[Rezension] J. A. Sounders – Renegade. Tiefenrausch

Renegade – Tiefenrausch

von J. A. Souders

ivi, 2012

Gebunden, 368 Seiten

ISBN: 3492702813

16,99 €

Evies Leben ist perfekt – perfekt geplant und überwacht von Mutter, der Herrscherin über die Unterwasserstadt Elysium. Schon bald soll die 16-Jährige über die geheimnisvolle Welt regieren. Doch als sie sich ausgerechnet in ihren Feind verliebt, wird klar, dass das perfekte Leben in Elysium eine einzige Lüge ist. Elysium liegt am Grund des Meeres, abgeschirmt vom Rest der Welt. Dort hat Mutter ein Paradies für all jene Menschen geschaffen, die vor den Kriegen der Oberfläche fliehen konnten. Sie organisiert den Alltag der Bewohner, schützt sie vor Gefahren und regelt sogar die Geburten. Doch dieser Friede wird teuer erkauft – Gefühle sind in Elysium verboten, Berührungen unter Liebenden werden mit dem Tod bestraft. Evie vertraut in dieses System – doch als Gavin, ein Oberflächenbewohner, in ihre Welt eindringt, weckt der junge Mann Zweifel in ihr: Warum plagen sie Erinnerungslücken? Weshalb besteht Mutter auf Evies tägliche Therapie-Sitzungen? Und wieso kann sie sich durch Gavin an Dinge erinnern, die absolut unmöglich sind? Evie erkennt, dass sie Teil eines gewaltigen Plans ist, aus dem es für sie ohne Gavin kein Entrinnen gibt.

~*~

Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber Renegade – Tiefenrausch hat mich unglaublich enttäuscht. Die Grundidee des Romans ist absolut genial: Im Zuge eines Krieges kam es zu einer Neuordnung der Welt. Das hat sich nicht nur auf das Regierungssystems und die Lebensweise der Bevölkerung ausgeübt, die in „Enklaven“ aufgeteilt und totalitär gelenkt werden, sondern auch auf ihren Lebensraum, der für manche Menschen unter den Meeresspiegel verlegt wurde. Der Hauptschauort von „Renegade“ ist Elysium – eine hochtechnisierte Stadt im Meer. Sozusagen ein neues Atlantis. Und dieser Ort wurde genauso schön und aufregend in Szene gesetzt und beschrieben, wie es einem an dieser Stelle in den Sinn kommen mag.
Generell waren die Ideen von J. A. Souders betreffend Setting und Handlung genial und insofern ich nach einer Übersetzung gehen kann, weiß die Autorin gut und flüssig zu schreiben. Doch an dieser Stelle hören die positiven Aspekte für mich beinahe schon wieder auf, denn die Umsetzung von all dem hat mir nicht gefallen. „Übereilt und ungenügend“ halte ich für die treffendsten Begriffe, um meine Kritikpunkte zusammenzufassen.
Die Protagonisten Evie und Gavin waren mir sympathisch. Leider war es die Liebesgeschichte der beiden nicht. Die beiden kennen sich kaum mehr als, schätzungsweise, vier Tagen und doch ist es gleich die ganz große Liebe, für die auf das eigene Leben und die eigene Sicherheit gepfiffen wird. Beide verbindet ein so unerschütterliches Vertrauen, dass sogar darüber hinweggesehen wird, wenn ein Partner den anderen umzubringen versucht. Viel mehr Aufregung kommt da auf, wenn mal eine Unterhose oder eine nackte Brust gesichtet wird – obwohl sich beide zu jeder Sekunde ihres Zusammenseins in Lebensgefahr befinden. Gut, jeder setzt seine Prioritäten.

