Also, das ist mir jetzt irgendwie zu vorhersehbar …

Jetzt, da Weihnachten vorbei ist und ein paar Gutscheine darauf warten, gegen materielles Gut eingetauscht zu werden, bin ich traditionell auf Buchjagd gegangen. Als Angehörige der Generation „Internetsuchtis“ läuft das zum Teil online ab und da kommt man an den berühmt berüchtigten Rezensionen nicht vorbei. Ich meine, man will sich ja auch nicht blind darauf verlassen müssen, dass das Cover auch das hält, was es verspricht – dieses Risiko geht man schon bei der Suche nach dem passenden Lebenspartner ein. Die Aufregung dabei genügt vollkommen.

Während ich also so durch die Rezensionen unzähliger Tippfleißigen scrolle, erlebe ich das eine oder andere  Déjà-vu:

„Das Buch ist super und spannend, aber irgendwie doch vorhersehbar.“

„Liest sich gut, aber war an manchen Stellen doch etwas langatmig.“

„Das Ende war absolut vorhersehbar.“

„Der Roman war gut, aber langatmig geschrieben.“

Kennt ihr das, wenn ihr einem Vortrag lauscht und euer Nachbar plötzlich flüstert, wie sehr es ihn nervt, dass der Sprecher dauernd „so“ oder „also“ sagt und ihr danach kaum mehr etwas mitbekommt, da ihr mental eine Strichliste aufstellt, wie oft der Sprecher diese beiden Worte tatsächlich verwendet? Das treibt einen in den Wahnsinn.

Genauso erging es mir beim Lesen vieler Rezensionen. Langatmig- und Vorhersehbarkeit liegen offenbar ganz im Trend, was das Einschätzen von Romanen angeht. Mehr noch als vor einigen Jahren, als ich mit dem Bloggen begonnen habe. Aber kann das wirklich daran liegen, dass die Autoren heutzutage viel langwieriger oder „vorhersehbarer“ schreiben als vorangegangene Generationen?

Mit einem Blick auf meine momentane Lektüre, die aus Klassikern wie Frankenstein, Das Bildnis des Dorian Gray, Sturmhöhe und Emma besteht, muss ich sagen: Nein. In diesen wird vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen plötzlich über theologische oder kunsthistorische Themen diskutiert, bevor es mit der Handlung über einen moralisch verkommenen Adligen weitergeht. Die Beschreibungen eines Schauplatzes oder die Darstellung eines Charakterhintergrundes nehmen ganze Seiten ein, bevor es mit der eigentlichen Handlung losgeht. Das mag nicht jedem munden. Viele Leser, wie auch ich, scheinen diese Kunstelemente jedoch zu überstehen und zu mögen, denn sonst würden sich diese Bücher nicht immer noch so gut verkaufen.

Im Vergleich zu diesen Werken sind die heutigen Romane kurzlebiger denn je. Parataxen sind die neuen Hypotaxen/Bandwurmsätze früherer Jahrhunderte und bestimmen die Landschaft des modernen Sprachbildes. Macht ja auch Sinn, da ein Großteil an Menschen statt Zeitungen, Twitter konsultieren und statt Artikeln, Instagram verfolgen. Alles wollen sie in so wenigen Worten wie möglich erfahren. Unsere Gesellschaft ist es offensichtlich nicht mehr gewöhnt, sich die Zeit für das eingehende Studium von Lektüren zu nehmen.Von mir aus kann sie es sich ‚zeitlich auch nicht mehr leisten‘, wenn es das ist, was die Leute sich einreden möchten – während sie Stunde um Stunde für das Tippen am Handy aufwenden, um dabei effektiv nichts Effektives zu tun (ich schließe mich da nicht aus).

Aber mal ehrlich: So ziemlich jedes Buch ist vorhersehbar, da die Auswahl an möglichen Enden eben einfach nicht besonders groß ist: Tod oder Leben (von mir aus auch ein Leben nach dem Tod). Sieg oder Niederlage (oder irgendwas dazwischen). Beziehung oder Trennung (oder erstmal nur eine Affäre). Punkt. Es ist alles schon mal dagewesen. Die Geschichte der Menscheit wiederholt sich alle Jahrhunderte wieder. Warum sollte es in der Literatur, die von Menschen geschrieben wird, anders sein? Warum muss man über Vorhersehbarkeit motzen, wenn das Buch doch anscheinend trotzdem so „super“ war?

Es steht natürlich jedem frei, etwas „langatmig“ zu finden oder nicht. Ich lese auch oft an Büchern, bei denen ich das Gefühl habe, hin und wieder auf der Stelle zu treten. Aber wenn das Buch ansonsten gut ist, muss man auf diesen Stellen so herumreiten? Was soll das überhaupt heißen, ein Buch ist „langatmig“? Dass du einen langen Atmen brauchst, um durchzukommen? Hierzu empfehle ich: viele kurze Atemzüge nehmen und ganz im Sinne des beliebten Multitaskings gleichzeitig von Wort zu Wort weitermachen.

Man kann ein Buch mögen oder nicht. Man kann sogar an bestimmten Faktoren festmachen, warum man ein Buch mag oder nicht. Und da ich aus dem Lektoratsbereich komme, möchte ich sogar behaupten, dass es gewisse Grundstrukturen gibt, die ein Buch mögenswerter als andere machen und dass diese konkret festzumachen sind. Aber es ist verdammt schade, dass viele ihre Bücher, die sie letztendlich ja zu mögen scheinen, trotzdem zerfleischen müssen. Das ist wie einem Freund hinterrücks ein Messer in den Rücken zu rammen, weil er das letzte ‚Küsschen‘ weggenascht hat.

Wie wäre es damit, statt subjektive nichtssagende Ausdrücke wie „langatmig“ oder „vorhersehbar“ zu nutzen, über den moralischen Sinn einer Geschichte zu schreiben? Oder zumindest genau aufzuzeigen, warum ein Buch als „langatmig“ empfunden wird – z.B. weil sich der Autor während der dramatischen Endkampfszene in den Beschreibungen von Ritterrüstungen ergeht und dadurch die Spannung aus der Szene genommen wird? Darunter könnte man sich wenigstens etwas vorstellen und mit der Information etwas anfangen.

Versteht mich nicht falsch, ich bin dankbar für Rezensionen, denn sie helfen mir bei der Auswahl meines Lesestoffes. Darunter gibt es zudem viele großartige kritische Stimmen. Ich schreibe auch selbst gerne Rezensionen und habe bestimmt nicht immer alles nachvollziehbar dargestellt. Aber dieses Unvermögen in manchen Fällen, Romane bedingungslos wertschätzen oder sich auf ruhigere Geschichten und komplexere Schreibstile einzulassen zu können, das ist traurig. Und es breitet sich aus. Oder anders ausgedrückt: Rezensionen sind gut, aber momentan oft irgendwie auch vorhersehbar …

Was ist eure Meinung dazu?

Eure

2016 Clee signatur

[Stöckchen] Bist du bibliophil?

Gefunden habe ich dieses Stöckchen auf Claudias Buchblog Lesezimmerchen und es hat mir so gut gefallen, dass ich es mir einfach mal geschnappt habe.

~*~

Bist Du bibliophil?

