[Autorenstuhlkreis] Ein Anfang – unendlich viele Enden, Teil 5

Ein Anfang – unendlich viele Enden, Teil 1 – 4

Der fünfte Teil unseres Autorenstuhlkreises hat sich „getroffen“ und zu Gast haben wir dieses Mal: Nora Melling, die normalerweise dem Wolfgesang in Berlins Stadtparks lauscht, Eva-Ruth Landys, die zu unserem Vergnügen alte Zeiten neu auferleben lässt, und Tereza Vanek – die zwar nicht ganz den gleichen Geschichtsanfang gewählt hat, aber immerhin war da auch bei  ihr ein Geräusch und ihre Protagonistin Luisa sieht in der Tat etwas ganz und gar … Lest selbst!

Hier die Erklärung: Ich habe 13+ Autoren den gleichen Satzanfang gegeben, welchen sie nach ihren Vorstellungen zu einer Geschichte oder zumindest einem kleinen Geschichtsfragment weiterverwerten sollten. Hier könnt ihr nachlesen, was sich dabei für eine weitere tolle Geschichte ergeben hat.

Jeder der Autoren durfte sich aussuchen, ob er folgende Sätze in Ich-Perspektive oder Dritter Person schreiben möchte.

“Das Geräusch zersplitternden Glases ließ mich herumfahren. Meine Augen weiteten sich, als ich sah …”

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© by Dieter Kroll

Nora Melling

Nora Melling wurde 1964 in Hamburg geboren. Schon als Kind liebte sie es, phantastische Geschichten zu erfinden. Doch erst einmal machte sie eine kaufmännische Ausbildung und zog zum Studium nach Berlin, bevor sie sich den Traum erfüllte, ihren ersten Roman zu schreiben. Heute lebt sie mit ihrem Mann und vier Kindern in Berlin-Zehlendorf und geht oft im Grunewald spazieren, wo sich auch ihre Werwölfe tummeln.

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Chris und Tim

Das Geräusch zersplitternden Glases ließ mich herumfahren. Meine Augen weiteten sich, als ich sah … wie die bewaffneten Männer sich ihren Weg ins Fabrikgebäude bahnten. Tim und ich kannten uns schon fast unser ganzes Leben. Wir mussten uns nicht absprechen. Ein kurzer Blickwechsel und wir rannten auf der Suche nach einem Versteck. Eine Tür, die in ein verlassenes Büro führte, war nur angelehnt. Ich eilte hinein, drückte mich an die Wand und versuchte leise zu atmen. Vor allem versuchte ich nicht zu niesen, von all dem Staub, der herumlag. Wie konnten wir so dumm sein? Vor ungefähr zwei Sekunden hatten wir uns noch so sicher gefühlt. Wir waren weg von der offenen Straße in dies leere Fabrikgebäude geflüchtete. Die schweren zweiflügeligen Türen nach vorne heraus, die wir natürlich nicht abschließen konnten, hatten wir mit Möbeln, Brettern und einem Blechschrank verbarrikadiert. Schnell waren wir, gut und effizient. Doch wir hatten die Fenster nicht beachtet. Wir waren ganz und gar nicht sicher. Unsere Verfolger brachen sich hintenherum ihren Weg durch die Fensterscheiben. Ich schob mich lautlos an der Wand des alten Büros entlang und ging hinter dem alten braunen Aktenschrank in Deckung. „Tim?“, flüsterte ich in mein Headset. „Wo bist du?“ Vor der eine Handbreit geöffneten Bürotür hörte ich die schweren Stiefelschritte der Männer. Wir waren mit unseren Turnschuhen so viel schneller und leiser. Doch sie waren in der Überzahl. Das Stampfen der Stiefeltritte war wie das Getöse der Jagdhelfer, die bei der Treibjagd die Beute aufscheuchten, damit sie erschreckt den Jägern vor die Flinte läuft.
„In der Werkhalle“, flüstere Tims vertraute Stimme in meinem Ohr. „Alles in Ordnung. Hast du sie noch, Die Datenperle?“
„Was denkst du denn?“ Was hatten wir nicht alles versucht, um an die Daten zu kommen. Marita, unsere Hackerprinzessin, hatte sich quasi ihre sorgfältig manikürten Finger wundgetippt, um in den Datenspeicher von „Abakus Financial Services“ einzubrechen. Doch sie bekam keinen Zugang. Aus dem einfachen Grund, dass die wirklich wichtigen Daten nicht auf Speichern lagen, die über das Internet verbunden waren. Abakus arbeitete mit Datenperlen, kleine runden Speichermedien, die direkt ausgetauscht wurden.

