[Rezension] Lynn Raven – Der Kuss des Kjer von Lynn Raven

 

Der Kuss des Kjer

von Lynn Raven

cbt, 2010

TB, 608 Seiten

ISBN: 3570304892

12,95 €

Leseprobe

 

Mit einem Trick bringt Mordan, der erste Heerführer der kriegerischen Kjer, die junge Heilerin Lijanas vom Volk der Nivard in seine Gewalt. Im Auftrag seines Königs Haffren will er die Heilerin und ein zauberkräftiges Elixier, die »Tränen der weißen Schlange«, an den Hof bringen.
Lijanas aber hat nur einen Gedanken: Flucht! Doch je näher sie den als »Blutwolf« verschrienen Mordan kennenlernt, desto stärker fühlt sie sich zu ihm hingezogen. Und er sich ebenso zu ihr. Er setzt alles dran, sie sicher an den Hof seines Königs zu bringen. Dort erwartet sie jedoch eine tödliche Überraschung …

~*~

Nachdem ich Lynn Ravens Der Kuss des Kjer nun schon zum zehnten Mal gelesen habe, dachte ich, muss ich endlich einmal eine Rezension dazu schreiben. Wer weiß, vielleicht erreiche ich damit jemanden, der diesen Schatz noch nicht kennt.

Jeder wird sich denken können, dass Der Kuss des Kjer bei zehnmaligem zu Lesen eines meiner Lieblingsbücher ist. Dementsprechend schwer wird es mir fallen, etwas anderes als Dauerkreisch- und Schmachttöne von mir zu geben, aber versuchen wir es trotzdem.

Die Bekenntnisse eines Fangirls:
Ravens Roman ist dem Genre High Fantasy zuzuordnen und in diesem sticht sie vor allem durch ihr kreatives Weltbild heraus. Ohne den Leser infodumpingmäßig mit Informationen über diese Welt zuzuballern, teilt sie ihm genug mit, dass er sich ein ungefähres Bild von dieser machen kann. Auf wunderschön bildhafte Art beschreibt sie Fabelwesen und Landschaftsbilder, wie ich sie noch nie zuvor in einem Buch gefunden habe. Sie bedient sich dabei der realen Flora und Fauna und ja, steckt sie hauptsächlich in ein neues Kleid, aber auf diese Idee muss Autor auch erst einmal kommen. Dabei herausgekommen sind unter anderem Schlangenpferde, „Ratten“ mit Püschelschwänzen und Salzwüsten. Aber auch die verschiedenen Völkergruppen erhalten ihre ganz spezifischen Merkmale, äußerlich und in ihrem Gesellschaftswesen. Besonders fällt hierbei auf, dass Raven nicht davor zurückschreckt, die Grausamkeiten in einem monarchischen Rechtssystem zu Tage treten zu lassen und wie sich diese auf ihre Charaktere auswirken. Das trifft vor allem auf die Kjer zu. „Hören ist Gehorchen“ und das bis zur letzten Konsequenz. Wer versagt, wird hingerichtet. Ein einfaches, aber wirkungsvolles Prinzip, das vor allem die Krieger des Königs betrifft. Da diese also alle Befehle ausführen müssen, egal, was ihr Herrscher verlangt, haben sich einige dieser Krieger Taten zuschulden kommen lassen, die an Grausamkeit nicht zu überbieten sind. Und hier hat sich Raven wahrlich auf dünnes Eis gewagt, denn sie hat einen solchen Krieger zum love interest der Heldin dieses Romans gemacht. Dadurch gerät der Leser in ziemlichen Konflikt mit seinen Moralvorstellungen, möchte ich meinen. Auf der einen Seite hat man mit Mordan einen Mann vor sich, der nicht umsonst als Bestie verschrien ist. Er hat furchtbar schlimme Dinge getan, behandelt anfangs auch Lijanas, die weiblichen Hauptperson, mit harter Hand – und doch verhält er sich nur, wie er von Kindesbeinen an erzogen wurde, und das auf ebenfalls so grausame Art und Weise, das man sich bei den Beschreibungen am liebsten wimmernd in sich selbst zurückziehen möchte. Dennoch legt er mehr Gefühl an Ehre, Rechtschaffenheit, Loyalität und Güte an den Tag als viele der anderen Charaktere, sogar mehr als solche, die man anfangs für die Guten gehalten hat. Er beschützt die, die ihm wichtig sind, mit seinem Leben und er leidet für und mit jenen, deren Leben er zerstören musste. Durch Lijanas Missbilligung des Rechtssytems der Kjer fängt er zudem auch an daran zu zweifeln, dass er handeln muss, wie man ihm befiehlt. Und irgendwann verweigert er sogar, obwohl das für ihn die schlimmste aller Strafen bedeutet. Das alles macht nicht ungeschehen, was er getan hat, so viel ist sicher, aber … wie soll man einen solchen Mann hassen? Zusammen mit Lijanas lernt man ihn immer besser kennen und genau wie sie, muss man sich eingestehen, dass es eben einfach nicht geht. In der Tat ist er einer der herzergreifendsten, authentischsten und großartigsten Protagonisten, über die ich in meinem ganzen Leben gelesen habe. Doch darf man einen Mörder lieben, der das Morden verabscheut? Ich weiß, ich tue es bei Mordan, aber … wenn man das auf das echte Leben bezieht … schwierig.

