[Autorenstuhlkreis] Ein Anfang – unendlich viele Enden, Teil 1

Wie sich am Titel ablesen lässt, habe ich erneut einen Autorenstuhlkreis zusammenberufen, um unsere Fechtmeistern mit der Schreibfeder zu fordern und damit uns Lesern schöne Schmökerstunden zu bescheren. Dieses Mal habe ich mich in den Bereich der Ideenneurologie vorgewagt. Ich wollte sehen, ob sich die Gedankengänge von Autoren wirklich in so komplett verschiedene Richtungen bewegen, obwohl jeder von ihnen den gleichen Ansatz geliefert bekommen hat. Aus diesem Grund habe ich 13+ Schrifstellern den gleichen Textanfang in die Wortschmiede gegeben und sie darum gebeten, diesen nach ihren Vorstellungen weiterzuspinnen. Eines kann ich euch versichern: Mich hat es schier aus den Socken gehauen, als ich plötzlich diese so unglaublich unterschiedlichen Geschichten zu lesen bekommen habe … Da einige der Storys so lang sind, dass alle zusammen den Rahmen eines Blogbeitrags sprengen würden, werde ich diesen Autorenstuhlkreis in mehrere Teile aufsplitten. Ich wünsche auch viel Spaß beim Lesen von Teil 1!

Jeder der Autoren durfte sich aussuchen, ob er folgende Sätze in Ich-Perspektive oder Dritter Person schreiben möchte.

„Das Geräusch zersplitternden Glases ließ mich herumfahren. Meine Augen weiteten sich, als ich sah …“

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© Lalo Jodlbauer

Brigitte Melzer

Brigitte Melzer wurde 1971 geboren und kam über Fantasy-Rollenspiele zum Schreiben. „Whisper Königin der Diebe“ gehörte zu den drei besten Manuskripten, die für den Wolfgang-Hohlbein-Preis 2003 eingereicht wurden. Brigitte Melzer lebt und arbeitet in München.

>>KLICK!<<

Das Geräusch zersplitternden Glases ließ mich herumfahren. Meine Augen weiteten sich, als ich sah, wie sich ein Wesen aus den Scherben der zerbrochenen Flasche erhob. Im Sonnenlicht schimmernd, die Oberfläche aus poliertem Glas, stand es da. Majestätisch. Überirdisch. Furchteinflößend.
  „Wer … wer bist du?“, stammelte ich.
  „Der Flaschengeist“, sagte das Wesen mit donnernder Stimme.
  Ungläubig riss ich die Augen auf. „Ein Dschinn?“
  Die Kreatur warf einen Blick auf die Scherben. „Gin“, korrigierte sie mich und kam langsam näher. „Du hast einen der meinen zerstört. Ein wertvolles Mitglied unserer Gesellschaft.“
  „Wertvoll?“
  „15 Cent Flaschenpfand.“

© Copyright 2013 by Brigitte Melzer. Alle Rechte vorbehalten.

© Henriette Mielke

Olga A. Krouk

Olga A. Krouk wurde 1981 in Moskau geboren, bezeichnet aber Sankt-Petersburg als ihre Heimatstadt. In der Schule und später auf dem College hat sie die deutsche Sprache gelernt.
2001 zog sie nach Deutschland, wo sie zur Zeit mit ihrem Mann in Schleswig-Holstein lebt.

>>KLICK!<<

Das Geräusch zersplitternden Glases ließ mich herumfahren. Meine Augen weiteten sich, als ich sah, wie die Scherben zu Boden regneten.
„Nein!“ Hart schlugen meine Knie auf dem Marmorboden auf. „Habe ich etwas falsch gemacht?“ Mit zitternden Fingern hob ich eine der Scherben auf und blickte hinein. Es knackte. Die Oberfläche, auf der sich mein Gesicht spiegelte, bekam einen Riss. Dann noch einen. Bis ich mich nicht mehr sehen konnte.
Mein Blick flog zum leeren Rahmen. Ich war noch nie die Hübscheste gewesen. Aber die Antwort auf die Frage nach der Schönsten im ganzen Land hätte auch etwas netter ausfallen können.

© Copyright 2013 by Olga A. Krouk. Alle Rechte vorbehalten.