Ich hatte mit Tims Hilfe eine der Datenperlen gestohlen. Was darauf gespeichert war, würde reichen, um die führenden Köpfe von Abakus für eine sehr lange Zeit hinter Gitter zu bringen.
Jetzt waren uns deren Leute auf den Fersen. Klar.
Tim hatte angeboten die Datenperle zu schlucken. Oder wenigstens so zu tun als ob. Die Leute von Abakus, das war seine Idee, könnten ihn gefangen nehmen und foltern, während ich mit der Datenperle entkommen wäre. Doch die Idee war sinnlos. Wir wussten inzwischen, dass Magensäure die Schaltkreise zersetzen würde. Das kam nicht in Betracht. Also trug ich den Schatz jetzt versteckt unter meinen Klamotten in einem kleinen Case an einer Schnur um den Hals und Tim, mein allerbester Freud Tim, half mir dabei, dass es so blieb.
„Chris, seht zu, dass ihr nach oben kommt!“, zischelte eine andere Stimme in meinem Headset. Arvid. Ich sah ihn geradezu plastisch vor mir. Am Schreibtisch aus Wurzelholz, leicht vornüber gebeugt, in seiner teuren Hose, passendes Sakko über der Stuhllehne, die Ärmel seines weißen Maßhemdes mit Manschettenknüpfen geschlossen. Auch nicht älter als Tim und ich hatte er das Gehabe eines Mannes um die Vierzig. Arvid war zwar groß, aber blass und schmal und hatte keine Ahnung von irgendwas, das entfernt mit Sport zu tun hat. Offenbar auch keine Ahnung von Verfolgungsjagden in leerstehenden Häusern. Wieso sollten wir nach oben laufen?
„Und dann?“, knurrte ich. „Springen wir mit dem Fallschirm aus dem Fenster im fünften Stock? Wir haben null Ausrüstung dabei, wir können uns nicht mal abseilen!“
„Ganz rauf, junge Dame!“ sagte Arvid überdeutlich, als wenn er mit einem geistig minderbemittelten Kleinkind spräche. Er vergaß manchmal, dass ich der Boss war und nicht er. Manchmal tat ich trotzdem, was er vorschlug.
„Ich habe mitgehört“, sagte Tim. „Viel Glück, Chris.“
Ich holte tief Luft, dann rannte ich heraus aus meinem Versteck und zur Treppe. Ich lief geduckt und so leise wie ich konnte. Die Anderen, die von Abakus, waren bewaffnet. Sie bemerkten uns natürlich trotzdem. Riefen sich etwas zu und zeigten auf mich. Schossen. Zum Glück daneben. Ich zog den Kopf ein und rannte. Tim war zwei Wimpernschläge vor mir an der ersten Stufe. Trat einen unserer Verfolger einfach bei Seite, bevor der sein Gewehr in Anschlag bringen konnte. Tim war wie immer unvergleichlich. Schnell wir eine Raubkatze, stark wie ein Bär. Auch ich hatte eine Klette, jemand schnelles. Doch offenbar jemand, der nicht gleichzeitig rennen und schießen konnte. Ich stoppte kurz und erledigte meinen Verfolger mit zwei Karatetritten und einem Hieb mit meinem Schlagstock. Dann war auch ich an der Treppe. Rauf. Weiter. Absatz, nächste Treppe. Blinde Fenster zum Hof. Fahrzeuge mit Abakussymbol auf den Türen spuckten Menschen aus. Wehe, Arvid ließ uns hängen! Stiefelschritte auf der Treppe hinter uns, im Gleichschritt,