Bei Lijanas ist die eigene Gefühlslage um einiges leichter einzuschätzen. Als Heilerin ist sie, wie im Buch auch von jemandem genau so gesagt wurde, eine Kriegerin. Sie kümmert sich aufopferungsvoll um jeden Kranken und gibt keinen auf, so hoffnungslos die Lage auch erscheint. Sie erlebt viele verletzliche Momente, ebenfalls viel Grausamkeit und zeigt dennoch Güte und kämpft weiter. Sie ist das perfekte Gegenstück zu Mordan und genau aus diesem Grund war es mehr als nur ein Genuss, den Weg der beiden mit zu bestreiten. Der Kuss es Kjer ist für mich eine der schönsten und konfliktreichsten Liebesgeschichten der Bücherwelt, die zum Mitfühle – und leiden einlädt.

Auch von den Nebencharakteren konnte man sich als Leser ein gutes Bild machen, auch wenn viele nur kurz oder ansatzweise eingeführt wurden. Zwar ist es mir unverständlich, wie besonders dieser eine Charakter plötzlich einen Wandel von einem scheinbar guten Menschen zu einem oberflächlichen, sadistischen Schwein machen konnte, ohne dass dessen „Liebste“ von diesen Züge vorher auch nur ansatzweise etwas mitbekommen hätte, aber das ist leicht zu verzeihen, da der Mensch ja bekanntlich ein Mysterium voller Abgründe ist, in die wir manchmal erst blicken dürfen, wenn wir bereits in einen davon hineinstürzen.

Ansonsten habe ich nur noch zu bemängeln, dass es keinen zweiten Band zu diesem Buch gibt. Dieser soll ja nicht mal über Mordan und Lijanas sein, denn deren Geschichte ist für mich abgeschlossen, aber wie wäre es mit einem neuen Paar? In dieser Welt steckt noch so viel Potenzial, einige Fragen würde ich gerne noch beantwortet sehen, die verständlicher Weise in diesem Buch nicht geklärt werden konnten, da man bei einer Hetzjagd wohl kaum stehen bleibt und die Verfolger erstmal ins Kreuzverhör nimmt. Also … na, Frau Raven? Wie wär’s? Ein weiteres Buch über diese Welt? *mit flehenden Augen anguck*

Wer sich nicht davor scheut, in so manchen Abgrund der menschlichen Seele zu blicken und  nach Liebesgeschichten sucht, die sich langsam und authentisch entwickeln, der sollte sich diesen Roman nicht entgehen lassen. Absolute Kaufempfehlung!

 

Lieblingsbuch Clee 2016

 

6 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Christina Matesic
    Okt 09, 2014 @ 13:12:12

    Ach, ist dass eine schöne bewegende Rezension. (**schnief**) Vor allem die Passage über Mordan ist super schön. Da bekomme ich jetzt auch wieder richtig Lust, den Kuss des Kjer zum dritten Mal zu lesen. Du wirst es nicht glauben, aber als ich damals die Stelle gelesen habe, als er am Kreuz hing, musste ich weinen. :(

    Übrigens: Jetzt wissen wir auch, warum die gute Lynn den Namen „Mordan“ gewählt hat. „Ein Mörder, der das Morden hasst…“ sehr passend der Satz von dir.

    LG
    Christina

    Antworten

    • cleesbuecherwelt
      Okt 09, 2014 @ 14:59:13

      Danke :)
      Ich bekomme auch immer noch eine Gänsehaut bei manchen Passagen. Man, man, man … die Frau macht einen fertig.
      Hm, hast du eigentlich schon „Der Spiegel von Feuer und Eis“ gelesen? Das ist eine Geschichte von ihr, die in ähnliche Richtung geht. Sozusagen der Vorläufer (vom Konzept her) von „Kjer“. Das muss ich auch nochmal lesen.

      XDDD Das könnte eine Möglichkeit sein, wer weiß? *g* Ist mir gar nicht aufgefallen …

      LG!

