leckte mir über die aufgeplatzten Lippen und schmeckte Blut. Nur wenige Zentimeter über der SMS-Annahmetaste schwebte mein Daumen in der Luft. Die Erwartung schnürte mir beinahe die Kehle zu.

„Was hat sie denn da?“, erklang die Stimme des Geheimen.

Schwerfällig hob ich den Kopf und sah ihn an. Sein unbemerktes Auftauchen überraschte mich nicht, daran war ich gewöhnt. Doch das er ausgerechnet in diesem Augenblick zurückgekehrt war, erschien mir wie eine Offenbarung. Das hier war es also, das Ende. Ich spürte es mit jeder Faser meines Körpers und las es in den Augen des Wichts. Jetzt würde sich entscheiden, ob ich leben oder sterben würde.

Mein Mund verzog sich zu einem erschöpften Lächeln. „Vielleicht den Schlüssel zu meiner Freiheit.“

Ich drückte den Knopf und das Nachrichtenfenster sprang auf. Mein Blick fiel auf die schwarzen Buchstaben, die sich über den weißen Hintergrund zogen. Sie verbanden sich zu einem einzigen Wort.

Seinem Namen.

Ich schloss die Augen. Gerettet.

Das Wort hallte wieder und wieder durch meinen Kopf. Die Gefühle, die mich dabei überkamen, waren so stark, als erlebte ich sie zum ersten Mal: Erleichterung, Zuversicht, Dankbarkeit …

Noch nie in meinem Leben war ich so dankbar gewesen wie in diesem Moment, und würde es wohl auch nie wieder sein. Das zu wissen, erfüllte mich mit Ehrfurcht. Wie wenig du das Leben zuvor geschätzt hast, wird dir erst bewusst, wenn es dir beinahe genommen wird.

Meine Lider hoben sich und ich sah dem Geheimen mit festem Blick entgegen. „Du willst wissen, was sie hier hat?“

Triumph ließ mich jeden Schmerz vergessen. Ich stand auf und trat vor ihn. Gemächlich hob ich die Hand mit dem Handy und hielt ihm den Bildschirm vors Gesicht. Er schien Schwierigkeiten zu haben, die Buchstaben zu entziffern, doch schließlich machte sich Begreifen in seiner Miene breit.

„Ganz recht“, sagte ich. „Sie hat deinen Namen herausgefunden.“

Der Geheime schrie. Er kniff die Augen zusammen und sein Gesicht verzog sich zu einer schmerzerfüllten Fratze.

Ich rückte noch ein wenig näher an das Gitter. „Sie schwört, wenn er nicht sofort diese Tür öffnet, wird sie ihn aussprechen. Sie wird seinen Namen laut sagen und er wird zu Staub zerfallen.“

Seine Lider öffneten sich. Abgrundtiefer Hass loderte in seinem Blick.

„Mach die Tür auf. Sofort!“

Schweißtropfen perlten an seiner Schläfe hinab. Hastig griff er nach dem Schlüssel an seinem Gürtel und schob ihn ins Schloss. Der Weg in die Freiheit tat sich quietschend vor mir auf.

Ich holte tief Luft und setzte den ersten Fuß nach draußen. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie der Geheime jede meiner Bewegungen haargenau beobachtete. Wenn Menschen Gefühle riechen könnten, würde der Gestank seiner Angst mir jetzt den Atem rauben.

Ich streckte die Hand aus. „Und jetzt das Salz. Auf der Stelle!“

~*~

Als ich die Höhle des Geheimen verließ und Sonnenlicht auf mein Gesicht fiel, jauchzte ich auf. Das Säckchen mit dem Salz, das mir der Wicht in die Hand gedrückt hatte, wog schwer in meiner Hand.

Ein Lachen stieg in meiner Kehle auf und hallte durch die nebelverhüllten Weiten des Moores.

Ich war frei!

~~~***~~~

SMS-Nachricht an alle Bloglesetourteilnehmer:

Ich kann euch gar nicht sagen, wie dankbar ich euch für eure Hilfe bin! Besonders dir, Alissa, bin ich mehr als dankbar. Mit deinem Einsatz hast du mir das Leben gerettet, das werde ich dir nie vergessen!

So, und jetzt muss ich erst einmal duschen, essen und dann schlafen gehen. Vielleicht fühle ich mich danach wieder ein wenig menschlicher und weniger wie eine potenzielle Moorleiche.

Noch einmal tausen Dank!

Erschöpft erleichterte Grüße

2016 Clee signatur

~~~***~~~

>>Hier berichtet der Geheime aus seiner Perspektive von den Ereignissen der letzten Woche!<<

7 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Aletheia
    Jan 06, 2013 @ 14:10:55

    Sehr schön gesschrieben.
    Jetzt will ich erst recht wissen, wie der Name des Geheimen lautet…

    Antworten

  2. Alissa
    Jan 06, 2013 @ 20:44:28

    Das habe ich wirklich gerne gemacht!
    Ich bin sehr erleichtert, dass es geklappt hat und du wieder frei bist.
    Nun erhol dich gut von deinen Strapazen!

    Viele liebe Grüße,
    Alissa

    Antworten

    • cleesbuecherwelt
      Jan 21, 2013 @ 20:23:13

      Ich glaube, ich hab mich wieder total regeneriert. Fühlt sich an wie neugeboren. :)
      Hast du das Buch schon ganz lesen können? Widerlich, dieser Wicht, oder? Ich hab immer noch Alpträume … diese Augen, ich sags dir *schauder*

      LG!

      Antworten

  3. Merle
    Jan 12, 2013 @ 22:39:49

    SCHREIB. DEIN. BUCH! und brings raus. ZACK ZACK!!

    Antworten

  4. Trackback: [Blogtour] Gewinnspielauslosung! | Clees Bücherwelt

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