[ X ] Du gehst nie ohne Buch aus dem Haus. [Selbstverfreilich]

[ X ] Dein Bücherregal nimmt den größten Teils deines Zimmers ein. [Wie, es gibt noch einen anderen Teil? Ach so, ja, den Lesesessel]

[   ] Du teilst dein Bett mit Büchern.

[   ] Du inhalierst den Geruch von Büchern.

[ X ] Du streichelst Bücher. [Kein Kommentar]

[   ] Du kaufst jedes Mal etwas, wenn du in eine Buchhandlung gehst.

[   ] Dein SuB ist dreistellig und tendiert zur Vierstelligkeit.

[   ] Du unterhältst dich mit den Buchcharakteren.

[   ] Du gibst im Monat mehr Geld für Bücher, als für Lebensmittel aus.

[   ] Du bereist die Orte, die in deinen Büchern genannt werden.

[   ] Du hälst Bücher für eine bessere Altervorsorge, als Aktien etc.

[   ] Du zeltest am Tag der neuen Bucherscheinung deines Lieblingsautor vor der Buchhandlung deines Vertrauens, um als erste/r ein Exemplar zu ergattern.

[ X ] Deine Familie und Freunde wisse nicht mehr, welches Buch sie dir zum Geburtstag schenken sollen, weil du schon alles hast. [Als ob ich sie das selbst entscheiden lassen würde, ich bitte euch]

[   ] Du verbindest mit mindestens ¼ deiner Bücher im Regal ein Ereignis, an das du dich gerne zurück erinnerst.

[ X ] Bei dem Wort Buch, wirst du sofort aufmerksam. [Buch? Wie war das?]

[   ] Deine Familie und Freunde wissen nicht mehr wie du aussiehst, weil du ständig ein Buch vor der Nase hast.

[   ] Menschen, die Bücher nicht mögen, magst du nicht.

[   ] Du gehst auf die Lesung jedes Autors, dessen Buch du im Regal stehen hast.

[   ] Du benutzt Bücher als (Kuschel-) Kissen.

[   ] Du vergleichst deine Freunde mit Buchcharakteren.

[   ] Deine besten Freunde heißen Bertelsmann, Carlsen, Heyne, Lyx &Co. und heißen alle „Verlag“ mit Nachnamen.

[ X ] Dein SuB weigert sich verhement dagegen kleiner zu werden. [Ich habe ihn in der Tat gut erzogen]

[   ] Du versuchst Buch-Flatrates mit den Verlagen auszuhandeln.

[   ] Du lernst eine neue Sprache, damit du nicht warten musst, bis das Buch endlich auf Deutsch erscheint.

[ X ] Wenn du einmal ein Buch angefangen hast, legst du es bis zum Schluss nicht mehr weg. [Ich bin unschuldig. Die Verlage haben die Buchseiten mit Sekundenkleber präpariert]

[ X ] Du verleihst keine Bücher, weil du Angst hast, dass jemand deinen Lieblingen Schaden zufügen könnte. [Ach Quatsch. Ich weiß auch nicht, warum die blutige Nase von dem letzten Leiher die Leute dazu verleitet, einen Bogen um meine Bücher zu machen] 

[ X ] Man könnte meinen, du besitzt eine eigene Bücherei oder Buchhandlung. [*aus den Tiefen der Buchregalreihen schrei* Wie war das? Lauter bitte!]

[ X ] Deine besonderen Schätze bekommen einen Platz in deiner (gesicherten) Vitrine. [Vitrine? Du machst Witze. *das Panzerschloss einklicken lass*]

[   ] Wenn dich dein Partner vor die Wahl stellt „Ich oder das Buch“, antwortest du „Von welchem Buch reden wir denn?“

[   ] Du verbringst mehr Zeit mit Lesen als mit anderen Dingen (Job, Schlafen, Freunde und Familie).

[   ] Du magst keine eBooks.

[   ] Buchverfilmungen findest du in der Regel schlecht und du hättest es viel besser umgesetzt.

[   ] Du schreibst ein Buch darüber, wie es mit deinen Buchlieblingen weitergeht.

[ X ] Du besitzt immer noch das Buch, welches du als erstes gelesen hast. [After all these years? Always.]

[    ] Du kennst dich besser mit der aktuellen Beststellerliste aus als die meisten Buchhändler/innen.

0-5 Antworten: Du brauchst dir keine Sorgen machen. Mit dir ist alles in Ordnung. Vielleicht solltest du aber mal öfter ein Buch in die Hand nehmen.

6-10 Antworten: Mit dir ist noch alles in Ordnung. Du bist ein ausgeglichener Viel-Leser, der neben Büchern noch viele andere Hobbies hat.

11-15 Antworten: Dein Zustand ist kritisch. Aber du kannst immer noch damit umgehen, wenn du mal kein Buch zur Hand hast.

Ab 16 Antworten: Bitte besuche sofort ein Treffen der anonymen Bibliophilen!

~*~

Ach pff, von wegen kritischer Zustand. Mit 11 Treffern bin ich immer noch vollkommen in Ordnung.  *seelenruhig weiter den Staub von jedem Buch im Regal einzeln absaug*

Aufbruch zu neuen Ufern!

Hiya alle miteinander,

obwohl ich mir vorgenommen hatte, häufiger in mein Online-Buchjournal zu schreiben, kam es nicht dazu. Ich weiß, welch erstaunliche Eröffnung, immerhin dürfte das allen aufgefallen sein. Wie dem auch sei. Um euch die zutiefst langweilige Liste an Gründen für mein Nichtschreiben zu ersparen, kommen wir lieber zu dem Grund, warum ich jetzt doch wieder in die Tasten haue: Ich bin Anfang diesen Jahres nach Irland gezogen. Für das nächste halbe Jahr habe mich unter die Insulaner des grünsten Fleckchens Erde gemischt und darf hier lernen, leben und hoffentlich an Erfahrungen wachsen.

Was ich nach den zwei Wochen, die ich jetzt schon in meiner neuen Heimat Galway bin, am Erstaunlichsten finde ist, dass ich trotz der täglichen Erkundung von Neuem endlich wieder zum Lesen und Schreiben komme. Keine Latein-Grammatikbücher oder Hausarbeiten für die Uni, sondern Romane und Geschichten. Bei den malerischen Landschaftsbildern und verwunschenen Dörfchen um mich herum, ist das wohl auch kein Wunder.

© 2014 Charlie Byrne’s Bookshop

Obwohl ich hier eindeutig mit dem Wetter zu kämpfen habe (in Irland lässt es sich auch fabelhaft auf dem Trockenen baden), fühle ich mich wie im Paradies.  Wusstest ihr, dass Autoren in Irland einen besondren Status haben? Ein Autor aus Dublin hat behauptet, für einen Iren ist es bedeutsamer, ein Schriftsteller als reich zu sein und dass das Lesen hier zum guten Ton gehört. Wollen wir ihm das einfach mal glauben. ;-) Vermutlich ist es auch eine Fügung des Schicksals, dass ich in der Stadt mit dem schönsten und beliebtesten Secondhand-Buchläden Irlands gelandet bin. Charlie Byrne’s Bookshop! Die Schnittstelle in all die fantastische Welten, in die wir sonst nur zwischen zwei Buchdeckeln finden. 2014-01-11 12.35.02

Ihr glaubt mir nicht? Dann solltet ihr euch mal dieses Foto ansehen … Ich war ja kurz davor, das Ding mitzunehmen, aber … ihr wisst schon, die Beule unter der Jacke wäre aufgefallen. ;-) Seht ihr? Einfach den Schildern folgen und schon seid ihr da. Ich habe es so gemacht und bin in einer ganz faszinierenden Ecke gelandet: bevölkert von Druiden, Feen, Geistern, Leprechauns und Menschen, deren Namen klingen wie das Wispern des Windes, das Rauschen des Meeres, das Wogen der Gräser … und ja, manchmal vielleicht auch das Mähen eines Schafs. Dieser Ort hatte eine solch magische Anziehungskraft, dass ich nicht P1010201widerstehen konnte, wenigstens ein kleines Stück davon in meine Welt mitzubringen – als Erinnerung, dass ich auf jeden Fall dorthin zurückkehren muss.

