[Autorenstuhlkreis] Ein Anfang – unendlich viele Enden, Teil 6 (der letzte)

Ein Anfang – unendlich viele Enden, Teil 1 – 5

Es folgt der letzte Teil unseres zweiten Autorenstuhlkreises. Den Abschluss bildet Ulf Schiewe und das nicht mit einer Kurzgeschichte, sondern tatsächlich sogar einem potenziellen Buchanfang. Und meine Herrn – wie ich das sehe, beweist der Autor hiermit, dass er sich nicht nur im vergangenen Frankreich/Südeuropa wohl fühlt. Ich wünsche euch viel Spaß, denn eines verspreche ich euch: Es geht rasant her!

Hier die Erklärung: Ich habe 13+ Autoren den gleichen Satzanfang gegeben, welchen sie nach ihren Vorstellungen zu einer Geschichte oder zumindest einem kleinen Geschichtsfragment weiterverwerten sollten. Hier könnt ihr nachlesen, was sich dabei für eine weitere tolle Geschichte ergeben hat.

Jeder der Autoren durfte sich aussuchen, ob er folgende Sätze in Ich-Perspektive oder Dritter Person schreiben möchte.

“Das Geräusch zersplitternden Glases ließ mich herumfahren. Meine Augen weiteten sich, als ich sah …”

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© by Markus Oponczewski

Ulf Schiewe

Ulf Schiewe wurde 1947 geboren. Eigentlich wollte er Kunstmaler werden, doch statt der „brotlosen Kunst“ widmete er sich der Technik und wurde Software-Entwickler und später Marketingmanager für Softwareprodukte. Seit frühester Jugend war Ulf Schiewe eine Leseratte, den spannende Geschichten in exotischer Umgebung faszinierten. Im Lauf der Jahre erwuchs aus der Lust am Lesen der Wunsch, selbst einen großen historischen Roman zu schreiben, der in den „Bastard von Tolosa“ , seinen ersten Roman, mündete. Ulf Schiewe ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und lebt in München.

