[Rezension] Nicole C. Vosseler – Mariposa. Bis der Sommer kommt

Mariposa – Bis der Sommer kommt

von Nicole C. Vosseler

cbj, 2015

Gebunden, 448 Seiten

ISBN: 3570155366

18,99 €

Leseprobe

Ein Flügelschlag in eine andere Welt

Jake ist auf die schiefe Bahn geraten und muss seinen Community Service in Mariposa antreten, einem gottverlassenen Ort am Rande des Yosemite-Parks in Kalifornien. Dort trifft er auf Nessa, ein sonderbares Mädchen mit roten Haaren, weißer Haut und dunklen Augen. Sie lebt mit ihrer Familie zurückgezogen im Wald, und obwohl sich Jake über sie lustig macht, bekommt er sie nicht mehr aus dem Kopf. Ganz offensichtlich erwidert sie seine Gefühle, doch ihre Familie und die ganze Kommune, der sie angehört, sind strikt dagegen, dass die beiden sich treffen. Denn Nessa ist tatsächlich nicht ganz von dieser Welt …

~*~

Ach man, mir ist es noch nie so schwer gefallen, einen Roman auf meinem Buchfriedhof zur letzten Ruhe zu betten, wie bei Mariposa – Bis der Sommer kommt. Nicole C. Vosseler hat alles in dieses Buch gepackt, was mich normalerweise in einen Zustand der absoluten Euphorie versetzt. Eine innovative Idee, die richtige Prise Magie und einen wunderschön poetischen Schreibstil, der einen die Geschichte mit allen Sinnen erleben lässt. Allein schon mit dem ersten Satz hatte mich die Autorin:

„Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings wirklich einen Tornado am anderen Ende der Welt entfesseln?“ (Vosseler, Mariposa – Bis der Sommer kommt, S. 9)

Spätestens am Ende des Prologs saß ich in der Falle:

„Bis ich vor der Wahl stand, den Weg weiterzugehen, der mir vorherbestimmt war. Oder den schützenden Kokon abzustreifen, in dem ich mein bisheriges Leben verbracht hatte. In den Abgrund zu springen und zu hoffen, dass meine neuen Flügel tragen würden. (Vosseler, S. 10.)

Und die Schlinge zog sich mehr und mehr zu …

„Nur mein Pulsschlag wollte sich nicht beruhigen. Sturmgleich brauste er in meinen Ohren, pochte dumpf in meiner Kehle. Als hätte ich einen Falter verschluckt, der mit seinen staubigen Flügeln schlug, um sich zu befreien, und mir dabei die Luft zum Atmen nahm.“ (Vosseler, S. 19)

Ich meine … also mal ehrlich. Wer bei so einer Sprache kein Herzklopfen bekommt und seine Zunge vom Fußboden zurück in die Luke hochrollen muss, dem ist nicht mehr zu helfen. Gott, dieses Buch hätte so perfekt für mich sein können … wenn die Charaktere nicht ab ca. der Hälfte des Buches eine Talfahrt unternommen hätten. Mit Jake hatte ich von Anfang an so meine Probleme. Er ist der typische Möchtegern-Bad Boy, der hinter einer coolen Fassade, die sich für oberflächliche Mädels, Alkohol, usw. interessiert, einen verletzlichen Kern verbirgt. Er kommt aus der Großstadt L.A. und belächelt das Kleinstadtleben mit all seinen Entbehrungen, sieht von oben auf die „Ökos“ herab, die da rumrennen. Sein großspuriges Gehabe war noch zu verschmerzen, da Ausblicke in sein Inneres einen ganz anderen Menschen gezeigt haben: einen verletzlichen, unsicheren jungen Mann, der zu sich selbst finden muss. Dessen Vergangenheit ihn gezeichnet hat und noch immer zurückhält. Achtung, ab hier Spoiler:

„Es war immer ein Haken dabei. Immer gab es ein Aber. Einen dickflüssigen Zement grauer Realität, in dem ich stecken blieb und versank, wenn ich auch nur daran dachte, einen kleinen Schritt vorwärts zu machen.“ (Vosseler, S. 118) -> kurzer Fangirling-Kreischanfall aufgrund der Sprache.

Doch ich ertrage nur ein gewisses Maß an Unverschämt- und Dummheit. Dieser Satz hier „[…] dass das alles totaler Quatsch ist. Dass mir höchstens dann einmal schlecht wird, wenn ich genug von deinen Küssen habe.“ (Vosseler, S. 181) war grenzwertig, aber da Jake davor gefühlsmäßig einiges mit Nessa durchgemacht hat, hätte ich ihm den verzeihen können. Er hat seinen Stolz und den schiebt man nicht einfach mal so beiseite, das verstehe ich. Aber dann, ha, dann geht es erst los. Zwischen den beiden geht es zehn Seiten später ein bisschen ‚heißer‘ her und er wird ziemlich ungeduldig, aus Nessas Sicht sogar richtig grob und bedrängend:

„Seine Finger pressten sich zwischen meine Rippen. Seine Lippen saugten an meinem Hals. Mit seinem Brustkasten quetschte er mir die Luft aus den Lungen.“ (Vosseler, S. 198)

Wenn dabei keine Frühlingsgefühle aufkommen … Nun jedenfalls, Nessa hält Jake zurück, bittet ihn um etwas Abstand und was macht unser kleiner Held? Er wird wütend. Meint, dass sich bis jetzt „noch keine beschwert“ hätte und bestätigt unter einem „hässlichen Auflachen“, dass Nessa nicht wie die anderen wäre (S. 199). Hallo? Als ob es etwas Schlimmes wäre, dass es für sie als Jungfrau (wonach er übrigens nicht mal fragt, obwohl sie auf ihn anfangs noch wie eine 12 Jährige gewirkt hat) zu schnell geht. Überhaupt ist er ja der Arme in diesem Szenario, da es ihn weiterhin nach ihren Küssen dürstet. Und er ist genervt, dass sie sich anmaßt, ihm anschließend zeigen zu wollen, wie sie es sich vorstellt … Mein Gedanke an dieser Stelle: Was für ein abgrundtief blöder Ar***! Und über so einen egoistischen und aufdringlichen Helden soll ich mehr lesen wollen? PAH! Nur wenn Nessa ihn jetzt und sofort abblitzen lässt! Doch was macht das gute Mädchen? Sie zeigt ihm, wie es ihr gefällt, ohne auch nur innezuhalten und zu reflektieren, wie scheiße sie gerade von ihm behandelt wird. Alter Falter, das geht gar nicht. Wenn es um Jake geht, lässt Nessa leider sehr oft ihr Rückgrat vermissen. Dabei bin ich ansonsten von ihr als Protagonistin begeistert. Ihre verträumte Art und ihre kindliche Neugier auf das Leben sind herzerweichend. Ihre Eigenheit, die Welt in Melodien und Farben zu sehen, ist bezaubernd.

Doch das täuscht nicht darüber hinweg, dass es nach dieser ‚Rummachszene‘ noch hanebüchener wird, als Nessa aufgrund gewisser Umstände (hierzu verrate ich nicht mehr, da das zu viel vorwegnehmen würde, es sei nur gesagt, es hat mit der Prise Magie zu tun) plötzlich ‚ohnmächtig‘ wird. Anstatt jedoch sofort Hilfe zu holen, presst Jake sie ein wenig an sich und hat Angst. Armes Baby, ich hoffe, die Angst war nicht zu schlimm?

Aber hey, was ein Glück, dass er in diesem Moment nicht nachgedacht hat, sonst hätte ja Nessas Geheimnis aufgedeckt werden können! In das Jake übrigens kurz darauf von Nessas Nicht-Bruder/Beinahe-Freund/Es ist kompliziert-Gefährten Hayden eingeweiht wird, weil sich Jake ja so um sie sorgt und plötzlich irgendwie vertrauenswürdig genug erscheint, um ihn in das größte Geheimnis eines ganzen Volkes einzuweihen. Natürlich auf ganz lässige, saloppe Art, ist ja kein großes Ding. Ach ja, durch was bist du noch gleich zu diesem Sinneswandel gekommen, Hayden? Du, dem Jake zuvor eher suspekt war?

Ich schätze, es ist offensichtlich, dass ich mit dem Verlauf des Buches ab der Mitte eher unzufrieden war. Der Spaß am Lesen ist mir leider durch Jake vergangen, weshalb ich nicht bis zum Sommer in Mariposa verweilen möchte. Das bedauere ich zutiefst, denn den Schreibstil und die Ideen der Autorin finde ich nachwievor grandios. Vosseler werde ich auf jeden Fall als Autorin im Auge behalten und wer weiß, vielleicht finde ich einen anderen Roman unter ihren Werken, der mich restlos überzeugen kann. Mariposa – Bis der Sommer kommt und ich passen jedoch nicht zusammen, weshalb es jetzt in seinen Buchsarg wandert. Wirklich schade.

2016 Abgebrochen Clee

© Jörg Brochhausen

Nicole C. Vosseler, geboren 1972 in Villingen-Schwenningen, studierte Literaturwissenschaft und Psychologie in Tübingen und Konstanz, bevor sie sich ganz der Schriftstellerei widmete. Mit ihren Romanen „Unter dem Safranmond“, „Sterne über Sansibar“, „Der Himmel über Darjeeling“ und „Das Herz der Feuerinsel” feierte sie große Erfolge. Die Autorin lebt am Bodensee – mit mehr als zweitausend Büchern unter einem Dach.

2 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Loli
    Apr 08, 2015 @ 21:29:55

    Dieses Buch hätte ich auch abgebrochen. Sowas geht überhaupt nicht. Der Kerl klingt in dem moment wirklich wie ein Arsch. Sowas ist NICHT in Ordnung!!!
    Andere hätten sich nicht beschwert? ARSCH

    Antworten

  2. Anke
    Apr 21, 2015 @ 20:45:41

    Mich hat der Teil, den du erwähnt hast, ebenfalls sehr gestört, aber ich habe das Buch dennoch beendet. Ich fand es in Ordnung, alles in allem, aber ja, die Liebesgeschichte hat ab der Hälfte enttäuscht. Auch fand ich die Beziehung zu ihrem besten Freund sehr enttuschend ab diesem Zeitpunkt. Schade. Aber der Schreibstil ist traumhaft, das stimmt. :-)

    VG
    Anke

    Antworten

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