Dieses Buch wurde mir von einer der Torhüterinnen des Buchladens wärmstens ans Herz gelegt, wenn ich ein besseres Gespür für das „alte Irland“ bekommen möchte. Und das möchte ich in der Tat, aus schriftstellerischem Interesse, weshalb ich während meinem Aufenthalt in Galway auch einen Gälisch-Sprachkurs mache. Ihr seht, ich stecke schon zu tief in diesem Abenteuer, als dass es für mich noch ein Zurück geben könnte. Nicht, dass das überhaupt erwünscht wäre.

Well, ich bin mir nicht sicher, wie bald ich hier wieder etwas schreiben werde, aber ich hoffe, dass ich bald mehr zu berichten habe – natürlich über Bücher und all das, was Leseratten und Schriftsteller interessiert.

Alles Liebe

2016 Clee signatur

[Blogtour] Letzte Chance

~*~

Wie oft ich schon versucht hatte, aus dem Käfig auszubrechen, wusste ich nicht. Zeit hatte für mich keine Bedeutung mehr, auch wenn ich sie auf meinem Smartphone abrufen konnte. Ich wollte nicht mit ansehen, wie wertvolle Stunden meines Lebens verstrichen, während ich wie ein Tier in diesem goldenen Gefängnis gehalten wurde und sie nicht nutzen konnte.

Meine Schulter schmerzte und war bestimmt geprellt von all den Malen, in denen ich mich mit ihr gegen die Stäbe geworfen hatte. Obwohl der Geheime immer wieder zu mir kam und mich mit Nahrung und Wasser versorgte, litt ich an Hunger und Durst. Ich brachte es einfach nicht über mich, etwas von dem anzurühren, was dieses Monster mir anbot. Ich wusste jedoch, dass ich so nicht mehr lange weitermachen konnte. Die Magenkrämpfe und Schwindelanfälle kamen nun immer häufiger und gewannen an Intensität. Immer öfter verlor ich das Bewusstsein, nur um beim Aufwachen festzustellen, dass der Wicht wieder vor dem Käfig lauerte und mich mit diesen gierigen Augen anstarrte.

Ich war nie gläubig gewesen, aber dieser Anblick hatte mich davon überzeugt, dass es einen Teufel gab, und er hatte rote Haare und wässrig graue Augen.

Zu schwach, um mich aufzusetzen, lag ich zusammengerollt in der Mitte des Käfigs und tippte in mein Smartphone. Meine Lider waren so schwer, dass ich sie kaum noch offen halten konnte.

Ich war zu einem Abenteuer aufgebrochen, von dem ich nicht einmal annähernd wusste, wie ich es bestehen sollte.

Ich schrieb meine eigene Geschichte: von dem Moment, in dem ich vor Finas Mühle gestanden hatte, bis jetzt, da ich in der Schatzkammer des Geheimen vor mich hinvegetierte. Das Schreiben war das einzige, was mich davon abhielt, verrückt zu werden. Aber ein Blick auf meinen Akku verriet mir, dass ich nicht einmal das noch lange tun konnte.

Resignierend schloss ich die Augen. Bis jetzt hatte ich auf meine Hilfebotschaft noch keine Antwort erhalten. Vermutlich würde ich das auch nicht, denn wer sollte mir diese Geschichte schon glauben? Ich war verloren. Der Gedanke, dass ich nicht ewig ohne Trinken und Essen auskam, war beinahe schon tröstlich. Aus der Hölle gab es einen Ausweg und was auch immer mich danach erwarten würde, es konnte nur besser sein als das hier.

Das Summen meines Handys riss mich aus meiner Lethargie. Erstaunt sah ich auf das kleine Symbol am Rand meiner Menüleiste, die einen eingetroffenen Briefumschlag anzeigte. Jemand hatte mir eine SMS geschickt.

Was auch immer ich gerade noch über den Tod als glücklichen Ausweg aus meiner Lage gedacht hatte – neue Hoffnung durchströmte mich wie eine Flut heißen Wassers. Mit zittrigen Fingern kämmte ich mir das strohig zerzauste Haar aus dem Gesicht und kämpfte mich mit aller verbliebenen Kraft in eine sitzende Position. Mein Atem rasselte. Ich leckte mir über die aufgeplatzten Lippen und schmeckte Blut. Nur wenige Zentimeter über der SMS-Annahmetaste schwebte mein Daumen in der Luft. Die Erwartung schnürte mir beinahe die Kehle zu.

„Was hat sie denn da?“, erklang die Stimme des Geheimen.

Schwerfällig hob ich den Kopf und sah ihn an. Sein unbemerktes Auftauchen überraschte mich nicht, daran war ich gewöhnt. Doch das er ausgerechnet in diesem Augenblick zurückgekehrt war, erschien mir wie eine Offenbarung. Das hier war es also, das Ende. Ich spürte es mit jeder Faser meines Körpers und las es in den Augen des Wichts. Jetzt würde sich entscheiden, ob ich leben oder sterben würde.

Mein Mund verzog sich zu einem erschöpften Lächeln. „Vielleicht den Schlüssel zu meiner Freiheit.“

Ich drückte den Knopf und das Nachrichtenfenster sprang auf. Mein Blick fiel auf die schwarzen Buchstaben, die sich über den weißen Hintergrund zogen. Sie verbanden sich zu einem einzigen Wort.

Seinem Namen.

Ich schloss die Augen. Gerettet.

Das Wort hallte wieder und wieder durch meinen Kopf. Die Gefühle, die mich dabei überkamen, waren so stark, als erlebte ich sie zum ersten Mal: Erleichterung, Zuversicht, Dankbarkeit …

Noch nie in meinem Leben war ich so dankbar gewesen wie in diesem Moment, und würde es wohl auch nie wieder sein. Das zu wissen, erfüllte mich mit Ehrfurcht. Wie wenig du das Leben zuvor geschätzt hast, wird dir erst bewusst, wenn es dir beinahe genommen wird.

Meine Lider hoben sich und ich sah dem Geheimen mit festem Blick entgegen. „Du willst wissen, was sie hier hat?“

Triumph ließ mich jeden Schmerz vergessen. Ich stand auf und trat vor ihn. Gemächlich hob ich die Hand mit dem Handy und hielt ihm den Bildschirm vors Gesicht. Er schien Schwierigkeiten zu haben, die Buchstaben zu entziffern, doch schließlich machte sich Begreifen in seiner Miene breit.