>>KLICK!<<

Auf der Überholspur

Ein gewaltiges Bersten von zersplitterndem Glas ließ Bettie herumfahren. Um ein Haar wäre ihr der Milchkarton, den sie aus dem Kühlschrank nehmen wollte, aus der Hand geglitten. Was um Himmelswillen war das?
 Auf dem dunklen Flur wurde sie beinahe von Tobi umgerannt, dem Collie der Familie, der an ihr vorbeigeschossen kam und mit wütendem Gebell im Wohnzimmer verschwand. Ohne nachzudenken lief sie hinterher. Als sie nach dem Lichtschalter fummelte, hörte sie jemanden aufschreien, es folgte ein seltsames Geräusch und dann das gequälte Aufjaulen des Hundes.
 Spätestens jetzt hätte sie flüchten sollen, am besten hinaus auf die Straße, hätte bei den Nachbarn gegenüber an die Tür hämmern sollen. Stattdessen fanden ihre Finger den Schalter. Die Deckenspots gingen an und warfen ungleichmäßige Lichtkegel in den großen Raum.
 Betties Augen weiteten sich, als sie Tobi vor sich auf dem Boden liegen sah. Der Hund versuchte vergeblich, sich auf die Vorderbeine zu stemmen, winselte und fiel wieder zurück. Blut rann ihm aus dem Maul und auf den weißen Teppich. Er lag still.
 Sie warf sich neben ihm auf den Knien. „Tobi!“
 Aber dann nahm sie die drei Männer wahr, die mitten in ihrem Wohnzimmer standen und auf sie herabblickten. Dahinter die zerborstene Panoramascheibe des Terrassenfensters. Einer zielte immer noch mit einer Pistole auf den Hund. Das Ding hatte einen besonders langen Lauf. Ein Schalldämpfer? Tobi musste den Kerl gebissen haben, denn auch er tropfte auf ihren Teppich. Fluchend ließ er die Pistole sinken und beäugte seine verletzte Hand.
Bettie begann zu zittern. „Was … Was tun Sie hier?“
 „Beruhigen Sie sich, Frau Ziegler“, hörte sie eine sonore, nicht unangenehme Stimme. Aber wie sollte sie sich beruhigen? Alles drängte jetzt nach Flucht. Sie sprang auf, war schon halbwegs bis zum Flur, als die Stimme sie scharf zurückrief.
 „Denken Sie an Ihre Kinder. Oder sollen die auch sterben?“
 Die Worte ließen sie erstarren.
 Mein Gott, die Kinder! Sie schliefen seit Stunden oben in ihren Zimmern. Bettie selbst hatte noch lange im Bett gelesen. Das tat sie immer, wenn Max geschäftlich unterwegs war. Und das kam in letzter Zeit ziemlich häufig vor. Schließlich war sie heruntergekommen, um sich vor dem Einschlafen noch eine heiße Milch zu machen. Und jetzt das zerbrochene Fenster, Einbrecher im Haus. Sie hatten Tobi erschossen. Ihr Herz raste wie wild. Nur mit Mühe gelang es ihr, die Panik zu überwinden.
 Langsam drehte sie sich um.
 „Was wollen Sie?“, fragte sie mit bebender Stimme. „Es ist kein Geld im Haus … Nehmen sie den Fernseher, mein iPad, wenn sie wollen …“
 Der Mann, der zu ihr gesprochen hatte, trat ein paar Schritte näher. Auch er hatte eine Pistole in der Hand, aber eher entspannt. Sie zielte nur wie beiläufig in ihre ungefähre Richtung. Grau meliertes Haar, eine hohe Stirn, intelligente Augen. Er sah wie ein gutsituierter Geschäftsmann aus, um die Fünfzig, mittelgroß und sportlich gut gekleidet. Als käme er gerade vom Golfplatz.
 „Wir sind weder an Ihrem Geld noch an Ihrem Fernseher interessiert. Und keine Angst, Frau Ziegler. Wenn Sie mit uns kooperieren, geschieht Ihnen nichts.“
 Sein Deutsch war gut, wenn auch mit einem fremden Klang durchfärbt, den sie nicht ganz platzieren konnte. Osteuropa? Sie war sich nicht sicher. Und die wollten keine Einbrecher sein? Was denn sonst? Irgendwie verstärkte das noch ihre Angst.
 „Ich verstehe nicht“, stammelte sie. „Was tun Sie in meinem Haus?“
