[Autorenstuhlkreis] Ein Anfang – unendlich viele Enden, Teil 2

Ein Anfang – unendlich viele Enden, Teil 2

Heute geht es weiter mit dem neusten Autorenstuhlkreis. Wer sie kennt, liebt sie – zumindest ist das bei mir so. Britta Strauß hat ebenfalls meinen Satzanfang verwendet und zu einer spannenden Geschichte weitergesponnen. Zur Erinnerung: Ich habe 13+ Autoren den gleichen Satzanfang gegeben, welchen sie nach ihren Vorstellungen zu einer Geschichte oder zumindest einem kleinen Geschichtsfragment weiterverwenden sollten. Hier könnt ihr jetzt nachlesen, was sich meine Lieblings-Unterwasserstorys-Autorin ausgedacht hat. Ich verrate nur so viel: Sie ist sich treu geblieben. Im wässrigsten Sinne.

Jeder der Autoren durfte sich aussuchen, ob er folgende Sätze in Ich-Perspektive oder Dritter Person schreiben möchte.

“Das Geräusch zersplitternden Glases ließ mich herumfahren. Meine Augen weiteten sich, als ich sah …”

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© Britta Strauß

Britta Strauß

Geboren 1978 in Sachsen-Anhalt, habe ich meine metaphorischen Zweige und Äste seit 2001 zum bergischen Land ausgestreckt. Ich schreibe, um mich selbst zu entführen – um durch nächtliche Wälder zu rennen, in die Tiefen des Universums einzutauchen, auf fremden Planeten Urlaub zu machen oder mit Walen zu tauchen. Und ich schreibe, um meine Leser zu entführen. Für eine Weile die Realität vergessen. Abtauchen. Eintauchen. Verführt werden. Motto: Die Wahrheit ist irgendwo da draußen. Oder woanders.

>>KLICK!<<

Das Geräusch zersplitternden Glases ließ sie herumfahren. Ihre Augen weiteten sich, als sie sah, dass das Wasser im Silbergefäß kaum merklich erzitterte. In ihrem Gemach war es so still, dass selbst das Plätschern winziger Wellen wie ein Ruf hin und her geworfen wurde. Amphitrite zerriss es schier das Herz, als der Spiegel ihr den Jungen zeigte. Wie konnte Poseidon nur so herzlos sein? Wie konnte er zulassen, dass man das Leben seines eigenen Sohnes so schändlich zerstören würde? Zärtlich berührte sie das fließende, silberne Wasser. Der Junge spürte ihre Berührung nicht. Sie weilte in einem kristallenen Palast tief im Ozean, er saß an der weit entfernten Küste Kretas auf einem Felsen, hatte die Augen geschlossen und war ganz darauf konzentriert, den Wind auf seiner Haut zu spüren. Dieser Mensch war anders. Besser. Er liebte das Leben mehr als die anderen seiner Art, die nur nach der Vergrößerung ihres Reichtums strebten. Jede Nuance dessen, was ihn umgab, sog er voller Lebenshunger in sich auf. Die Wellen des türkisfarbenen Meeres, in dem sich Schwärme von Fischen tummelten. Den