„Ganz recht“, sagte ich. „Sie hat deinen Namen herausgefunden.“

Der Geheime schrie. Er kniff die Augen zusammen und sein Gesicht verzog sich zu einer schmerzerfüllten Fratze.

Ich rückte noch ein wenig näher an das Gitter. „Sie schwört, wenn er nicht sofort diese Tür öffnet, wird sie ihn aussprechen. Sie wird seinen Namen laut sagen und er wird zu Staub zerfallen.“

Seine Lider öffneten sich. Abgrundtiefer Hass loderte in seinem Blick.

„Mach die Tür auf. Sofort!“

Schweißtropfen perlten an seiner Schläfe hinab. Hastig griff er nach dem Schlüssel an seinem Gürtel und schob ihn ins Schloss. Der Weg in die Freiheit tat sich quietschend vor mir auf.

Ich holte tief Luft und setzte den ersten Fuß nach draußen. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie der Geheime jede meiner Bewegungen haargenau beobachtete. Wenn Menschen Gefühle riechen könnten, würde der Gestank seiner Angst mir jetzt den Atem rauben.

Ich streckte die Hand aus. „Und jetzt das Salz. Auf der Stelle!“

~*~

Als ich die Höhle des Geheimen verließ und Sonnenlicht auf mein Gesicht fiel, jauchzte ich auf. Das Säckchen mit dem Salz, das mir der Wicht in die Hand gedrückt hatte, wog schwer in meiner Hand.

Ein Lachen stieg in meiner Kehle auf und hallte durch die nebelverhüllten Weiten des Moores.

Ich war frei!

~~~***~~~

SMS-Nachricht an alle Bloglesetourteilnehmer:

Ich kann euch gar nicht sagen, wie dankbar ich euch für eure Hilfe bin! Besonders dir, Alissa, bin ich mehr als dankbar. Mit deinem Einsatz hast du mir das Leben gerettet, das werde ich dir nie vergessen!

So, und jetzt muss ich erst einmal duschen, essen und dann schlafen gehen. Vielleicht fühle ich mich danach wieder ein wenig menschlicher und weniger wie eine potenzielle Moorleiche.

Noch einmal tausen Dank!

Erschöpft erleichterte Grüße

2016 Clee signatur

~~~***~~~

>>Hier berichtet der Geheime aus seiner Perspektive von den Ereignissen der letzten Woche!<<

[Blogtour] Bitte, helft mir!

SMS-Nachricht an alle Blogleser:

Bitte, ihr müsst mir helfen! Ich bin da in eine Sache hineingeraten, aus der ich nicht mehr alleine herauskomme. Ich hab nicht viel Zeit, bevor -… oh Nein! Ich glaub, er kommt wieder! Ich muss gleich Schluss machen. Bitte, bleibt dran! Meine Geschichte wird euch alles erklären!

~*~

Wie oft ich schon versucht hatte, aus dem Käfig auszubrechen, wusste ich nicht. Zeit hatte für mich keine Bedeutung mehr, auch wenn ich sie auf meinem Smartphone abrufen konnte. Ich wollte nicht mit ansehen, wie wertvolle Stunden meines Lebens verstrichen, während ich wie ein Tier in diesem goldenen Gefängnis gehalten wurde und sie nicht nutzen konnte.

Meine Schulter schmerzte und war bestimmt geprellt von all den Malen, in denen ich mich mit ihr gegen die Stäbe geworfen hatte. Obwohl der Geheime immer wieder zu mir kam und mich mit Nahrung und Wasser versorgte, litt ich an Hunger und Durst. Ich brachte es einfach nicht über mich, etwas von dem anzurühren, was dieses Monster mir anbot. Ich wusste jedoch, dass ich so nicht mehr lange weitermachen konnte. Die Magenkrämpfe und Schwindelanfälle kamen nun immer häufiger und gewannen an Intensität. Immer öfter verlor ich das Bewusstsein, nur um beim Aufwachen festzustellen, dass der Wicht wieder vor dem Käfig lauerte und mich mit diesen gierigen Augen anstarrte.

Ich war nie gläubig gewesen, aber dieser Anblick hatte mich davon überzeugt, dass es einen Teufel gab, und er hatte rote Haare und wässrig graue Augen.

Zu schwach, um mich aufzusetzen, lag ich zusammengerollt in der Mitte des Käfigs und tippte in mein Smartphone. Meine Lider waren so schwer, dass ich sie kaum noch offen halten konnte.

„Ich war zu einem Abenteuer aufgebrochen, von dem ich nicht einmal annähernd wusste, wie ich es bestehen sollte.“

Ich schrieb meine eigene Geschichte: von dem Moment, in dem ich vor Finas Mühle gestanden hatte, bis jetzt, da ich in der Schatzkammer des Geheimen vor mich hinvegetierte. Das Schreiben war das einzige, was mich davon abhielt, verrückt zu werden. Aber ein Blick auf meinen Akku verriet mir, dass ich nicht einmal das noch lange tun konnte.

