[Rezension] Nina Blazon – Lillesang. Das Geheimnis der dunklen Nixe

Lillesang – Das Geheimnis der dunklen Nixe

von Nina Blazon

cbt, 2014

HC, 416 Seiten

ISBN: 3570162877

16,99 €

Leseprobe

Irgendetwas war in diesem Meer …Als Jo und ihre Familie das alte Haus an der dänischen Küste erben, erzählt die kauzige Nachbarin Bente die Geschichte von dem Gongur, der an Land kommt und Menschen ins Meer zieht. Anders als ihre Mutter, die das Wasser meidet, lässt Jo sich von der Alten nicht ins Bockshorn jagen. In der Nacht jedoch wird sie tatsächlich von einer Stimme an den Strand gelockt. Bente kann das schlafwandelnde Mädchen in letzter Minute retten. Was hat es mit dem Nixen-Wesen auf sich? Und warum versteckt Jos Mutter alte Fotos, auf denen Gesichter herausgekratzt sind? Jo ahnt, dass ein uraltes Geheimnis auf ihrer Familie lastet. Sie ahnt nicht, dass Bente den Schlüssel dafür in der Hand hält …

 

~*~

Nina Blazon hat es geschafft, mich so sehr zu fesseln und in Staunen zu versetzen, dass ich für wenige Stunden alles andere vergessen habe und es nur noch mich, Jo, Julie, Mads und die dunkle Nix gab. Blazon bedient sich der Worte nicht nur, sie malt mit ihnen. Webt Lieder von solcher Schönheit und Melancholie, dass auch ich willenlos ihrem Gesang ins Meer folgen würde … oder zumindest zwischen die Seiten von Lillesang – Das Geheimnis der dunklen Nixe. Und wie auch bei so manchem Opfer einer Nixe, ist das Auftauchen viel schwerer als das Abtauchen.

Lillesang ist zwar an eine eher jüngere Leserschaft gerichtet, doch das tut der Freude eines älteren Lesers keinen Abbruch. Obwohl die Protagonisten natürlich ebenfalls sehr jung sind, hatte ich nicht das Gefühl, einem Kind an die Hand gegeben worden zu sein. Jo, Julie und Mads verhalten sich ihrem Alter gemäß, aber das macht ihre Handlungs- und Denkweisen nicht kindisch. Diese zeichnen sich genauso durch Ängste, Unsicherheit, Misstrauen, innerer Stärke, Loyalität und von Liebe entfachtem Mut aus wie bei einem Erwachsenen. Jedes Gefühl und jede Handlung ist berechtigt und realistisch, bedingt durch die Situationen, in die unsere Helden geraten. Ohne mit dem erhobenen Zeigefinger herumzufuchteln, wird gezeigt, wie wichtig Freundschaft und gegenseitiges Vertrauen sind. Nicht nur unter Kindern, sondern unter den Menschen generell und besonders in der Familie. Selten hat mich eine Familiendynamik so sehr berührt wie hier in „Lillesang“. Und ebenso selten lässt sich eine so authentische Charaktercrew finden, in der auch die erwachsenen Charaktere wie aus dem Leben gepflückt und auf Papier gebannt scheinen: voller Fehler und Liebenswürdigkeiten.
Zugegeben habe ich bei ein paar von Mads „Manövern“ und Assen im Ärmel ungläubig die Stirn gerunzelt, denn für einen vierzehnjährigen Jungen wirken sie etwas weit hergeholt. Doch bekanntermaßen hat das ja Alter ja wenig mit Erfahrung zu tun und bei genauerem Betrachten sind sie schon wieder logisch, beachtet man seine Vorgeschichte.

Was mir sogar noch besser an den Charakteren gefallen hat, war die Tatsache, dass im Verlaufe des Buches immer wieder unklar wurde, wem die Hauptperson Jo nun vertrauen kann und wem nicht. Immer wenn man denkt, man hätte jetzt endlich den Durchblick, kommt es zu einer Kehrtwende, der Plot zieht einem eine lange Nase und galoppiert in die entgegengesetzte Richtung davon. Ich wurde schon lange nicht mehr so von einem Buch in die Irre geführt, sowohl kopf- als auch gefühlsmäßig. Den Meister der Täuschung, liebe Frau Blazon, finden Sie sich selbst gegenüber im Spiegel. Dafür müssen Sie nicht nach Dänemark reisen.
Obwohl sich die Recherchereise nach Kopenhagen durchaus gelohnt hat. Die Autorin verliert sich zu keinem Zeitpunkt in Details und doch schafft sie es, die kleinen Besonderheiten der dänischen Stadt herauszustreichen. Bei ihr braucht es keine Magie, um Magie zu wirken. Eine Ortsbeschreibung genügt vollkommen.
Der von Anfang bis zum Ende angezogene Spannungsbogen trägt natürlich auch seinen Teil dazu bei. Gleichwohl wie so manche Gänsehaut hervorbringende Passage und die Geheimnisse, die sich durch die ganze Geschichte weben und deren Auflösungen einen stets von Neuem überraschen.