stampfend, wie eine Maschine. Sie kamen uns nach. Dann wieder Schüsse, schlecht gezielt, die im Treppenhaus hallten wie ein einem Tunnel. Tim stöhnte auf, als ihn ein Querschläger in die Wade traf. Er humpelte. Ich stützte ihn so gut ich konnte. Weiter. Endlich die schmale Treppe zum Dach. Tim biss die Zähne zusammen. Wie stiegen hinauf.
Nun waren wir ganz oben. Und jetzt? Superman?
Wie eine überdimensionale Hummel dröhnte ein Hubschrauber heran. Setzte zur Landung an. Feinde oder Freunde?
Die Tür schwang auf und Arvid beugte sich heraus. Er hielt eine Maschinenpistole und schoss an uns vorbei und hielt die Verfolger in Schach. „Macht schon!“, rief er. Vermutlich. Ich sah ihn bei dem Lärm nur den Mund bewegen. Tim und ich rannten so schnell wir konnten und kletterten in die kleine Kabine.
„Danke, Mann!“, stöhnte Tim, als der Pilot den Hubi hochzog und wir endlich unseren Verfolgern davon schwebten.
„Keine Ursache. Ich helfe doch immer wieder gern.“ Arvid betrachtete seine schmalen Hände. „Auch wenn ich dieses Herumgeschieße hasse. Ich werde wieder Tage brauchen, um die Schmauchspuren von meinen Händen zu entfernen.“
Ich tastete nach der Datenperle, kuschelte mich an meinen besten Freund Tim und schloss für einen Moment die Augen. Ja. Wir hatten es geschafft. Wir würden Abakus das Handwerk legen.

© Copyright 2013 by Nora Melling. Alle Rechte vorbehalten.

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© by Sabine Seiter (Sersheim)

Eva-Ruth Landys

Ich bin immer auf dem Weg. Stagnation und Langeweile sind mir ein Graus. So habe ich mich – eigentlich aus einer spontanen Laune heraus – Weihnachten 2009 an den Schreibtisch gesetzt und einen Roman begonnen. Und – ich konnte es selbst kaum  glauben – dieser Roman fand sofort einen kleinen, aber sehr engagierten und ambitionierten Verlag mit Menschen, die die Überzeugung vertreten, dass gute Unterhaltung unbedingt auch niveauvoll sein kann.  Der Münchner Verlag Bookspot vertritt dieses Credo und hat sich vor allem dem Genre „Historische Romane“ verschrieben. Dort wurde nun mein Debüt Pflicht und Verlangen verlegt. Und nun auch meine neue spannend-erotische, victorianische Trilogie Die dritte Sünde.

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Die Flatulenzen des Leibhaftigen

oder

von der Kunst nicht zu atmen.