Sommerhimmel. Den Geruch der Mandarinen- und Pfirsichbäume. Ein Lächeln hellte sein Gesicht auf, als der Wind drehte und sein Haar verwuschelte. Glücklicherweise sah der Junge seinem Vater nicht ähnlich. Da war keine Grausamkeit in seinen Zügen, keine Kälte in seinen Augen. Nur Lebensfreude und sanfte Männlichkeit, die gerade erst begonnen hatte, die Weichheit der Jugend abzulegen. Kaum vorstellbar, dass in diesem Menschen ein Ungeheuer darauf wartete, entfesselt zu werden. Amphitrite seufzte. Was sie sah, verströmte eine solch friedvolle Idylle, dass es einem Faustschlag glich. Seit die Götter in diese Welt eingefallen waren und das Schicksal der Menschen lenkten, regierte Grausamkeit und Niedertracht. Denn die Götter – zu alt, um noch Moral zu besitzen – liebten das Spiel. Menschen waren ihre Figuren, das Schicksal selbst das Brett, auf dem sie die Seelen willkürlich umher schoben. Selbst schuld, erwiderte eine Stimme in ihr. Wären Menschen nicht so machtversessen, könnten die Götter nicht mit ihnen spielen. Ach, wäre der Junge doch nur ihr Sohn. Hätte sie nur damals, als sie Poseidons Frau geworden war, nicht all ihre Kräfte verloren. Dieses hinterhältige, gewissenlose Monstrum. Amphitrite raffte ihr silbernes Kleid und stürmte aus dem Saal. Der Kristall sang unter ihren nackten Füßen. Alles hier bestand aus durchsichtigem, lebendigem Kristall, war unendlich zart, kostbar wie die Wesen der Meeresabgründe. In der Nacht tanzten flirrende blaue und grüne Lichter über die filigranen Strukturen des Palastes, wie Milliarden mäandernde Flüsse und Blitze. Manchmal wiegte sich alles im Takt der Strömung. Nichts war hart und starr. Nichts kantig oder zackig. Amphitrite wusste, dass der Palast selbst ein Lebewesen war, zusammengesetzt aus unendlich vielen, durchscheinenden Geschöpfen, die allein durch Poseidons Willen am Platz gehalten wurden. Nach seinem Gutdünken änderte er den Palast, ließ schneckenartig gewundene Türme empor wachsen, stampfte einen Teil in den Grund und ließ ihn anderswo wieder neu erstehen. Mal nahm das gesamte Gebilde die Form einer riesigen Meeressschnecke an, mal wurde es zu einem vielarmigen Kraken oder einem gigantischen Seeigel, dessen Stacheln in allen Farben flirrten. Eigentlich, ging es ihr wutentbrannt durch den Kopf, ist alles, was hier lebt, seinem Willen unterworfen.

Salznymphen kreuzten ihren Weg, als sie durch die verzweigten Gänge eilte. Hell leuchtende, kaum handgroße Wesen, deren zauberhafte Gestalt sie nicht davor bewahrte, Opfer von Poseidons Launen zu werden. War seine Stimmung schlecht, fing er die Nymphen und fraß sie roh. Oder er schmorte sie in der Luft, indem er Blitze aus seinem Dreizack schleuderte. Kaum besser erging es den Najaden, die wie liebliche Geister durch den Palast huschten und sich Poseidons unersättlichem Paarungstrieb ergeben mussten. Die grün leuchtenden Seegurken, die unermüdlich den Palastboden säuberten, wurden von ihm mit Vorliebe zertreten oder nach den Najaden geworfen. Es gab keinen Bediensteten, ob Mensch oder Halbgott, der ein gutes Wort über Poseidon verlieren konnte. Seinen Respekt besaßen allein die Reinblütigen. Und jetzt, nach fast zweitausend Jahren auf der Erde, machte seine Niedertracht nicht einmal vor seinen eigenen Söhnen halt.    Als Amphitrite wutschnaubend den Vorhang aus Nesselquallen teilte, sah sie Poseidon gut gelaunt auf seinem Podest sitzen. Durch den Spiegel aus Silberwasser, der vor ihm stand, sah Amphitrite grüne Hänge, auf denen ein Schäfer seine Herde hütete. Ein Blitz fuhr aus dem Dreizack ihres Mannes und tauchte in den Spiegel ein. Man hörte ein lautes Blöken, dann einen Schrei – und dreiundzwanzig gegrillte Schafe schmorten kohlrabenschwarz auf den Hügeln. Panisch ergriff der Schäfer die Flucht. „Warum tust du das?“ Nicht einmal einen Tag hielt dieses Monster aus, ohne zu töten und zu quälen. „Sag schon!“

Poseidon schnaubte spöttisch. „Weil ich es kann.“ Das Bild des Spiegels änderte sich. Eine Ebene war zu sehen, auf der zwei Armeen zum Angriff übergingen. Brüllend stürmten sie aufeinander zu, bis Blitze mit einem ohrenbetäubenden Donnern niederfuhren und eine tiefe Schlucht in die Ebene pflügten. Verdutzt ballten sich die Armeen an den Rändern des klaffenden Risses zusammen, gestikulierend wild herum und warfen sie sich über den Abgrund Drohungen zu. Pfeile und Lanzen flogen. Menschen stürzten brüllend in die Tiefe.