 

~~~~***~~~~

Das Rauschen herabstürzender Wassermassen verstopfte mir die Ohren. Mit in den Taschen vergrabenen Händen stand ich vor der Mühle und ließ den Blick von dem kaputten Mühlrad weiter an der roten Ziegelfassade des Fachwerkhauses hinaufwandern. Knorrige Äste griffen über das Dach hinweg, wurden mit jedem Windstoß tiefer gedrückt und kratzen über die Ziegel. Schnee rieselte von der Giebelspitze und gab die dichten Moospelze frei, die sich über den Schieferplatten ausgebreitet hatten.

Zitternd holte ich Luft. Weiße Atemwolken lösten sich von meinen Lippen und stiegen in den grauen Winterhimmel auf.

Das war es also, das Zuhause von Finas Großmutter.

Meine Finger krallten sich fester in das Innenfutter meiner Jacke. Was dachte ich denn da? Das war irgendein Haus, aber bestimmt nicht das Heim einer fiktiven Person, die nur in einem Buch existierte.

Das Buch.

Ich warf einen Blick über die Schulter zu meinem Auto zurück. Durch die beschlagene Fensterscheibe sah ich das verräterische Schwarz mit den grüngelblichen Tupfen in Form zweier Blätter blitzen. Auf dem Beifahrersitz lag Daniela Winterfelds neuster Roman: „Der geheime Name“. Wegen ihm war ich hier, in der Lüneburger Heide, am ersten Weihnachtsfeiertag. Weil ich beim Lesen plötzlich zu der Überzeugung gelangt war, dass alles, was in dem Buch geschah, in naher Zukunft wirklich so passieren würde.

Ich musste total den Verstand verloren haben.

Eine Schneeböe trieb mir eiskalte Flocken ins Gesicht und jagte eine Gänsehaut meinen Rücken hinunter. Ich unterdrückte einen Fluch und zog mir meinen Schal bis über die Nasespitze hoch. Das hatte ich nun davon, dass ich mit meinen Gedanken zumeist in den Wolken steckte und überall fantastische Abenteuer vermutete. Wahrscheinlich würde ich morgen früh mit verschnupfter Nase und einer Blasenentzündung aufwachen. Vorausgesetzt, ich fand überhaupt einen Platz zum Schlafen. Das Dorf Ebbingen war nichts weiter als eine Ansammlung verstreuter Bauernhöfe und weniger Häuser. Wenn es eines hier mit Sicherheit nicht gab, dann war das eine Jugendherberge, in der ich unterkommen konnte. Ich hatte also entweder die Wahl, die Nacht in meinem Auto zu verbringen, wenn ich nicht in der Dunkelheit heimfahren wollte, oder …

Meine Augen hefteten sich auf die Tür, die keine zwei Meter vor mir in der Wand prangte.

Oder ich machte mich zum kompletten Idioten, klopfte bei wildfremden Leuten an und erkundigte mich, ob diese zufällig ein Mädchen vermissten, das es nicht gab. Und wenn das nicht der Fall war, ob ich mich für wenige Stunden bei ihnen einquartieren konnte.

Großartig. Als ich meine Mutter einmal gefragt hatte, welche Erbkrankheiten wir in unserer Familie hatten, hätte ich besser nochmal nachhaken sollen, ob Geistesgestörtheit auch wirklich nicht dazu zählte. Doch lieber war ich verrückt als erfroren.

Ich gab mir einen Ruck und überwand die letzten beiden Meter bis zum Haus. Raureif zog sich über die Glasscheibe in der Mitte des Türblatts, weshalb ich beim Hindurchspähen nicht mehr als die Umrisse einer Garderobe ausmachen konnte. Ein letztes Mal zögerte ich, dann hämmerte ich mit der Faust gegen das Holz. Die Wucht meiner Schläge brachte die Tür zum Erzittern.

Unter angehaltenem Atem horchte ich in die Stille, die aus den Räumen dahinter antwortete. Mehrere Sekunden lang befürchtete ich, dass die Mühle so verlassen sein könnte, wie sie von außen wirkte. Da vernahm ich das kaum hörbare Schlurfen von Schritten, die sich auf der anderen Seite der Tür näherten. Eine Stimme rief: „Fina, bist du das?“

Mein Herz tat einen Sprung. Fina. Die Stimme hatte nach einer Fina gefragt!

Vor mir öffnete sich die Tür und eine alte Frau erschien auf der Schwelle. Ich zog mir den Schal vom Gesicht. Bei meinem Anblick setzte mein Gegenüber eine ebenso verdutzte Miene auf, wie ich sie tragen musste.

„Wo … wo ist Rübezahl? Ich habe ihn nicht bellen gehört“, war das erste, das mir über die Lippen kam. Beinahe hätte ich aufgestöhnt und konnte es gerade noch verhindern, indem ich mir auf die Zunge biss. Ich dummes Huhn, was redete ich denn da?

„Er ist draußen, aber … Entschuldigung, kennen wir uns? Woher wissen Sie, wie mein Hund heißt?“

In Ordnung, Clee, ganz ruhig. Schön weiteratmen. Hier wohnte also eine Frau, die perfekt auf die Beschreibung der Großmutter im Buch passte, offenbar eine gewisse Fina erwartete und einen Hund besaß, der wie der Wildfang im Roman Rübezahl hieß. Kein Grund zur Panik, das traf mit Sicherheit auf viele Familien dieses Landes zu.

Ich unterdrückte das hysterische Gelächter, das in mir aufzusteigen drohte, und versuchte mich daran zu erinnern, was die Frau mich gefragt hatte. „Nein, tut mir leid, wir kennen uns nicht, aber … Ihre Enkelin, Fina, ich bin eine Freundin von ihr. Sie hat mir von Ihnen und der Mühle erzählt. Ich bin gekommen, um sie zu besuchen.“ Ich räusperte mich. „Ähm … ist sie zufällig zu sprechen?“

Verwirrung breitete sich auf dem Gesicht der Frau aus. Natürlich, nach allem, was ich über Fina gelesen hatte, war es höchst unwahrscheinlich, dass sie jemandem über sich erzählt haben sollte. Kein Mensch auf der Flucht würde das wagen. Aber was sollte ich ihr sonst sagen? Guten Tag, ich bin Bloggerin und habe zufällig in einem Buch über Sie gelesen. Deswegen weiß ich, dass Ihre Enkelin in Lebensgefahr schwebt und würde ihr gerne helfen?

Unwahrscheinlich.

Meine Stirn zog sich in Falten. Wenn ich mir so zuhörte, könnte ich fast meinen, dass ich an diesen ganzen Quatsch glaubte. Tat ich aber nicht. Oder? Mir schwirrte der Kopf.

Vor mir legte die Frau ihre behandschuhten Hände auf ihrem Bauch übereinander. „Ich wusste nicht, dass Fina eine Freundin hat.“ Sie stockte. Vermutlich war ihr gerade in den Sinn gekommen, wie seltsam das klang. Oder dass sie ihre Enkelin damit verraten hatte. Nach der Panik in ihrem Blick zu urteilen traf letzteres zu.

Beruhigend hob ich die Hände. „Machen Sie sich keine Sorgen, ich weiß, dass Fina auf der Flucht ist. Ich würde sie nie verraten.“

Finas Großmutter schien sich ein wenig zu entspannen, wenn sie auch immer noch wachsam wirkte. „Ich bin froh, dass Fina eine Freundin gefunden hat. Obwohl ich es bedauere, dass sie mir nichts von Ihnen erzählt hat.“

Ich lächelte matt. Wer weiß, wenn wir uns kennen würden, hätte sie das vielleicht getan.

Ein befremdlicher Einfall schlich sich in meine Gedanken. Wenn Fina und ich befreundet wären, würde mein Name dann ebenfalls in Winterfelds Buch stehen? Ich schüttelte den Kopf. Über so etwas nachzudenken, brachte mich jetzt auch nicht weiter.