Das Geräusch zersplitternden Glases ließ mich herumfahren. Meine Augen weiteten sich, als ich sah, was da soeben den Weg alles Irdischen gegangen war. Um Gottes willen! Nicht das, bitte, nicht das!
  Wie hatte ich nur so dumm sein können, so unachtsam, so unaussprechlich leichtsinnig? Was war mir nur in den Sinn gekommen? Seit Monaten stand dieses Glas mit seinem seltenen Inhalt nun sicher auf dem Sims des Kachelofens – vertraut, bestaunt, gern vorgeführt und mit leichtem Schaudern betrachtet. Doch nun, verursacht durch eine kleine, unbedachte  Bewegung mit dem Staubsaugerstiel,  öffnete sich vor mir der Brodem der Hölle, atmete mir entgegen mit geiferndem Mund, überspülte mich dampfender Säure gleich und verätzte meine Atemwege. Ja, es war der Leibhaftige selbst, der seinen infernalischen Gestank mit einem Schlag im ganzen Hause verbreitete und mir blieb die Luft weg – dabei war es nur ein Krebs.
  Ein Süßwasserkrebs, um genauer zu sein! Ja, genau, eines dieser unter Naturschutz stehenden und männerhandspannenlangen Krabbeltiere mit den viel zu vielen Beinen. Ich muss gestehen, dass sie mich schon immer etwas schaudern ließen. Aber die Kinder waren fasziniert, als sie ihn fanden. Im letzten Sommer war es gewesen, im Urlaub. Dem Tom Sawyer und Huckleberry-Finn, dem Winnetou und OldShatterhandgleichen Sommerurlaub im Herzen der Mecklenburgischen Seenplatte.  Endloses Sommerwetter und Abenteuer, Wasser, Wald und Wiesen satt. Dazu ein Wohnwagen und ein fast leerer Campingplatz direkt am graublauen See. Zutaten für den perfekten Familienurlaub mit Mann, drei halbwüchsigen Jungen und zwei mutigen Meerschweinchen. Die Tage flogen dahin mit Angeln, Wandern, Schwimmen, Kanufahren und durch-den-Wald-Tollen. Und dann, nach der abendlichen Gemeinschaftslektüre des immergrünen Lindgrenklassikers „Michel aus Lönneberga“ wurde der Entschluss gefasst, in tiefster Dunkelheit mit Taschenlampen, Keschern und Eimern bewaffnet auf Krebsfang zu gehen. Denn es gab welche! Das hatten uns die Einheimischen glaubhaft versichert. Lächelnd ob unserer naiven Zuversicht, Berge der begehrten Krabbler zu finden und einzufangen. Aber sicher doch! Wir waren schließlich doch Experten als wackere Leser. Natürlich wollten wir sie nicht essen, die Krebse. Nur fangen und dann wieder aussetzen, das hatten zumindest die Kinder und ich so entschieden. Mein Mann, praktisch und lebensnah wie immer, war natürlich anderer Meinung: ein paar könnte man ja schon für eine Suppe oder so…meinte er. Aber das wurde natürlich sofort einhellig abgelehnt. Allein, die ganze Diskussion war ohnehin verlorene Liebesmüh. Die Krebse hatten sich offensichtlich abgesprochen, oder hatten gemeinsam die Koffer gepackt und waren vor den einfallenden Sommerfrischlern geflohen. Anders kann es nicht gewesen sein, denn keiner ließ sich blicken. In dieser Nacht nicht, auch nicht in der nächsten und erst recht nicht in der dritten, die schon ziemlich lustlos begann und dann auch schnell beendet wurde. Dann gab es eben Muschelsuppe aus der Dose und Tiefkühl-Zander. Blöde Krebse!
  Das Thema wurde die nächsten Tage angestrengt gemieden und man besann sich wieder auf Angeln, Wandern, Schwimmen… ich glaube, ich erwähnte es schon. Doch dann! Ein Wunder, und das am hellen Tag! „Ein Krebs!“, schrie einer der Zwillinge und wäre vor Aufregung beinahe mitsamt seiner Schwimmweste aus dem Kanu gefallen. Alles stürzte im Boot nach vorne, was das schwimmende Gefährt fast zum Kentern brachte. Ein väterliches Machtwort verhinderte das Schlimmste. Aber es stimmte. Tatsächlich, ein Krebs, und ein besonders schönen Exemplar dazu. Der einzige Makel an dem einzigartigen Fund war: das Tier war wohl soeben verschieden – also verstorben, um nicht zu sagen mausetot, oder vielmehr krebstot. Kein Wunder hatten ihn seine Kollegen hier zurückgelassen und waren allein in den Urlaub gefahren.
  Doch das störte uns nur am Rande. Immerhin war es doch ein Krebs. Männerhandspannenlang. Sofort wurde beratschlagt, was zu tun sei. Wieder ins Wasser werfen (der zaghafte Vorschlag meiner Wenigkeit) wurde natürlich abgelehnt, die Suppe (zum Glück, igitt!) erst gar nicht erwogen. „Ich hätte da eine Idee“, meinte mein Mann, der praktische, lebenserfahrene  – aber ich glaube das sagte ich schon. Drei aufmerksame Kinderaugenpaare wendeten sich ihm zu. „Wir werden ihn konservieren!“, sagte mein Mann.