© Melanie Metzenthin

Melanie Metzenthin

Dr. Melanie Metzenthin wurde 1969 in Hamburg geboren, wo sie auch heute noch lebt. Als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie hat sie einen ganz besonderen Einblick in die Psyche ihrer Patienten, zu denen sowohl Traumatisierte als auch Straftäter gehören.

Bei der Entwicklung ihrer Romanfiguren greift sie gern auf ihre beruflichen Erfahrungen zurück.

>>KLICK!<<

Das  Geräusch zersplitternden Glases ließ mich herumfahren. Meine Augen weiteten sich, als ich sah, dass Cinderella einen ihrer gläsernen Pantoffel zerschmettert hatte. „Ich habe die Nase voll!“, brüllte sie.
„Aber Prinzessin“, erwiderte ich. „Das war doch das Verlobungsgeschenk Eures Gatten. Wie könnt Ihr diese Erinnerungen …“  

„Halt’s Maul“, fuhr sie mich an. Ich war erschüttert. Was war geschehen?
Seit ich als Hofdame für Cinderellas Wohl zu sorgen hatte, war sie mir stets als eine liebenswürdige, bescheidene Frau erschienen, die sich nicht scheute, den Mägden in der Küche zur Hand zu gehen, so dass ich ihr immer wieder erklären musste, was sich für die Gattin des Thronfolgers ziemt und was nicht. Aber niemals, an keinem einzigen Tag meines Lebens hatte ich sie so wettern und fluchen gehört.
„Ich hasse das alles!“, schrie sie. „Diesen ganzen Prinzessinnen-Rummel.
Nichts darf ich mehr allein tun, ich muss gläserne Schühchen tragen und silberne Kleider, die so kostbar sind, dass ich mich nirgendwo hinsetzen kann. Und wofür? Für nichts!“
„Aber der Prinz liebt Euch doch so sehr.“
„Ha! Von wegen.“ Sie schnaubte. „Weißt du, warum er mich wirklich geheiratet hat?“
„Weil er euch lie…“
„Blödsinn!“, schnitt sie mir das Wort ab. „Weil sein Vater meinte, Frauen mit magischen Fähigkeiten sind gut für die Staatskasse. Wusstest du, dass die Urgroßmutter meines Gatten eine einfache Müllerstochter war?“ Sie ließ mir keine Zeit zu antworten, sondern fuhr unbeirrt fort. “ Sein Urgroßvater hat sie geheiratet, weil ihr Vater behauptet hatte, sie könne Stroh zu Gold spinnen.“
„Ich erinnere mich, das war die Rumpelstilzchen-Affäre.“
Cinderella nickte. „Genau. So ticken die hier – entweder Adel und reiches Erbe oder aber magische Fähigkeiten. Gestern hat der Prinz doch tatsächlich von mir verlangt, die Fee zu bitten, Stroh zu Gold zu spinnen! Eigentlich hätte ich ihm diesen verdammten Glasschuh auf den Kopf hauen sollen!“
„Aber Prinzessin …“
„Hör endlich mit diesem ‚Aber Prinzessin‘ auf.“ Sie hob drohend den zweiten Glaspantoffel. Ich wich zwei Schritte zurück. Sie senkte den Schuh. Ich atmete auf.
„Ich werde ihn verlassen“, sagte sie mit fester Stimme.
„Das könnt Ihr nicht tun, Ihr brecht ihm das Herz.“
„Du meinst, den Geldbeutel.“ Sie lachte bitter auf. „Stroh zu Gold spinnen, damit er sich die neue Sportkutsche leisten kann. Der hat doch nicht mehr alle!“
Der zweite Glasschuh flog an die Wand zersplitterte und hinterließ eine Delle in der kostbaren Tapete. Ich überlegte, ob ich die Wachen rufen sollte, da die Prinzessin anscheinend von einem bösen Dämon besessen war. Vielleicht mussten wir einen Exorzisten rufen. Ich hatte damit schon Erfahrung, seit ich am Hofe von Schneewittchens Vater gearbeitet hatte. Damals waren glühende Pantoffeln das Mittel der Wahl gewesen. Andererseits, ich bezweifelte, dass der Prinz seiner Gattin ein derartiges Schuhwerk anpassen würde …

© Copyright 2013 by Melanie Metzenthin. Alle Rechte vorbehalten.