„Verzeihung, aber es ist wirklich wichtig. Können Sie mir sagen, wo ich Ihre Enkelin finde?“

Ein entschuldigender Ausdruck trat in die Augen der Frau. „Leider muss ich Sie da enttäuschen. Ich kann Ihnen nicht sagen, wo sie sich aufhält. In letzter Zeit ist sie oft außer Haus.“ Die Andeutung eines Lächelns stahl sich auf ihren Mund. „Es hängt mit einem Jungen zusammen.“

Mein Herzschlag beschleunigte sich. Angenommen, das hier war tatsächlich alles real, dann steckte Fina gerade in ernsthaften Schwierigkeiten. Und ich war der einzige Mensch, der davon wusste. Oder genauer gesagt: der davon wusste und es für wahr hielt.

Ich zwang meine Lippen dazu, ihr Lächeln zu erwidern und trat gleichzeitig einen Schritt rückwärts. „Ich verstehe, da möchte ich natürlich nicht stören. Ich werde einfach … ein anderes Mal wiederkommen.“ Während wir hier redeten, saß Fina längst mit Mora in der Falle. Ich musste mich beeilen und den beiden helfen!

„So warten Sie doch! Was halten Sie davon, wenn Sie sich kurz aufwärmen, bevor Sie wieder fahren? Kind, Sie zittern ja am ganzen Leib!“

Das tat ich wirklich, wie mir auffiel. Doch ausnahmsweise hatte das nichts mit der Kälte zu tun. „Vielen Dank, aber das ist wirklich nicht nötig. Allerdings … wenn Sie vielleicht etwas Salz für mich hätten?“

„Salz?“, fragte die Frau verwirrt.

„Ja, bitte. Ich bräuchte dringend etwas Salz, doch die Geschäfte haben an Weihnachten alle geschlossen.“

„Ich … einen Moment bitte, ich sehe mal nach.“ Sie kratzte sich am Kinn. „In letzter Zeit scheinen die Packungen ständig aus dem Schrank zu verschwinden, obwohl ich mir sicher bin, immer welche gekauft zu haben. Nun ja, ich werde wohl langsam vergesslich.“

Oder eine gewisse Enkelin stibitze es immer, um damit in die Welt des Unsichtbaren zu gelangen.

Ich nickte und versuchte mir meine Unruhe nicht anmerken zu lassen. „Das wäre sehr freundlich. Ich werde dann kurz hier warten.“

Finas Großmutter verschwand im Haus und ich rieb mir die fröstelnden Arme. Den Kopf in den Nacken gelegt, sah ich zu dem immer dunkler werdenden Himmel auf. Wolken zogen sich zu einer dichten Decke zusammen und verschluckten das Licht der Sonne. Die Zeit wurde knapp.

Das Bellen eines Hundes ließ mich jäh zur Seite blicken. Ein schwarzweißer Schatten kam um die rechte Hausecke geflitzt und blieb mit wedelndem Schwanz vor mir stehen.

„Ja hallo, Rübezahl.“ Als ich mich mit ausgestreckter Hand zu ihm hinabbeugte, stieß der Hund ein Knurren aus. Ich wich zurück.

„Aus, Rübezahl!“, erklang die Stimme von Finas Großmutter. Sie schob den Hund beiseite und kam mit einem weißen Päckchen in der Hand auf mich zu. „Sie haben Glück, es war noch eines da.“

Erleichterung durchflutete mich. Dankbar nahm ich das Päckchen entgegen, zog meinen Reißverschluss auf und tastete nach meinem Geldbeutel. „Ich danke Ihnen. Sagen Sie mir, was Sie dafür bekommen.“

„Aber nicht doch, Kindchen. Lassen Sie’s gut sein. Na los, gehen Sie, bevor es zu dunkel zum Fahren wird.“

War es nicht erstaunlich, zu wie viel mehr Güte ein armer Mensch im Vergleich zu so manchem reichen fähig war? „Haben Sie tausend Dank.“

Die Frau nickte nur. „Ich werde Fina liebe Grüße bestellen.“

„Ja … ja, tun Sie das. Einen schönen Abend noch.“

Sie winkte, bevor sie ihren Hund ins Haus befahl und die Tür hinter sich schloss.

Mein Blick richtete sich auf das Salzpäckchen in meiner Hand. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

Ich machte meine Jacke wieder zu, schlug den Kragen hoch und wandte mich in Richtung Wald, dessen Saum entlang dem Feldweg verlief, über den ich hergekommen war.

„Auf geht’s, Clee, sei kein Hasenfuß. Zwei Leben stehen auf dem Spiel“, versuchte ich mir Mut zu machen. Seufzend schüttelte ich den Kopf. Mit sich selbst zu reden war dann wohl ein weiterer Beweis dafür, dass ich endgültig verrückt geworden war.

Der Schnee knirschte unter meinen Sohlen, als ich mich auf den Weg in das Dickicht aus Tannen und Kiefern machte. Dank Winterfelds Wegbeschreibungen wusste ich, wohin ich zu gehen hatte. Zumindest theoretisch, aber wie schwer konnte es schon sein, einem Wanderweg zu folgen?

Je weiter ich voranschritt, desto düsterer schien die Welt um mich herum zu werden. Die Bäume rückten näher zusammen und drängten den Weg dazu, sich immer weiter zu verschmälern. Schatten füllten die Lücken zwischen den Stämmen. Wegen dem dichten Blätterdach fand sich bald schon kein Schnee mehr auf dem nadelübersäten Erdboden, doch die Kälte, die von ihm ausging, sickerte unaufhaltsam durch meine Stiefel. Langsam aber sicher schienen sich meine Füße in zwei riesige Eisklumpen zu verwandeln.

Gras raschelte, als ich ein Stück zu weit nach rechts lief und die verwelkten Halme am Wegesrand streifte. Schleunigst zog ich die Taschenlampe aus meiner hinteren Hosentasche, an die ich vor meinem überstürzten Aufbruch in die Lüneburger Heide zum Glück noch gedacht hatte. Das Licht war zu schwach, um mehr als einen Meter weit zu strahlen, doch immerhin sah ich dank ihr überhaupt etwas.

Ich stutzte. War dieser Pfad wirklich noch der Wanderweg, auf dem ich in den Wald marschiert war? Ein ungutes Gefühl machte sich in meiner Magengegend breit, doch ich ignorierte es. Jetzt war ich schon so weit gekommen, dass ich unmöglich aufgeben konnte.

Ich straffte die Schultern und stiefelte weiter. Eine Ewigkeit schien zu vergehen, während ich dem Weg weiterfolgte, das Salzpäckchen fest an meine Brust gedrückt. Die Geräusche um mich herum beschränkten sich auf das gelegentliche Rascheln von Blättern und meinen eigenen Atem.

Obwohl ich die ganze Zeit gewusst hatte, was mich erwarten würde, blieb ich wie angewurzelt stehen, als die Nebel schließlich kamen. Wie weiße Schlangen krochen die Schleier zwischen den Baumstämmen hindurch auf mich zu und streckten ihre bleiche Finger nach mir aus. Aus der Ferne erklang ein schmatzendes Geräusch und eine sanfte Brise brachte den Geruch von Salz und Meer mit sich.

Meine Finger krallten sich so fest in die Salztüte, dass sie beinahe das Papier zerrissen. Ich hatte das Moor erreicht.

Das Blut begann in meinen Ohren zu rauschen. Ganz langsam setzte ich mich wieder in Bewegung und ging weiter, folgte dem salzigen Geruch, vom dem auch Fina angelockt worden war. Das Licht meiner Taschenlampe flackerte. Ich kniff die Augen zusammen und starrte angestrengt zu Boden, um ja nicht die Grenze zu überschreiten, nach welcher der feste Waldboden in das schlickartige Gewässer übergehen würde.