 „Tut mir leid wegen dem Hund“, sagte er. „Ein schönes Tier. Die Kinder werden ihn gewiss vermissen.“
 Der Mann lächelte. Er sah sich im Wohnzimmer um. Sein Blick glitt über die eleganten Designermöbel, Betties Flügel, die Gemälde an den Wänden.
 „Dr. Ziegler ist zu beneiden. Erfolgreiche Kanzlei, reizende Gattin, ein prächtiges Haus. Ein wahrer Erfolgsmensch, unser Herr Anwalt.“ Er lachte kurz auf, als habe er einen Witz gemacht. Auch die anderen beiden Kerle grinsten. Die kamen Bettie schon eher wie Gangster vor. Dunkelhaarig, kräftig gebaut, Lederjacken. Einer hatte eine eingequetschte Nase wie ein Boxer.
 „Aber setzen sie sich doch, Frau Ziegler“, sagte ihr Wortführer in einem Ton, als wollte er sie zu einem Kaffee einladen. „Am besten auf das Sofa hier.“ Als sie sich nicht vom Fleck rührte und immer noch ungläubig um sich starrte, winkte er ungeduldig mit der Waffe. „Nun machen Sie schon. Wir wollen doch nicht die ganze Nacht vertrödeln.“
 In Gegenwart dieser Männer kam sich Bettie schrecklich nackt und schutzlos vor. Statt Hausschuhe trug sie Tennissocken an den Füßen und über das Nachhemd hatte sie nur den seidenen Morgenmantel geworfen, den Max ihr zum Geburtstag geschenkt hatte.
 Mit zitternden Knien stieg sie um den toten Hund herum. Bei seinem Anblick wurde ihr beinahe übel. Ungeschickt stieß sie sich am polierten Marmor des Kaffeetisches und rieb sich das Schienenbein. Steif ließ sie sich auf der Sofakante nieder. Dann fuhr sie sich mit den Fingern durchs zerzauste Haar, zog die Hand aber schnell wieder zurück. Als ob es etwas ausmachte, wie sie aussah. Wenn doch nur die Kinder nicht aufwachten. Eng hielt sie die Arme um den Leib gepresst.
 „Wer sind Sie?“, flüsterte sie.
 „Das Arbeitszimmer des Herrn Gemahls ist vermutlich nebenan“, fragte der Mann ganz beiläufig, ohne auf ihre Frage einzugehen.
 Als sie das bejahte, nickte er seinen Begleitern zu, die daraufhin das Wohnzimmer verließen. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie große Sporttaschen dabei hatten. Im Flur schalteten sie das Licht an und ließen die Tür offen. Bald hörte man sie im Nebenzimmer Schubladen aufreißen, Bücher auf den Boden werfen.
 „Ich will endlich wissen, was Sie hier zu suchen haben“, rief sie mutiger, als sie sich fühlte. „Am besten rufe ich gleich die Polizei.“ Kaum hatte sie das gesagt, kam sie sich selbst idiotisch vor.
 Der Mann lachte nur und wedelte lässig mit der Waffe. „Ich glaube kaum, dass Sie dazu kommen würden“, sagte er milde. Dann wurde sein Ton hart.
 „Wo ist ihr Mann, Frau Ziegler?“
 „Er ist verreist. Geschäftlich. Schon vorgestern.“
 „Ich will wissen, wo er sich aufhält. Und lügen Sie mich nicht an.“
 „In Dubai, so viel ich weiß. Was wollen Sie von ihm?“
 „In welchem Hotel?“
„Mein Gott, ich weiß es nicht!“, schrie sie zurück.
 „Sie wissen nicht, wo Ihr Mann übernachtet?“
 „Natürlich nicht. Er verreist so oft, wie soll ich mir da die Hotels merken?“
 Er schüttelte den Kopf. In seinen Augen lag Spott. „So, so. Eine Ehefrau, die nicht weiß, wo ihr Mann sich herumtreibt. Das soll ich ihnen abnehmen? Vielleicht hat er eine Geliebte, wenn er so viel verreist. Sind Sie nicht misstrauisch? Spionieren Sie nicht hinter ihm her?“
 „Nein, ich spioniere nicht hinter ihm her.“
 Langsam verwandelte sich ihre Furcht in Zorn. Sie hatte das Bedürfnis, sich aufzulehnen, diesen Kerl in die Schranken zu verweisen.
 „Mami!“, hörte sie ihre fünfjährige Tochter rufen. „Was tun die Männer hier?“