 

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© Susanne Rauchhaus

Susanne Rauchhaus

 

Susanne Rauchhaus wurde 1967 in Gladbeck geboren und begann schon als Jugendliche zu schreiben. Nach der Ausbildung zur Europasekretärin und einer Fortbildung zur Werbetexterin arbeitete sie in einer Hamburger Werbeagentur und in der Redaktion einer Fachzeitschrift. Heute lebt sie in der Nähe von Stuttgart. Sie schreibt Kurzgeschichten und Glossen für verschiedene Zeitschriften und seit 2008 Jugendbücher für den Verlag Carl Ueberreuter.

>>KLICK!<<

Das Geräusch zersplitternden Glases ließ mich herumfahren. Meine Augen weiteten sich, als ich sah, dass der Briefbeschwerer in tausend Teile zersprungen war. Verdammt! Musste der Kater ausgerechnet den erwischen, als er durchs Fenster sprang? Mit Tränen in den Augen scheuchte ich das Tier wieder hinaus.

Das erste Geschenk, das ich Nick damals, kurz nach unserem ersten Kuss, gemacht hatte! Von Anfang an immer in Unsicherheit schwebend, ob ich mit jedem Schritt auf ihn zu diesen unglaublichen Mann von mir fort treiben könnte. Aber das geschah nicht. Unglaublich … er war wirklich mein! Bis zu seinem schrecklichen, sinnlosen Tod. Und für mich auch darüber hinaus. Für immer.
Oft erzählte er mir – mit diesem fragenden, kantigen Lächeln – dass er das halbrunde Glasstück jedes Mal in der Hand wog und mein Bild darin betrachtete, bevor er einen seiner Liebesbriefe an mich schrieb. Richtige, wunderschöne Briefe – mit Tinte geschrieben, auf knisterndem Papier. Manche Worte, sagte er, müsse man einfach auf Papier bannen, dann waren sie sogar stark genug, einen Traum zu besiegeln. Verrückter, lieber Nick!
Mit Tränen in den Augen bückte ich mich, um mein Bild aus den Scherben zu ziehen. Das Glas hatte einen Schlitz gehabt, in den man es hineinstecken konnte, sodass mein Lächeln ihn jedes Mal begrüßte, wenn er sich an den Schreibtisch setzte. Aber … was war das? Meine Finger griffen das Fotopapier, aber dahinter lag noch etwas anderes. Ein Brief von mir? Ein Gedicht?
Traurig, weil ich wusste, dass es das Letzte war, was mir von ihm blieb, zog ich das Papier darunter hervor. Nein, es war nicht nur eins. Ungläubig starrte ich darauf. Minutenlang. Oder vielleicht auch Stunden. Als ich es nicht mehr ertragen konnte, nahm ich das größte Stück Glas und donnerte es gegen die Wand. Der Wand tat das nicht weh, aber mir. Ein paar Blutstropfen bedeckten die Bilder der anderen Frauen, die ich auf dem Boden verstreut hatte. Mein Blut. Aber immerhin keine Tränen. Die letzten hatte ich an das blöde Glas verschenkt.

© Copyright 2013 by Susanne Rauchhaus. Alle Rechte vorbehalten.

© Patricia Radda

Patricia Radda

Patricia Radda wurde 1989 in Niederösterreich geboren.
Sobald sie schreiben konnte, versuchte sie eigene Geschichten zu erfinden.
Ab ihrem achten Lebensjahr beschäftigte sie sich hauptsächlich mit dem Verfassen von Lyrik, 2001 schrieb sie ihren ersten Roman, den sie heute natürlich nicht mehr herzeigen würde.