      Antworten

      • Christina Matesic
        Okt 28, 2014 @ 22:29:36

        Hallo Anna,
        gerade muss ich entdecken, dass du etwas auf meinen Kommentar erwidert hast. Entschuldige, dass ich so spät antworte. „Der Spiegel von Feuer und Eis“ habe ich nach dem „Kuss des Kjer“ gelesen. Ist auch eine schöne Geschichte, kommt aber nicht an unseren „Kuss“ heran. :) Ich warte immer noch auf eine Geschichte, die ihn toppt. Heute stieß ich bei Amazon auf ein E-Book (gibt es auch als TB), das vom Inhalt her auch sehr vielversprechend klingt. Es heißt „Der Fluch des Drachen“ von Michelle Natascha Weber.
        Hast du von Raven eigentlich die Reihe mit dem Dämon gelesen?

        Ich hoffe, dass dein Studium wieder gut angelaufen ist.

        LG, Christina

      • cleesbuecherwelt
        Okt 29, 2014 @ 09:47:27

        Hallo Christina,

        WOAH, das „Fluch des Drachen“-Buch klingt ja GENIAL und die Leseprobe liest sich gut. Das behalte ich im Auge, unbedingt! Danke für den Tipp! :D

        Das stimmt, aber wie gesagt, es ist ja auch der Vorläufer von „Kjer“. :)
        Die Dämonen-Reihe habe ich irgendwann als Teenie und noch in Ueberreuter-Ausgabe gelesen. Damals fand ich es toll. Der dritte Band hatte sich zwar teilweise SO sehr gezogen, dass ich ein paar Seiten übersprungen, aber nichts verpasst habe … hm. Aber an sich mochte ich die damals, ja. :) Als ich dann auf „Spiegel von Feuer und Eis“ gestoßen bin, wusste ich nicht mal, dass es die gleiche Autorin ist. Tjaja …
        Ich warte auch noch auf ein Buch, dass „Kjer“ toppt. Oder zumindest da ran kommt. Ich meine, ich habe viele Bücher gefunden, die mir genauso gefallen haben, aber … nur „Kjer“ habe ich so oft gelesen und ich schätze, das muss etwas heißen. xD

        Jap, das Unimonster hat mich erfolgreich in seine Klauen geschlossen. Wie läuft es bei dir?

        LG

        Clee

  2. Patricia
    Okt 09, 2014 @ 14:22:30

    Hallo Clee,

    ich teile deine Meinung über dieses Buch ja überhaupt nicht, aber egal.
    Ich wollte dich nur darauf aufmerksam machen, dass es dir hier immer wieder passiert ist, Worte auszulassen. Das passiert mir auch oft, ist eigentlich auch nicht schlimm, aber….
    Zum Beispiel: „Ohne den Leser … zuzuballern … teilt sie ihm genug MIT (fehlt), ….“ oder „Ohne das dessen Liebste von diesen ZügeN“ und dann besonders „Sie gibt keinen Kranken auf, so hoffnungsVOLL(?->los) die Lage auch erscheint“, vielleicht willst du es schnell ausbessern.

    Die erfundene Welt ist Lynn wirklich sehr gut gelungen! Die Folterszenen haben mir am Besten gefallen und zwar, weil ich sie mir wirklich vorstellen konnte. Bei einigen Dialogen finde ich, es wurde alles nur zerredet, also zu viel darüber geredet.

    Gut, dass Geschmäcker verschieden sind,
    liebe Grüße
    Patricia

    Antworten

    • cleesbuecherwelt
      Okt 09, 2014 @ 14:55:50

      Hallo Patricia,

      da gebe ich dir recht. Nur weil ich von der Genialität dieses Buches überzeugt bin, muss das ja nicht für jeden gelten. Wäre ja auch seltsam und langweilig. Außerdem würden die Autoren dann absolut immer das Gleich schreiben, weil keiner etwas anderes schreiben und die Leser nichts anderes lesen wollen und … bäh, was für ein Horrorszenario. o.o

      Vielen Dank, dass du mich drauf aufmerksam gemacht hast. Gleich nach dem Veröffentlichen ist mir auch aufgefallen, dass ich es nicht mal korrekturgelesen hatte und das hab ich schnell geändert. Eigentlich müsste die verbesserte Version schon online sein …

      Zu den ersten beiden Punkten stimme ich dir zu, zu letzterem nicht, aber wie ich sagte – es fällt mir schwer, was zum Mäkeln zu finden, weil ich das Buch einfach liebe. xD Aber was meinst du genau?
      Und welches Buch (in der Richtung) hat dir denn z.B. gut gefallen? :)

      Ganz liebe Grüße

      Antworten

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