 Betties Herz schien auszusetzen, als ihr Blick zur Wohnzimmertür flog. Da stand die kleine Steffi im Nachthemd mit ihrer geliebten Stoffpuppe Olga im Arm, ohne die sie weder essen noch schlafen wollte. Und hinter ihr Thomas, zwei Jahre älter. Der machte große Augen, schien die Pistole in der Hand des Mannes bemerkt zu haben. Dann fiel sein Blick auf den Hund.
 „Was ist mit Tobi?“, rief der Junge entsetzt und machte ein paar Schritte in den Raum.
 „Tommy!“, schrie Bettie und sprang auf. „Geht sofort wieder ins Bett. Alle beide.“
 Jetzt hatte auch Steffi das tote Tier und das Blut auf dem Teppich entdeckt. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
 „Ist Tobi krank, Mami?“
 „Setzt euch zu eurer Mutter, Kinder“, sagte der Mann nicht unfreundlich.
 Die beiden ließen es sich nicht zweimal sagen und liefen zu Bettie, die sie in die Arme nahm und sich wieder setzte. Thomas hockte steif neben ihr. Seine ängstlichen Augen schienen alles zu verschlingen, den Hund, das Blut, den Mann mit der Pistole. Steffi dagegen verbarg ihr Gesicht schluchzend in Betties Schoß. Die Puppe war ihr entglitten und lag unbeachtet auf dem Teppich. Bettie legte die Arme um ihre Kinder. Seltsamerweise schien die Gegenwart der Kleinen ihr neuen Mut einzuflößen. Wenn auch nur den Mut der Verzweiflung einer Mutter, die ihre Brut beschützt.
 „Ich will jetzt endlich wissen, um was es hier geht?“ sagte sie scharf. „Was wollen sie von meinem Mann?“
 „Ihr Mann, liebe Frau Ziegler, schuldet uns Geld. Sehr viel Geld.“
 Bevor er weiterreden konnte, tauchten die beiden anderen Gangster auf und stellten ihre Sportaschen ab, offensichtlich schwer und gut gefüllt.
 „Erledigt, Chef“, sagte der mit der zerquetschten Nase.
 „Was habt ihr gefunden?“
 „Jede Menge Bankunterlagen, Ordner mit Korrespondenz, Rechnungen und ein Computer.“
 „Was wollen Sie damit“, rief Bettie entrüstet. „Das geht sie nichts an. Und der Computer ist meiner. Max hat seinen Laptop bei sich. Und was heißt, er schuldet Ihnen Geld? Ich weiß von keinen Darlehen.“
 Der Wortführer der Männer erhob sich und steckte die Pistole ein. „Sie scheinen überhaupt wenig zu wissen, was Ihren Mann betrifft, Frau Ziegler. Vermutlich findet sich nicht viel in Ihren Unterlagen, aber wir wollen nur sichergehen, dass uns nichts entgeht. Außerdem möchten wir Ihrem werten Gemahl eine Botschaft schicken. Sagen Sie ihm, dass mit uns nicht zu spaßen ist. Es ist in seinem eigenen Interesse, uns möglichst bald zu kontaktieren.“
 Bettie sah ihn entgeistert an. „Wer sind Sie überhaupt? Wen soll er denn kontaktieren?“
 Der Mann lächelte milde. „Er weiß schon, wer wir sind und wie er uns erreichen kann.“ Er bückte sich und hob Steffis Puppe auf, betrachtete sie einen Augenblick lang. Dann richtete er einen drohenden Blick auf Bettie. „Ich gebe Ihnen noch einen guten Rat. Rufen Sie nicht die Polizei. Sonst geschieht das hier.“
 Im gleichen Augenblick riss er der Puppe den Kopf ab und warf ihr die  beiden Teile vor die Füße. Die Botschaft war unmissverständlich. Bettie zuckte vor Horror zusammen. Und auch Tommy wich zurück und schmiegte sich ängstlich an ihren Rücken.
 „Das wollen wir doch vermeiden, oder?“, waren die letzten Worte dieses Kerls.
 Bevor es Bettie recht bewusst war, hatten die Männer das Haus verlassen. Ihre Schritte knirschten noch auf zerbrochenem Glas, das draußen auf der Terrasse lag, dann war es still.
 Nun weinte auch Thomas. Bettie dagegen saß ganz starr und fassungslos auf dem Sofa, streichelte benommen Steffis Wange auf ihrem Schoß und wusste nicht, wie ihr geschehen war. Ihre Beine fühlten sich wie Blei an. Nur ihr Herz klopfte immer noch wie wild.