  „In was?“, fragte ich misstrauisch. Dunkel waren mir noch diverse Erläuterungen aus dem Biologie-Leistungskurs in Erinnerung, wo dieser Vorgang sich als gar nicht so einfach zu bewerkstelligen herausgestellt hatte. „Oh“, meinte mein Mann leichthin, „da finden wir schon was!“ Die Kinder waren begeistert. Dann würde der Krebs ja immer so schön stramm und dunkelrot bleiben, wie er jetzt schon war. Er roch auch noch ganz frisch.
  Gesagt, getan. Kaum beim heimatlichen Wohnwagen angekommen, wurde der Krebs noch einmal vorsichtig gereinigt und von Steinchen und Schmutz befreit. Dann wurde ein Schraubglas  – tags zuvor hatte es Kirschen aus dem Glas gegeben – gereinigt, der Krebs mit äußerste Sorgfalt hineingebettet und dann aufgefüllt mit… Ja, mit was? Mein Mann sah sich suchend um. Essig schied aus, auch Speiseöl war keine gute Idee und flüssiges Paraffin… ja, nun, so etwas hat die Hausfrau für gewöhnlich leider nicht in der Campingausstattung. „Petroleum!“ strahlte mein bester Ehemann von allen. „Das können wir nehmen! Ich habe einen ganzen Liter dabei. Für die Lampe, du weißt schon.“
  Ich nickte. Das konnte sogar klappen.
  Und so kam es, dass der stramme mecklenburgische Krebsmann, den ein so jähes Ende befallen hatte, mit uns zurück in die süddeutsche Heimat fuhr, eingelegt in Petroleum, wie einst der tapfere Admiral Nelson in französischen Cognac.
  Doch nun lag er da auf den Fliesen, inmitten einer schmierigen Brühe, garniert mit Glassplittern und stank gotteslästerlich. Ich schwöre, nie habe ich etwas ähnlich infernalisch Stinkendes gerochen. Es krallte sich in meine Nasenflügel und drosch mir im nächsten Augenblick das Hirn aus den Ohren. Ich stürzte hinaus auf die Terrasse, nur noch eines Gedankens fähig: Luft!
  Dann wurde mir bewusst, dass ich die Überreste des Krebses und seines feuchten Sarkophags so schnell wie möglich beseitigen musste, bevor sich die Tapeten von den Wänden lösten. Ich atmete also tief ein, spurtete hinüber zur Besenkammer, zerrte eine Schaufel hervor und schippte die kläglichen Überreste des einst so stolzen Wasserbewohners schnell auf. Seltsam, nun sah das, was von ihm übrig war, eher aus wie ein Haufen blassrosa Dackelschiss mit Beinen.
  Diesen Gedanken hätte ich nicht denken dürfen.
  Der Krebs rächte sich. Ich musste atmen und es wurde mir augenblicklich schwarz vor Augen. Doch ich gab nicht nach. Kurzerhand wurde das Elend in die Toilette befördert und heruntergespült. Der Nachbarschaft konnte ich den Gestank schließlich auch nicht zumuten. Dann riss ich Türen und Fenster auf, saugte mit zwei Rollen Küchentissues die eklige Brühe auf, beförderte auch diese ins Klo und begann mit rasch eingelassenem Wasser den Boden aufzuwischen.
  War damit der Gestank beseitigt? Ich wusste es nicht zu sagen. Meine Geruchsorgane lagen im Koma.
  Die Antwort auf meine bange Frage lieferten meine von der Schule heimkehrenden Söhne. „Oh, Gott, Mama, was stinkt denn hier so schrecklich? Das ist ja nicht zum Aushalten!“
  Also erneutes Schrubben, diesmal mit einem gewagten Cocktail, bestehend aus allem, was die Besenkammer so an chemischen Keulen zu bieten hatte. Der Erfolg war bestenfalls im Promillebereich anzusiedeln. Ich rief meinen Mann an, den lebenserfahrenen, prakti… wir wissen es bereits. „Hast du es schon mit xy“, er nannte eine der chemischen Lochfräsen aus der Besenkammer, „probiert?“ „Sicher habe ich das!“, zischte ich entnervt in den Hörer. Leider musste ich danach wieder atmen. „Tja, dann…“, sagte mein Mann, „dann solltest du wohl gründlich lüften!“ Er hatte gut reden, weilte er doch zurzeit berufsbedingt am anderen Ende der Welt.
  An diesem Punkt des Geschehens erwog ich, mit den Kindern in den Wohnwagen umzuziehen, zumindest für ein paar Wochen, bis sich das Schlimmste gelegt hatte.
  Um es kurz zu machen: es dauerte etwa vierzehn Tage, bis wir es wagten, im Haus wieder tief und befreit einzuatmen.  Vielleicht hatte sich aber auch nur unser Geruchssinn gnädig das Leben genommen, wer weiß?
  Doch manchmal, noch Jahre später, da vermeine ich, einen feinen Hauch zu erhaschen und die Erinnerung holt mich ein, begleitet vom leisen Klicken zweier Krebsscheren.