Darüber hinaus ist Evie jedoch viel zu perfekt (und ja, ich weiß, dass sie das auch sein soll –es hat mich dennoch gestört).
Eine Leiter mit einer angeschossene Schulter und einem ausgekugelten Arm hochklettern? Kein Problem.
In das bestgeschützte Computersystem einhacken? Na logo!
Medizinisches Wissen hat sie auch und überhaupt ist sie der totale Überlebenskünstler. Dabei ist sowohl das bei jeder Gelegenheit errötende, schüchterne Ding, als auch die Kick Ass-Frau, die mit den bösen Bubies aufräumt. Jahre der Drogenverabreichungen und emotionalen Ausnutzung werden ebenfalls einfach so überwunden. Wie praktisch.
Kein Wunder also, dass Gavin hier kaum etwas zu tun hat. Aber halt, immer dann, wenn er dann doch mal nützen kann (Wunden verbinden, zur Beruhigung küssen, ein „Fahrzeug“ lenken, das er eigentlich nicht lenken können dürfte, da es bei ihm Zuhause sowas nicht gibt …?), bringt er natürlich den nötigen Grips und die – wie mehrmals betont wird – wohl geformten Muskeln auf. Da macht es auch nichts, wenn er mal einen Makel durchblitzen lässt, wie sich auf der Flucht darüber zu beschweren eine Krawatte anziehen zu müssen …
Versteht mich nicht falsch: ich mochte die beiden. Sie sind liebenswert, aber leider von Anfang an so aalglatt, dass sie unmenschlich wirken.
Andere Charaktere sind kaum der Rede wert, da sie entweder nur ein paar Zeilen/Seiten lang wichtig sind oder nur oberflächlich behandelt werden.
Bis auf „Mutter“.
Denkt an einen Menschen, der wahnhaft, pathologisch von etwas besessen, skrupellos, und absolut krank im Kopf, dabei jedoch unbeschreiblich gerissen ist.
„Mutter“ ist schlimmer.
Wieso sie so ist, wie sie ist?
Ich weiß, wir haben eine Art „Grund“ dafür im Buch geliefert bekommen, aber deshalb Verständnis für sie aufzubringen, wäre so, als würde man einem Kleinkind den Kopftätscheln, das aus Frust über ein fehlendes Geschenk den Weihnachtsmann umgebracht hat. Mehr möchte ich dazu jedoch nicht verraten.
Die Charakterzeichnung in diesem Buch war für mich alles in allem ungenügend. Ebenso war es die Art der Informationsbereitung für die Protagonisten und mich als Leser, da diese hauptsächlich in Form von geklauten oder zufällig gefundenen Tagebucheinträgen stattgefunden hat. Ich würde meinen, wenn jemand ein Tagebuch schreibt, weiß er die Hintergründe zu allem, was er da verfasst, und beschreibt es nicht so ausführlich, dass jeder dahergelaufene Neugierige alles aus diesen Papieren entnehmen kann, was er als Antwort braucht. Nun, vielleicht irre ich mich auch. Für mich klangen diese Einträge dennoch zu inszeniert und gestelzt.

Außerdem empfand ich das Handlungstempo als zu übereilt empfand. Alles lief so schnell ab, dass ich als Leser kaum Zeit hatte, mich auf eine neue Situation einzustellen. Das hat die Spannungskurve zwar angezogen, jedoch hätte ich mir den Übergang von der zwar brutalen, aber dennoch eher ruhigeren Fluchtstory zu der „zombieapokalyptischen“ und an ein „Ballerspiel erinnernden Splattergeschichte“ nicht ganz so abrupt gewünscht. So wie hier war es: Flucht von Punkt A, nach B, nach C – zwischen A und B wird rumgeknutscht und zwischen B und C herumgeballert und die Liebe zum jeweils anderen bezeugt, was das Zeug hält. Während der wenigen Fluchtstunden wird die ganze Stadt auf den Kopf gestellt: viele laufen Amok, noch mehr werden umgebracht und das alles ohne Grund, denn zum Schluss stellt sich heraus, dass das ganze Chaos nicht wirklich nötig gewesen wäre. Meine einzige Reaktion darauf war: …

Weiterhin wurde hier eine Information in den Raum geschmissen, deren Erklärung ich vergeblich gesucht habe. In Renegade wird die Überlegenheit bestimmter Genotypen thematisiert. Was zur Folge hat, dass bestimmte äußerliche Merkmale bei Menschen in Elysium allen anderen Erscheinungscharakteristika gegenüber bevorzugt werden: blonde Haare, blaue Augen und blasse Haut. An dieser Stelle frage ich mich: warum blond, blau, blass? Weil alle Wörter mit „b“ anfangen? Da „Mutter“ ja aber böse und verrückt ist, dürfte das wohl die Erklärung sein. Die ist sowieso überall einsetzbar und das wird auch in vollsten Zügen genutzt.

Um aber abschließend mit einem positiven Kritikpunkt aufzuwarten, möchte ich erwähnen, dass die Thematik der Gehirnwäsche sowohl schriftstellerisch als auch darstellerisch sehr gut in das Geschehen eingebunden wurde. Von Anfang an wurde damit eine düstere Atmosphäre geschaffen, die einen gepackt und fasziniert hat. Außerdem wurde ich dadurch zum Nachdenken angeregt, was passiert, wenn die Menschheit tatsächlich einmal einen wissenschaftlichen Stand, ähnlich dem der Welt in Renegade, erreicht. Ich sage nur: Wollen wir hoffen, dass es nie soweit kommt.

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