*

„Rudi, ich weiß, es ist mitten in der Nacht. Aber bei uns ist eingebrochen worden. Ich bin in Panik. Und du musst mir helfen.“
 „Eingebrochen? Was ist passiert?“ Max‘ Partner klang verschlafen am Telefon. Im Hintergrund hörte man seine Frau nörgeln.
 „Die haben die Scheibe im Wohnzimmer eingeschmissen und sind einfach reinspaziert.“ Bettie konnte nicht mehr an sich halten und begann heftig zu schluchzen. „Und dann haben sie den Hund erschossen.“
 „Sie haben was?“ Rudolf schien nun endgültig wach zu sein.
 „Tobi“, schniefte sie. „Sie haben ihn erschossen. Und das Arbeitszimmer von Max haben sie ausgeräumt. Es ist in einem fürchterlichen Zustand. Sie wollten wissen wo er ist. Angeblich schuldet er ihnen Geld. Und die Polizei soll ich auch nicht rufen, sonst …“ Sie schluckte ihre Tränen runter. Hilflose Wut mischte sich jetzt in ihre Stimme. „Was zum Teufel läuft hier, Rudi? Hat es mit der Kanzlei zu tun?“
 „Beruhige dich, Bettie. In einer halben Stunde bin ich bei dir.“ Sie hörte ein Klicken, als er auflegte.
 Sie behielt das Handy in der Hand und schloss für einen Augenblick die Augen, lauschte auf die Atemzüge der Kinder neben ihr im Bett. Es hatte eine Weile gedauert, bis die beiden zur Ruhe gekommen waren. Besonders Steffi hatte den Verlust ihrer heiß geliebten Puppe beklagt. Erst als Bettie versprochen hatte, sie wieder zusammenzunähen, war sie eingeschlafen.
 O Max, Liebling. In was bist du da verwickelt, dachte sie. War er wirklich in Dubai? Bettie stand immer noch unter Schock. Alles in ihrem Leben schien plötzlich in Frage gestellt. Was hatte Max mit diesen Männern zu tun? Seit zwei Tagen hatte er sich nicht gemeldet. Aber das war nicht so ungewöhnlich, wenn er den ganzen Tag in Konferenzen steckte. Sie hatte sich nichts dabei gedacht.
 Max und Rudolf kannten sich schon vom Jurastudium her. Rudolf hatte danach irgendwo als Anwalt gearbeitet, während Max sich entschlossen hatte, zu promovieren. Kurz darauf hatten sie gemeinsam eine Kanzlei eröffnet. Steuer- und internationales Wirtschaftsrecht. Die ersten Jahre waren hart gewesen, aber dann war es steil aufwärts gegangen. Als Steffi geboren wurde, hatte Bettie ihren Job als Journalistin aufgegeben. Einen Haushalt mit zwei Kindern führen, bei einem Mann, der zwölf Stunden am Tag arbeitete, das war einfach zu viel gewesen.
 Es klingelte unten an der Eingangstür. Vorsichtig, um die Kinder nicht zu wecken, schlängelte sie sich aus dem Bett, zog ihren Morgenmantel über und ging die Treppe hinunter. Als sie durch den Türspion Rudolf erkannte, öffnete sie.
 „Bettie. Es tut mir so leid“, sagte er.
 „Komm rein.“
 Sie zupfte an ihren Haaren. Mein Gott, ich muss grässlich aussehen, dachte sie. Am liebsten hätte sie die Hundeleiche vermieden, aber in das Chaos der Küche konnte man niemanden einladen. Sie war gestern zu faul gewesen aufzuräumen. Im Wohnzimmer hob Rudolf die Brauen, als er den Hund auf dem Teppich liegen sah, aber er sagte nichts, atmete nur tief durch und ließ sich in einen Sessel fallen.