© Copyright 2013 by Eva-Ruth Landys. Alle Rechte vorbehalten.

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© by Tereza Vanek

Tereza Vanek

Ich bin gebürtige Tschechin, in München aufgewachsen und seit 2007 veröffentlichte Autorin. Den Traum vom Schreiben hatte ich schon mit 14, doch musste sehr viel Zeit vergehen, bis er wahr wurde.

Vorher ging ich brav zur Schule, studierte Sprachen, lebte einige Zeit im Ausland und schlug mich mehr oder weniger begeistert mit den verschiedensten Jobs durchs Leben. Doch der Drang zu schreiben ließ mich nicht los, so dass ich mich schließlich doch ernsthaft ans Werk machte – und dann viel schneller einen Verlag fand als angenommen.

Mein besonderes Interesse beim Schreiben gilt historischen Ereignissen, ungewöhnlichen Frauengestalten und der Begegnung von Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen.

Ansonsten wohne ich wieder in München mit Mann, Stieftochter, vier Katzen und fünf Papageien.

>>KLICK!<<

Das Geräusch von Schritten ließ Luisa herumfahren. Ihre Augen weiteten sich, als sie sah, wie das Licht einer Taschenlampe irgendwo ganz hinten in dem dunklen Gang, der an einen Tunnel erinnerte, aufglomm. Rasch betätigte sie den Griff einer Tür gleich neben sich, doch war diese verschlossen. Vermutlich würde sie in keinen der umliegenden Räume flüchten können, da während der Schulferien sämtliche Unterrichtszimmer abgesperrt wurden. Sie war völlig allein in dem riesigen Gebäude, konnte bestenfalls in den Fernsehraum zurücklaufen, aus dem sie gekommen war, und dort die Tür hinter sich zusperren, da sie glücklicherweise den Schlüssel besaß. Aber ein Einbrecher wäre wahrscheinlich genau dorthin unterwegs, um sich Fernseher und DVD-Player zu holen, ebenso wie die Computer, die dort herumstanden. Was konnte er sonst hier wollen?
Die Familie, bei der sie am Nachmittag eingeladen gewesen war, hatte ihr erzählt, dass es in der Gegend, wo sich die Schule befand, häufig zu Einbrüchen kam. Warum war sie als Einzige dort geblieben, während die Schüler und Betreuer des Wohnheims über das verlängerte Wochenende nach Hause fuhren? Luisa hatte ihnen geduldig erklärt, dass die vier Feiertage für eine Heimreise nach Deutschland zu kurz waren. Daher harrte sie in dem kleinen Zimmer, das ihr als Aushilfslehrerin zur Verfügung gestellt worden war, aus und versuchte sich irgendwie zu beschäftigen. Man hatte verständnisvoll genickt, sie anschließend mit dem Auto zur Schule zurück gefahren und ihr geraten, nachts die Tür gründlich abzuschließen.
Sie hätte in dem verfluchten Zimmer bleiben sollen, dachte sie, als die Schritte näher und näherkamen und der Lichtkegel wuchs. Warum hatte sie unbedingt in den Fernsehraum gehen müssen, um sich einen Thriller anzusehen
, von dem die Kinder der Familie geschwärmt hatten? Den ganzen Abend mutterseelenallein in einem spärlich eingerichteten Raum zu verbringen, war nicht gerade erfreulich, aber allemal besser, als einem Kriminellen in der Arme zu laufen.