Als ich keinen Herzschlag später jedoch etwas an meiner linken Schuhsohle saugen spürte und ein wenig tiefer sank, wusste ich, dass ich längst im Moor stand. Erschrocken riss ich den Fuß zurück, stolperte nach hinten und prallte mit dem Rücken gegen einen Baumstamm.

Meine Brust senkte sich unter schweren Atemstößen. Während ich dem Glucken des Schlamms lauschte, wurde mir plötzlich klar, was ich getan hatte. Ich war zu einem Abenteuer aufgebrochen, von dem ich nicht einmal annähernd wusste, wie ich es bestehen sollte. Verdammt, wie hatte ich mir das vorgestellt? In den Wald zu rennen, Fina am Schlafittchen zu packen und hinter mir her zur Mühle zurück zu schleifen? Nicht eine Sekunde hatte ich darüber nachgedacht, dass es schon zu spät sein könnte – dass ich selbst sogar im Moor verloren gehen könnte! Unleugbar war ich der größte Dummkopf, den diese Welt je hervorgebracht hatte.

Ich brauchte einen Plan, dringend, bevor-

Das Knacken eines Astes ließ mich herumfahren. Hektisch ließ ich den Lichtstrahl meiner Taschenlampe zwischen den Bäumen hin und her gleiten. Mein Atem verwandelte sich in ein Keuchen und Schweiß brach auf meiner Stirn aus. Da war nichts, niemand, der das Geräusch verursacht haben könnte. Kein Tier und kein Mensch. Doch ich wusste, dass das nichts zu bedeuten hatte. Andere Kreaturen lauerten in diesem Wald, unsichtbare Kreaturen.

Hastig ging ich hinter dem Baum in die Hocke, klemmte mir die Taschenlampe zwischen die Zähne und riss das Salzpäckchen auf. Ich griff hinein und fühlte, wie sich die feinen Körner unter meine Fingernägel schoben. Nach einem Blick in beide Richtungen, streute ich mithilfe des Salzes eine Linie über den Waldboden. Dann holte ich noch einmal tief Luft, erhob mich und trat über die von mir gezeichnete Grenze. Für einen Moment verschwamm meine Umgebung, flossen die verschiedenen Grauschattierungen des nächtlichen Waldes ineinander über. Ich kniff die Augen zusammen, aus Angst davor, was ich gleich erblicken würde. Als ich sie wieder öffnete … hatte sich nichts verändert.

Meine Stirn zog sich in Falten. Hatte ich zu wenig Salz genommen, um ein Tor in das Reich des Geheimen zu öffnen? Erneut griff ich in die Papiertüte, streute einen Strich auf den morastigen Boden und überschritt diesen. Mehrmals drehte ich mich um die eigene Achse, aber ich sah immer noch nichts, das vorher nicht auch schon dagewesen wäre: Bäume, wohin das Auge reichte.

Hieß das, bei mir funktionierte das mit dem Salz nicht? Mein Blick kehrte zu den von mir gezogenen Spuren zurück. Gerade noch so sah ich die letzten weißen Körner in der Erde versickern. Ich schluckte. Vielleicht musste ich einfach noch mehr Salz auf einmal nehmen.

Entschlossen, wenn auch weniger als zuvor, kniete ich mich hin und stellte das Päckchen vor mir ab. Nacheinander füllte ich meine Hände mit Salz und beugte mich vor, um ein drittes Mal eine Gerade zu ziehen.

Im Dickicht hinter mir raschelte es. Ich schreckte so heftig zusammen, dass mir die Körner aus den Händen glitten. Als ich mich herumdrehte, erwischte ich mit dem Ellenbogen die Papiertüte und stieß sie um. Das restliche Salz ergoss sich über dem Boden.

Nein!“ Panisch versuchte ich die Körner zusammenzukratzen, doch sie lösten sich so schnell auf, dass ich außer Schlamm kaum etwas zwischen die Finger bekam. „Nein, bitte … bitte!“ Ein Wimmern entwich meinen Lippen. Ich fasste mir an die Schläfe und etwas Schmieriges blieb an meiner Haut kleben.

Was nun, was sollte ich tun? Ich schnappte mir die Tüte, in der gerade mal der Boden noch von Salz bedeckt war. Meine Gedanken rasten. Taumelnd kam ich auf die Beine und versuchte mich daran zu erinnern, wie oft ich über die Grenze getreten war. In welcher Welt befand ich mich jetzt? Wenn ich mit den restlichen Körnern ein letztes Mal eine Linie zeichnete, gelangte ich dann zurück in meine oder überhaupt erst in seine Welt?

Ich wandte den Kopf nach allen Richtungen. Irgendetwas hier musste mir doch einen Hinweis darauf geben können, wo ich mich befand. Aber was nur, was …

Ohne mein Zutun setzten sich meine Füße in Bewegung. Im Vorbeigehen hob ich die Taschenlampe auf und ließ ihr Licht meinen Weg bestimmen. Eine vage Erinnerung streifte meine Gedanken. Vor meinen Augen flackerte das Bild eines Weges auf, der verschwand und wieder sichtbar wurde. Ein Weg, der verschwand …

Natürlich, der Wanderweg! Ihn musste ich finden, denn er existierte nur in meiner Welt!

Ich beschleunigte meine Schritte, bis ich fast schon rannte. Äste griffen nach meiner Jacke, als wollten sie mich zurückhalten. Jedes Mal riss ich mich los und stolperte weiter. Der Weg, ich musste den Weg finden … musste ihn …

Ich blieb stehen und hob mir die stechende Seite.

„Welch schöner Besuch an so heiligem Tage!“, ertönte neben mir ein kaum hörbares Schnurren.

Ich wirbelte herum. „Wer …!“ Die Worte erstarben auf meinen Lippen. Wie eisiges Wasser durchdrang das Entsetzen meinen Körper, ließ mich zur Salzsäule erstarren. Vor mir stand ein Wicht, nicht größer als ein Kind. Die Taschenlampe schien ihm direkt ins Gesicht, beleuchtete blasse Haut und struppiges, rotes Haar. Unnatürlich große Augen reflektierten den Lichtkegel.

Das Wesen kniff die Lider zusammen. In den Schlitzen glänzte es wässrig grau. „Wünscht sie sich Gold? Oder ist sie gekommen, um ihm Gesellschaft zu leisten?“ Das Männchen verzog den Mund zu einem Grinsen. Ein hungriger Ausdruck lauerte in den Tiefen seiner Augen.

Ich wusste, wonach es ihn in seiner Gier verlangte. Abwehrend hob ich die Hände und trat einen Schritt zurück. „Bleib weg, fass mich ja nicht an!“ Unbändige Angst schwang in meiner Stimme mit, doch ich konnte nichts dagegen tun.

„Was denn? Glaubt sie, er würde es wagen, sie zu versehren?“, fragte er und schritt gemächlich um mich herum. Ich drehte mich mit ihm, wollte ihn keine Sekunde aus den Augen lassen. Plötzlich drückte er sich zu einem Sprung vom Boden ab und war verschwunden. Hektisch wandte ich mich nach beiden Seiten.

Da traf mich ein kräftiger Schlag in den Rücken und warf mich nach vorne. Schmerz explodierte in meinem Schädel, als ich mit dem Kopf auf dem Boden aufschlug. Der Geruch nach modriger Erde zog mir in die Nase. Steine und Äste pressten sich in mein Gesicht und rissen mir die Haut auf.

Den zweiten Schlag gegen die Schläfe spürte ich kaum mehr, bevor mir die Sinne schwanden und die Dunkelheit mich verschluckte.

~*~

Ein stechender Schmerz saß hinter meiner Stirn, als ich wieder zu mir kam. Blinzelnd hob ich die Lider und funkelndes Licht stach mir in die Augen. Ich stöhnte und schirmte es mit der Hand ab.