 „Hast du was zu trinken?“, fragte er. „Ich könnte einen Schluck gebrauchen. Vielleicht ein Bier.“
 Bettie holte es ihm. Sie selbst goss sich einen Cognac ein. Rudolf sah wie ein biederer Buchhalter aus. Nicht so charismatisch wie Max, aber vertrauenswürdig.
 „Was weißt du von all dem, Rudi?“, fragte sie mit Bestimmtheit und war erstaunt, wie ruhig sie klang. „Wem schuldet Max Geld? Ich habe die Übersicht über unsere Privatkonten. Da gibt es kein Darlehen. Es muss also etwas mit der Kanzlei zu tun haben.“
 Rudolf machte ein verlegenes Gesicht. Dann seufzte er. „Ich hab ihn gewarnt, seine Deals und seine Tricks könnten mal ins Auge gehen.“ Er nahm einen tiefen Schluck aus der Bierflasche. „Du weißt, wie wir anfangs zu kämpfen hatten. Wir waren doch die reinsten Anfänger, unerfahren. Keiner kannte uns. Und dann hatte Max plötzlich diesen reichen Klienten an der Angel, der sein Geld vor dem Fiskus retten wollte.“
 „Redest du von Steuerhinterziehung?“
 „Nein. War zuerst alles legal. Staatliche Förderprogramme, begünstigte Kapitalanlagen, das übliche Programm. Wir hatten Glück und Max‘ Klient empfahl uns ein paar von seinen wohlhabenden Freunden. Die Sache nahm Schwung auf. Es kamen Off-shore-Konten dazu, Briefkastenfirmen, du weißt schon.“
 „Nein. Davon weiß ich überhaupt nichts.“ Bettie funkelte ihn an. „Meines Wissens beratet ihr Unternehmen in wirtschaftsrechtlichen Fragen.“
 Rudolf nickte. „Das ist mein Bereich. Wir haben irgendwann entschieden, dass wir die Dinge besser trennen. Ich bin für die regulären Angelegenheiten zuständig. Die lupenreine Fassade. Und Max …“
 „Mein Gott, Rudi. Willst du sagen, er betreibt Beihilfe zur Steuerhinterziehung?“
 „Wenn es nur das wäre.“
 Bettie starrte ihn ungläubig an. Jetzt brauch ich einen Drink, dachte sie und goss sich den Cognac in einem Ruck in die Kehle. Der ungewohnte Alkohol brannte so sehr, dass ihr die Tränen kamen.
 „Besser, du beichtest mir jetzt alles“, sagte sie.
 „Nun ja. Die Sache entwickelte sich eben. Und vielleicht ist Max etwas zu gierig geworden. Ich hab ihm abgeraten und wollte nichts mehr damit zu tun haben. Aber du kennst ihn ja. Er denkt, er ist unverwundbar und unbesiegbar.“
 „Wovon redest du jetzt genau?“
 Er starrte verlegen auf seine Hände. Dann blickte er ihr in die Augen und sagte nur ein Wort.
 „Geldwäsche.“
 Bettie fühlte sich, als hätte sie der Hammer getroffen.
 „Aber das ist doch kriminell“, flüsterte sie.
 „Woher denkst du, kommt der ganze Reichtum? Euer Haus, die teuren Autos, die Finca in Mallorca, die Geldanlagen. Max konnte einfach nicht genug kriegen.“
 „Und du? Du hast doch auch davon profitiert. Oder nicht?“
 Er hob beschwörend die Hände. „Nein, hab ich nicht. Das heißt nur indirekt. Wir haben die Kanzleikosten geteilt, das ist alles. Aber durch Max‘ Kontakte bin ich natürlich auch an viele lukrative Firmenklienten gekommen.“
 „Und ihr verdammten Kerle habt mir jahrelang was vorgemacht. Was ist mit deiner Frau? Weiß sie was?“
 Er schüttelte betrübt den Kopf.