Panisch drückte sie sich in einen Türrahmen, wusste aber, dass sie Aussichten, dort unentdeckt zu bleiben, sehr gering waren. Würde der Einbrecher bei ihrem Anblick einfach davonlaufen? Sie niederschlagen? Oder war er am Ende gar ihretwegen hier? In dem Film, den sie gerade gesehen hatte, war eine junge Frau, die allein in einem abgelegenen Haus lebte, überfallen und misshandelt worden. Sie hatte beim Zusehen überlegt, wie leichtsinnig es doch war, so zu wohnen. Aber war ihre gegenwärtige Lage nicht ähnlich? In der Kleinstadt konnte es sich herumgesprochen haben, dass die deutsche Aushilfslehrerin allein im Schulgebäude zurückgeblieben war. Vielleicht hatte jemand das Licht im Fernsehraum gesehen und war nun auf der Suche nach ihr.
Hilflos sah sie sich nach einem Gegenstand um, mit dem sie sich würde verteidigen können, doch war der Flur völlig leer. Eine einzige mögliche Rettung fiel ihr ein. Sie streckte ihre Hand aus und betätigte den Lichtschalter – eben dies hatte sie tun wollen, als sie vom Geräusch der Schritte erschreckt worden war. Nun war der lange Flur in helles, klares Licht getaucht, aufgrund der gläsernen Wände von Weitem sichtbar. Leider lag die Schule außerhalb des Stadtkerns, aber falls sich jemand in der Nähe aufhielt, würde er alles mitbekommen, was hier vor sich ging.
Sie holte Luft, versuchte ruhig zu atmen und setzte sich in Bewegung. Leider ergriff der Eindringling nicht die Flucht, sondern ging ihr weiter entgegen. Nur die Taschenlampe wurde ausgeschaltet. Luisa straffte die Schultern. Sie konnte nicht fliehen, musste der Dinge harren, die sie nun erwarteten.
Ein Mann in einem blauen Anzug tauchte auf. Sein Gesicht war breit und grimmig, der schwarze Schnurrbart verwachsen. Luisa erstarrte, fühlte sich hilflos wie eine Maus angesichts einer mordlustigen Katze.

„Bonsoir, Mademoiselle“, brummte eine tiefe Männerstimme. „Was machen Sie hier?“
Die verloschene Taschenlampe hob sich drohend. Ein Schlag damit auf den Kopf würde genügen, und sie wäre bewusstlos, dachte Luisa.

„Ich … ich bin die deutsche Aushilfslehrerin. Ich habe mir nur einen Film angesehen und möchte jetzt schlafen gehen.“
Sie war sich nicht sicher, ob ihr Französisch verständlich gewesen war, da ihre Zähne zu stark klapperten. Der Mann zog seine buschigen Augenbrauen zusammen.
„Dann tun Sie das jetzt bitteschön“, knurrte er. Luisa schluckte. Sie tat einen Schritt, noch einen zweiten. Würde er sie tatsächlich gehen lassen?
„Wer sind Sie?“, fragte sie zaghaft, obwohl sie nicht wusste, ob das eine gute Idee war.

„Der Hausmeister. Ich habe das Licht im Fernsehraum gesehen und wollte nachschauen, ob nicht jemand eingebrochen ist“, antwortete er sogleich. „Ich wusste nicht, dass Sie überhaupt hier sind. Mir sagt keiner was, es ist immer dasselbe, da muss ich für nichts und wieder nichts aufstehen …“
Er brummelte noch ein paar schwer verständliche französische Flüche, während er Luisa zu ihrem Zimmer begleitete und ihr dann riet, sorgfältig die Tür abzuschließen.

 

© Copyright 2013 by Nora Melling. Alle Rechte vorbehalten.

Alles Liebe

2016 Clee signatur

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