>>KLICK!<<

  Hero

Das Geräusch zersplitternden Glases ließ mich herumfahren. Meine Augen weiteten sich, als ich sah, dass mein Vater, der gerade noch ganz ruhig gewesen war, den Behälter mit den schmutzigen Pinseln hatte fallen lassen. Er stand mitten in den Scherben und bewegte sich nicht. Aber in seinen Augen war jetzt Wut zu lesen, statt der stillen Gleichgültigkeit von vorhin. Beinahe war ich erleichtert, dass er eine Regung zeigte: Jetzt war die Nachricht bei ihm angekommen. Ich hatte meinen Vater seit Jahren nicht gesehen, und konnte seine Reaktion nicht einschätzen. Was würde er jetzt tun? Er atmete schwer, bevor er bitterlich zu weinen begann.
„Bleib stehen!“, befahl ich ihm und er gehorchte wie ein kleines Kind.
Ich holte ein Tuch und wischte das Dreckwasser zusammen mit den Scherben weg, klaubte die Pinseln zusammen und tupfte seine nackten Zehen trocken. Als ich wieder aufstand, sah er in meine Augen.
„Lass mich bitte auch sterben“, bettelte er.
Ich ließ seinen Blick nicht los, und sagte fest: „Nein.“
Da brach er zusammen. Er hockte sich auf den Boden und weinte aus tiefstem Herzen. Jeden Augenblick wusste ich genauer, wie verloren er war. Seit der Ermordung meiner Mutter war er nicht stabil. Er verließ seine Wohnung, seine Höhle, nur selten. Er malte wie ein Besessener oder er schlief tagelang. Er verstand die Realität nicht, und schon gar nicht, warum ich gerne lebte. Er erschuf Welten mit seinen Bildern, so wie ich Welten mit meinen Worten erfand. Sein Körper machte weiter, was er immer getan hatte. Er lief auf Autopilot. Ich hatte keinen Kontakt zu ihm gehalten, weil das alle für besser hielten. Ich war ein Kind und hatte mich nicht gewehrt. Vielleicht hätte ich mich um ihn kümmern müssen. Aber er sagte es seinen Schwestern jeden Tag: Er wollte keine Menschen in seinem Leben. Menschen verschwinden. Der Selbstmord meiner Tante hatte ihm etwas bestätigt: Er war der Überlebende. Verflucht dazu, weiter zu machen. Das war seine größte Angst. In diesem Moment war ich nicht seine Tochter. Ich war sein Folterknecht. Ich nahm ihn in den Arm und wiegte ihn hin und her, wie ich es mit meiner Tante gemacht hatte, wenn sie weinte. Tief in mir bildete ich mir ein, dass er um Tante Paula weinte. Ich stellte mir vor, dass er sie geliebt hatte, normal, wie eine Schwester, oder – wenn man ihr Alter bedachte – wie eine Tochter. Er war ihr Held gewesen, so viel wusste ich. Ich dachte an Tante Paulas Helden und an die Zeile aus Batman.
You either die a hero or live long enough to see yourself become the villan.
Ich begann zu weinen, denn ich trauerte um meine Ersatzmutter. Ich war erleichtert, dass ich jetzt weinen durfte. Für einen Moment fantasierte ich, dass er mich hielt und mich tröstete, so als wäre er mein normaler Vater.

© Copyright 2013 by Patricia Radda. Alle Rechte vorbehalten.

Das war es jetzt heute erst einmal mit den schriftstellerischen Ausflügen.

Von wem es die nächsten Geschichten geben wird? Tjaaa, das wird nicht verraten. Lasst euch überraschen. Stellt euch aber darauf ein, dass die nächsten Storys um einiges länger werden – um einiges.

Ganz liebe Grüße

2016 Clee signatur

6 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Buchheldin
    Apr 29, 2013 @ 18:20:17

    Oh, Susanne Rauchhaus! Wie ich „Die Messertänzerin“ liebe!! <3

    Antworten

    • cleesbuecherwelt
      Apr 29, 2013 @ 21:15:27

      Ohooooja! Wenns jetzt dann irgendwann wieder Nachschub gibt, macht diese Frau mich zu einem glücklichen Menschen ;D

      Antworten

      • Buchheldin
        Apr 30, 2013 @ 20:50:05

        Kaum zu glauben, dass „Die Messertänzerin“ eher unbekannt ist, oder? Die Geschichte ist soooooooooooooooo toll<3

      • cleesbuecherwelt
        Mai 01, 2013 @ 08:34:00

        Definitiv ist sie das! *nick, nick*
        Und stimmt – ein Frevel ist das. Aber ich hab längst aufgehört, verstehen zu wollen, warum manche Perlen in ihrer Muschel bleiben müssen, während aus anderen sogar die Kieselsteine geborgen werden *seufz*

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