 Bettie saß da wie erschlagen. Da lebt man mit einem Menschen fast zehn Jahren lang zusammen und glaubt, ihn zu kennen. Und dann sowas. Sie hörte nur halb zu, während Rudolf weiterredete.
 „Vor zwei Jahren muss er wohl an ziemlich üble Typen geraten sein“, hörte sie ihn sagen. „Es lief zuerst sehr gut. Aber dann hab ich gemerkt, dass er in Schwierigkeiten war. Obwohl er mir kein Wort erzählt hat. Es sei besser für mich, wenn ich nichts davon wüsste, hat er gemeint. Vielleicht hat er Mafiageld unterschlagen. Ich weiß es nicht, aber ich nehme an, er hat illegale Gelder abgesaugt und in geheime Konten verlagert. Vermutlich sind die Kerle dahinter gekommen. Jedenfalls war er in letzter Zeit nicht mehr derselbe. Fahrig fast. Hast du nichts bemerkt?“
 „Was?“ Bettie versuchte sich zu konzentrieren. „Ja. Er kam mir ziemlich gestresst vor. Aber ich hab gedacht, er arbeitet zu viel. Hab ihn gedrängt, endlich mal Urlaub zu machen. Wozu das Haus in Mallorca, wenn wir nicht …“ Sie schlug die Hand vor den Mund, als die Enormität der Lage über sie zusammenbrach. Mafiageld.
 „Mein Gott. Ich fasse es nicht.“ Sie schüttelte den Kopf. Das Haus, ihr Leben, das alles sollte die Frucht von kriminellen Aktivitäten sein, die ihr Max begangen hatte?
 „Wo ist er?“, fragte sie gequält. „Mir hat er gesagt, er sei in Dubai. Aber wahrscheinlich ist das auch gelogen.“
 „Liebst du eigentlich Max?“, fragte Rudolf unverhofft.
 Sie knetete die Finger ihrer Hand, fand den Ehering. „Ja, natürlich“, hauchte sie. „Warum fragst du?“
 „Weil er dich nämlich auch über alles liebt. Und die Kinder. Ich weiß das.“
 „Aber warum tut er uns das an?“ Tränen standen plötzlich in ihren Augen.
 Rudolf griff in die Hosentasche und legte einen kleinen Schlüssel vor ihr auf den Kaffeetisch. „Er hat mich vor drei Tagen gebeten, dir das zu geben, falls etwas Unerwartetes passiert.“
 „Was ist das für ein Schlüssel?“
 „Der gehört zu einem Schließfach am Frankfurter Flughafen. Dort hat er Geld für den Notfall hinterlegt, Flugtickets und Instruktionen, wohin du mit den Kindern reisen sollst, um ihn zu treffen. Ich glaube, er hat geahnt, das so etwas wie heute passieren könnte.“
 Ungläubig sah sie ihn an. „Warum um alles in der Welt sollte ich verreisen? Warum kommt er nicht nach Hause?“
 „Kapierst du’s nicht? Er hat sich mit der Mafia eingelassen. Die sind offensichtlich hinter ihm her. Niemand weiß, wo er sich aufhält. Nur über dich und die Kinder können sie an ihn herankommen. Das hier heute war nur eine Warnung. Die kommen wieder. Die werden dich nicht mehr in Ruhe lassen. Denk an deine Kinder.“
 „Aber …“ Sie schloss  die Augen.
 Wovon zum Teufel redete er. Es war alles zu viel für sie. Sowas gab es im Fernsehen, aber doch nicht in ihrem behüteten Leben. Geheime Konten sollte er haben? Mafiageld?
 „Was weißt du noch darüber, Rudi? Verheimliche mir nichts. Ich bitte dich.“
 „Ich hab dir alles gesagt. Mehr gibt es nicht. Am besten packst du gleich, nimmst die Kinder und setzt dich in ein Taxi. Richtung Flughafen. Wenn nicht jetzt, dann sofort morgen früh.“ Er deutete auf die Hundeleiche. „Ich kümmere mich um alles. Mach dir keine Sorgen. Aber vergiss nicht. Diese Kerle sind gewalttätig. Die schrecken vor nichts zurück.“
 „Wir müssen die Polizei rufen.“
 Er schüttelte den Kopf. „Die Polizei ist schon involviert. Max hat irgendeinen Deal mit der Staatsanwaltschaft. Das hat er mir gegenüber angedeutet. Aber er traut ihnen wohl nicht ganz und hat es zur Bedingung gemacht, dass sie sich vorerst heraushalten. Hast du schon mal von Zeugenschutzprogramm gehört?“
 Sie nickte beklommen.
 „Euer Leben wird sich von Grund auf ändern.“ Er sah sie mitfühlend an. „Es tut mir leid, Bettie.“

© Copyright 2013 by Ulf Schiewe. Alle Rechte vorbehalten.

Alles Liebe

2016 Clee signatur

Ein Kommentar (+deinen hinzufügen?)

  1. susan grünefeldt
    Mai 23, 2013 @ 04:33:09

    Mehr davon!! Großartig!!! ;-)

    Antworten

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