Die Informationen über Hans Christian Andersen und sein Märchen der kleinen Meerjungfrau fügen sich ebenfalls wunderbar in das Gesamtgeschehen ein und machen Lust, auch nach Beenden des Buches mehr über den werten Herrn und seine Wassermuse zu erfahren. Und wenn Literatur es schafft, Faktenwissen so zu verpacken, dass man nicht genug davon haben kann, würde ich meinen, hat der Autor alles richtig gemacht.

Zwar fand ich den Showdown des Romans dann doch ein wenig übereilt und der Epilog roch stark nach „Friedefreudeeierkuchen“, aber wenn ich ehrlich bin, möchte ich es hier auch gar nicht anders haben. Mein zwölfjähriges Ich hätte wohl ebenso abgestimmt. So kann ich nämlich noch ein wenig länger in meinen „Was wäre wenn das tatsächlich …“-Träumen schwelgen und mir vorstellen, Blazons Geschichte beruht auf der Wirklichkeit.
Nur schade ist es, dass eine wichtige Frage bezüglich der Herkunft eines besonderen Geschöpfes, das von dem gleichen Schicksal wie seine Vorgänger ereilt wurde, jedoch dabei nicht wie die anderen zugrunde ging, offen bleibt. Warum, ist durchaus verständlich, doch ein wenig unbefriedigend lässt es einen dennoch zurück.

Dieser kleine Negativpunkt fällt jedoch bei dem positiven Gesamteindruck nicht ins. Lillesang ist ein Buch, das man sich für seine Kindheit gewünscht hätte, aber auch als Erwachsener noch genießen kann. Es überzeugt durch einen wohl durchdachten, spannungsgeladenen Plot, authentische und (zumeist) sympathische Charaktere und einem Schreibstil, der dem Leserherz Flügel verleiht. Definitiv ein Kandidat für Buchwolke 7.

 

Lieblingsbuch Clee 2016

4 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. absinthefreund
    Nov 24, 2014 @ 13:31:06

    Mir gefällt deine Art, Bücher vorzustellen. Deine Rezensionen sind immer individuell und sehr angenehm zu lesen. LILLESANG werde ich zwar trotzdem nicht lesen, weil ich enfach nur sehr selten noch auf Kinder- und Jugendbücher abfahre, aber ich kann deine Begeisterung nachempfinden. Von Nina Blazon kenne ich FAUNBLUT und ASCHEHERZ, ich erinnere mich noch gut daran, wie ihr Schreibstil mich total in den Bann gezogen hat.
    Ich bin mir nicht sicher, du als Blazon-Expertin weißt es bestimmt besser: Sind alle ihre Bücher an ein jüngeres Publikum gerichtet oder hat sie auch „Erwachsenenromane“ geschrieben?

    Antworten

    • cleesbuecherwelt
      Nov 27, 2014 @ 18:09:59

      Wow, vielen Dank für das Kompliment! Das freut mich riesig! *strahl*
      Ich mag Jugendbücher immer noch genauso gerne, Kinderbücher nur von bestimmten Autoren, aber nur aus diesem Genre zu lesen – das wäre auch nichts für mich.
      Ja, das hat Blazon einfach drauf.
      Also soweit ich weiß, hat sie kein direktes „Erwachsenenbuch“ geschrieben. Dass ich ihre Jugendromane aber durchaus erwachsenenreif halte, ist da wohl was anderes xD

      Antworten

  2. Petra von fantasticbooks
    Nov 25, 2014 @ 20:10:10

    Mir hat das Buch auch gut gefallen und ich warte schon gespannt auf Nachschub von der Autorin. :-)

    LG Petra

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Das ist jedermanns Angelegenheit!

Diese Seite wurde getestet…

SeitTest-Zertifikat

Mir wurde verliehen:

%d Bloggern gefällt das: