[Rezension] Winterhonig

3426653974_lWinterhonig

von Daniela Ohms

Knaur HC, 2016

Gebunden, 592 Seiten

ISBN: 3426653974

19,99 €

Leseprobe

 

Winterhonig erzählt von einer lebensgefährlichen Liebe in einer archaischen, grausamen Welt, die noch gar nicht so lang Geschichte ist. Inspiriert von den Erlebnissen ihrer eigenen Großmutter, lässt uns Daniela Ohms die Zeit des Zweiten Weltkriegs aus Sicht der Landbevölkerung erleben: Das harte, entbehrungsreiche Leben, das Mathilda als zehntes Kind eines Bauern führt; die Anstrengungen, die der junge Karl unternimmt, um seine Abstammung vor den Nazis geheim zu halten; die Liebe der beiden, die nicht sein darf, bringt sie Mathilda doch in große Gefahr; die Schrecken des Krieges, der drohende Tod durch Bomben oder Verrat. Und über allem die Hoffnung.

~*~

Mit Winterhonig hat Daniela Ohms einmal mehr bewiesen, was für eine großartige Schriftstellerin sie ist. Ihr erster historischer Roman ist alles, was ich mir von einem Buch aus diesem Genre erträumen könnte: Der Leser wird nicht mit irgendwelchem Faktenwissen bombardiert, als müsste der Autor auf Teufel komm raus beweisen, dass er seine Hausaufgaben gemacht hat.  Zudem dient der Roman nicht lediglich als Bühne für seine Charaktere, während der historische Schauplatz eine gemalte Leinwand im Hintergrund ist. Hierin wird historisches Wissen perfekt mit einer lebendig erzählten Geschichte kombiniert. Die Protagonisten agieren authentisch in ihrem Umfeld und in ihrer Zeit, aber noch viel wichtiger – sie berühren unglaublich.

Mit dem zweiten Weltkrieg hat sich Ohms kein einfaches oder konfliktfreies Thema herausgesucht und genau das spiegelt sich auch in dem Innenleben ihrer beiden Hauptpersonen wider. Mathilda und Karls Ängste und Hoffnungen, ihr Zwiespalt bezüglich ihrer Gefühle füreinander, da eine Beziehung zwischen den beiden gesellschaftlich nicht akzeptiert würde, waren absolut nachzuvollziehen. Ihr Mut und ihre Stärke, dennoch an diesen Gefühlen festzuhalten, gingen direkt unter die Haut. Die Liebesgeschichte zwischen den beiden entspinnt sich langsam, zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch und dominiert die Handlung dennoch nicht über Gebühr. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich ohne diesen Lichtblick den ganzen Roman über geheult hätte.

Ohms verschweigt keiner der Grausamkeiten, die der 2te WK für die Bewohner auf dem Land bei Mathilda und auf dem Russlandfeldzug bei Karl mit sich brachte: Die Entbehrungen eines Soldatenlebens. Der allgegenwärtige Tod. Die Angst, nur noch von Spitzeln umgeben zu sein und keinem wirklich mehr vertrauen und seine Geheimnisse offenbaren zu können. Das Aussterben der Dörfer, da die meisten Männer in den Krieg mussten, und das Wissen, dass sie vermutlich nie wieder zurückkehren würden. Aber auch die immer schwierigere materielle Lage, die das Leben erschwerte.

Die Autorin verpackt diesen Aspekt des historischen Hintergrunds in klare Worte, ohne die „blutigen Details“ allzu reißerisch aufzubereiten. Sie übt sich sprachlich in Zurückhaltung und lässt die Bilder dadurch umso wirkungsvoller für sich stehen. Gewalt und Tod müssen nicht unbedingt mit spritzendem Blut untermalt werden, um den damit verbundenen Schmerz und das Grauen zu veranschaulichen. Dafür bin ich der Autorin sehr dankbar und es passt ganz wunderbar zu der oftmals melancholischen Stimme, die Mathilda zu der Geschichte beiträgt.

„Nicht ein einziges Mal hatte Mathilda erlebt, dass der Tod gerecht gewesen wäre.“ (Ohms, Winterhonig, S. 7)

Generell begeistert Daniela Ohms mit einer bildgewaltigen Sprache. Viele ihrer Sätze und besonders ihre Metaphern und Symbole im Prolog werden mir noch lange in Erinnerung bleiben. Sie regen zum Nachdenken an, sie testen das moralische Empfinden und sie verdeutlichen, dass es in Zeiten des Krieges auf keiner Seite nur Gewinner oder Verlierer, nur gute oder schlechte Menschen gibt. Das ist etwas, dass viele Menschen allzu schnell zu vergessen scheinen. Es werden ganze Nationen verteufelt, obwohl in diesen nicht alle der gleichen Gesinnung sind und obwohl es auch dort Widerstand gibt und Leid. Es lässt sich niemals in schwarz und weiß unterteilen, auch wenn das der einfachere und angenehmere Weg sein mag. Das herauszustreichen, ist der Autorin ganz wunderbar gelungen.

Aus diesem Grund hat mich Daniela Ohms mit ihrem Roman absolut überzeugt. Der Werdegang ihrer Charaktere ist stimmig, die Handlung durchweg spannend und ausgewogen, die Sprache ein Genuss, der moralische Konflikt des Krieges durchweg greifbar und der historische Hintergrund solide. Aber am wichtigsten … die Autorin trifft mit ihren lebendigen Hauptpersonen direkt ins Herz und zwar genau dorthin, wo es richtig weh und wo es richti gut tut. Ohne Zweifel werde ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf Winterhonig zurückblicken und ich kann es kaum erwarten, mir erneut das Herz brechen und wieder zusammensetzen zu lassen den nächsten historischen Roman von Ohms in die Finger zu bekommen.

Ein weiterer Pluspunkt ist das Rezept der Autorin für die Herstellung unseres eigenen Winterhonigs, wahlweise kombiniert mit Bratäpfeln. Sobald der Winter naht, werde ich das einmal ausprobieren. Jamjam.

2016 Rezi-Kleeblatt

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© Daniela Ohms

Die Schriftstellerin Daniela Ohm wurde 1978 geboren und studierte Literaturwissenschaften, Psychologie und Geschichte.

Im Jahr 2012 erschien ihr erster Roman Harpyienblut, ein Fantasyroman für Jugendliche. 2013 erschien Der geheime Name unter ihrem Pseudonym Daniela Winterfeld. Daneben hat sie auch eine Reihe von Fantasy-Büchern für Kinder geschrieben, von denen ein dritter Teil in Arbeit ist.

Führ ihren Roman Winterhonig, der 2016 erschien, hat sie sich durch die Erinnerungen ihrer Großmutter, die 1924 geboren wurde, inspirieren lassen. Diese wuchs als jüngstes von neun Geschwistern im Paderborner Land auf und erlebte in ihrer Jugend die Zeit des Zweiten Weltkriegs.

Daniela Ohms ist in einer Literaturagentur tätig und lebt mit ihrer Familie in Berlin.

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