„Hör auf damit!“ Amphitrite war mit wenigen Schritten bei Poseidon und entriss ihm seinen Dreizack. Niemand, nur sie allein, konnte dergleichen wagen. Jedem anderen hätte er das Fleisch in Streifen von den Knochen geschnitten und ihn anschließend gezwungen, es an die Palastmuränen zu verfüttern. „Wir sind nicht hier, um sinnlose Spiele zu spielen!“

„Ach nein? Warum dann? Du scherst dich wirklich um menschliches Leben?“ Poseidon warf sein langes, silberblaues Haar zurück. Gleichfarbige Schuppen glänzten auf seiner muskulösen Brust, sein prächtiger Bart war frisch gekämmt. Heute hatte er sich dazu entschieden, dem Idealbild zu entsprechen, das Menschen von ihm kreiert hatten. „Es sind Würmchen. Kurzlebige, lächerliche Tierchen, die sich auch noch bedanken, wenn man ihnen in den Hintern tritt.“ „Sie sind eine junge und unerfahrene Rasse, die noch viel lernen muss“, widersprach Amphitrite. „Aber wie sollen sie dazulernen, wenn niederträchtige Ungeheuer wie du sie nach Lust und Laune abschlachten?“ „Niederträchtiges Ungeheuer?“ Poseidon schauderte. Er teilte ihr Haar und schnupperte genüsslich an den Strähnen. „Das gefällt mir. Warum bist du hier, meine Holde?“ Amphitrite holte tief Luft. „Ich bitte um Gnade für Kretas Königssohn.“ Poseidon lachte, dass der gesamte Palast erzitterte. „Meine Liebste, wenn dir langweilig ist, kommst du auf die sonderbarsten Ideen.“ Wütend funkelte sie ihn an. „Du hältst Gnade und Mitgefühl für eine sonderbare Idee? Was bist du nur für ein Monster! Hätte ich doch den Delfin, der mich zu dir brachte, direkt in die Unterwelt verbannt.“ Poseidon warf den Kopf zurück und lachte schallend. „Mach weiter. Ich will mehr davon, meine Liebste.“ „Niederträchtiger Schuft. Eines Tages wachst du auf und siehst deinen abgeschnittenen Kopf in meiner Hand. Aber vorher schneide ich das ab, worauf du so stolz bist, und füttere damit die Schleimaale.“ „Ich kann es kaum erwarten.“ Blitzschnell war er bei ihr, packte sie und warf sie mit Schwung auf das Bett. „Trägst du mir immer noch nach, dass ich mich bei unserem letzten Liebesspiel in einen Riesenkraken verwandelt habe?“ „Das war ekelhaft!“ „Ach ja? Soweit ich mich erinnern kann, hast du den ganzen Palast zusammengeschrien. Und zwar nicht aus Ekel.“ Amphitrite holte aus und verpasste Poseidon eine schallende Ohrfeige. „Ich hasse dich! Ich hasse, hasse, hasse dich!“ Er ließ sich zur Seite fallen, stieß einen zufriedenen Seufzer aus und verschränkte die Arme vor der Brust. „Liebste“, schnurrte er. „Genau deswegen bin ich, wie ich bin. Ich liebe es, wenn du mich hasst. Und weil ich so glücklich bin, eine Frau wie dich zu haben, will ich dein Gnadenersuch erfüllen.“ „Das würdest du tun?“ Amphitrite überwand ihre Abscheu und legte beide Hände auf Poseidons Brust. „Du würdest sein Leben retten?“ „Oh ja.“ Poseidon stand auf, ging zu seinem Podest und hob feierlich den Dreizack. „Hiermit verbiete ich Minos, seinen Sohn zu töten. Er wird nicht bei Ebbe an den Pfahl gebunden werden, damit die Flut ihn ertränkt. Stattdessen befehle ich dir, König von Kreta, ein Labyrinth zu bauen. Tief in die Erde sollst du es graben, und es soll größer und verzweigter sein als alles, was die Welt je kannte. Dorthin bringe deinen Sohn, versiegele den einzigen Eingang und höre, was ich dir auftrage: Alle sieben Jahre bringe sieben Jungfrauen in das Labyrinth, um sie dem Ungeheuer zu opfern, in das dein Sohn sich verwandeln wird. Sieben Jungfrauen, deren Schreie dir sieben Nächte lang in den Ohren liegen sollen. So lauten mein Wille und mein Befehl. Baue ein Labyrinth für deinen Sohn, den Minotaurus.“

 

© Copyright 2013 by Britta Strauß. Alle Rechte vorbehalten.

Alles Liebe

2016 Clee signatur

3 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Melanie
    Mai 01, 2013 @ 11:38:01

    Also ich würde mich sehr über eine Fortsetzung freuen (muss ja nicht gleich ein ganzer Roman sein) :-)

    Liebe Grüße,
    Melanie

    Antworten

  2. Merle
    Mai 04, 2013 @ 17:03:32

    *Hand hochstreck* Ich will hiermit ein Buch! Mit Poseidon! Bitte? Bitte, bitte?

    Antworten

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