„So ist sie also endlich aufgewacht!“, ertönte eine schnarrende Stimme von irgendwo rechts. „Wie schön! Er hätte schon fast seine Geduld verloren!“

Mein Kopf fuhr herum. Eine Geste, die ich sofort mit einem noch heftigeren Stechen bezahlte. Ich presste mir die Fäuste gegen die Schläfen und versuchte trotz der aufsteigenden Tränen etwas von meiner Umgebung zu erkennen.

„Was hat sie denn?“ Die Stimme senkte sich zu einem Säuseln. „Hat sie Schmerzen? Das tut ihm leid!“

Mein Blick klärte sich und blieb an einer Reihe goldglänzender Stäbe haften. Der Schein einer Kerze strich über das Gitter und ließ das Metall aufblitzen. Lichtreflexe jagten durch den Raum und wurden von den umliegenden Wänden zurückgeworfen. Ein in Gold gegossener Rehkadaver lag in der einen Ecke und der Boden war unter einer Flut an vergoldeten Blättern und Steinen begraben.

Meine Augen wurden immer weiter. Umgeben von den größten Reichtümern, die ich je in meinem Leben erblickt hatte, saß ich gefangen in einem goldenen Käfig.

Ein Lachen ertönte und da bemerkte ich den Schatten, der direkt hinter dem Gitter lauerte. Wie eine Katze, die ihre Beute im Visier hatte und sich zum Sprung bereit machte, strich der Geheime an meinem Gefängnis entlang. Ein hässliches Grinsen verzerrte den dünnen Strich, der seinen Mund darstellte. Die wässrigen Augen waren so weit aufgerissen, dass es aussah, als würden sie ihm gleich aus dem Gesicht fallen. Schadenfreude, aber auch Wut glomm in ihnen.

„So ein törichtes Weibchen!“ Der Wicht duckte sich und strich um den Käfig herum, bis ich ihn nicht mehr sehen konnte. Hastig kämpfte ich mich auf die Füße und verrenkte mir schier den Hals, um ihn weiterhin im Blick zu behalten. Mein Gefängnis war hoch genug, um mich ganz aufzurichten.

Langgliedrige Finger schlossen sich um die Goldstäbe und das Gesicht des Geheimen kam näher. „Was hat sie sich nur dabei gedacht, ihr kostbares Salz in den Schnee zu streuen? Hat sie etwa gewusst, was sie damit bezwecken würde?“ Er drückte sich ab und umrundete abermals den Käfig.

Ich kämpfte gegen den Kloß an, der mir den Hals verstopfte. „Sie weiß alles!“

In dem Moment, da ich die Worte hervorstieß, wusste ich schon, dass es die falschen gewesen waren.

Der Geheime hielt in seiner Bewegung inne und für einen Moment meinte ich so etwas wie Panik in seinem Blick auszumachen. Unvermittelt warf er sich gegen die Käfigstangen, sodass das Metall scheppernd in ihren Halterungen vibrierte. Ich schrie auf und wich zurück, umklammerte die Stangen in meinem Rücken.

„Alles?“ Speichel spritze aus seinem Mund. „Wie will sie ALLES wissen? Ist sie einer dieser Menschengötter, die ihre Art sich geschaffen hat?“

„U-und wenn es so wäre?“ Ich wusste nicht, was in mich gefahren war, ihn noch mehr zu provozieren.

Der Geheime brach in Gelächter aus. „Oh nein! Was auch immer sie ist – was auch immer sie im Schilde führt – eine Göttin ist sie sicher nicht!“ Erneut sprang er gegen das Gitter und schob eine Hand zwischen den Stäben hindurch. An einem seiner Finger trug er einen Ring. „Sie ist ein einfältiges, kleines Menschenweibchen! Nichts weiter! Und wenn sie glaubt, sie könne ihn zum Narren halten …“ Ein goldenes Glühen umspielte seinen Daumen.

Mein Herz schien einen Schlag lang auszusetzen, während ich wie hypnotisiert auf das Glimmen starrte.

Seine Hand hob sich vor mein Gesicht, den Daumen nur Zentimeter von meiner Nase entfernt. „Sie ist recht nervös für eine Göttin. Meint sie nicht?“

Jetzt durfte ich keinen Fehler machen. „E-er hat sie gefragt, warum sie hier ist. Ich … Sie ist hier, weil sie ihm etwas sagen muss.“ Ich schluckte. „Sie weiß von dem Betrug der Menschenweibchen. Sie weiß, was die Weibchen ihm für sein Gold versprochen, aber nie gegeben haben. Deswegen ist sie hier, um ihn zu warnen. Das nächste Weibchen, Fina, wird ihn ebenfalls enttäuschen. Er muss wissen, dass sie krank ist. Sterbenskrank.“

Die Augen des Wichts weiteten sich. Er zog seine Hand zurück.

All meinen Mut zusammennehmend, löste ich mich von den Käfigstangen und trat einen Schritt in seine Richtung. Meine Knie schlotterten so sehr, dass ich fürchtete, sie könnten gleich unter mir nachgeben. „Wenn er sie gehen lässt, wird sie zusammen mit Fina ein viel besseres Weibchen für ihn finden. Eines, das bei ihm bleiben kann. Sie verspricht es!“

Der Geheime legte den Kopf schief, musterte mich abschätzig und setzte dann wieder dazu an, den Käfig zu umrunden. Ich drehte mich mit ihm im Kreis, einmal, zweimal … dreimal. Die Angst ballte sich zu einem Knoten in meinem Magen zusammen und ließ Übelkeit in mir aufwallen. Als er vor mir stehenblieb und mir die Hand mit dem glühenden Daumen entgegenstreckte, war ich mir sicher, dass jetzt mein letztes Stündlein geschlagen hatte. Was war ich aber auch für eine arrogante Ziege gewesen. Hatte ich ernsthaft geglaubt, ihn mit einem so plumpen Trick überlisten zu können? Im echten Leben gab es keine Garantie dafür, dass die Guten überlebten.

Ich krampfte die Finger um den Saum meiner Jacke. Würde ich es bis zum Schluss spüren können, wie das Gold meinen Körper durchdrang? Würde ich … Schmerzen haben?

Der Geheime beugte sich weiter vor. „Es ist wirklich bedauerlich. Sie ist gewiss eine gute Menschenfreundin. Doch ihre Lügen sind vergeblich. Er weiß um die blendende Gesundheit seiner Braut.“ Er stieß mir seinen Zeigefinger gegen die Brust und ich hielt den Atem an. Obwohl eine Welle des Ekels über mich hinwegschwappte, wagte ich es nicht, seiner Berührung auszuweichen. „Aber sie – sie ist ein hinterhältiges Weibchen, das ihm seinen teuersten Schatz entreißen will!“

„Nein, sie will keine Schätze“, flüsterte ich. Als sich meine Brust beim Sprechen ein wenig hob und fester gegen seinen Finger stieß, keuchte ich auf. Ich fühlte, wie eine Träne meine Wange hinabrann. Plötzlich war mir alles zu viel und ich wollte nur noch eines: „Sie … sie will nur nach Hause …“

Ein Zischen ertönte, wie bei einem Ölspritzer, der auf eine heiße Herdplatte traf. Dann ein Klackern.

Ich schielte hinab und sah etwas Blitzendes über den Käfigboden rollen, weiter zwischen den Stäben hindurch. Tränen tropften von meinem Kinn auf den glühenden Daumen des Geheimen und verwandelten sich. Das Prasseln herabregnender Goldperlen erfüllte die Schatzkammer.

Eine Ewigkeit schien zu vergehen, in der er einfach nur dastand und schwieg. Ich hielt den Blick gesenkt, zählte die letzten Sekunden meines Lebens anhand der zu Boden fallenden Goldtränen ab. Zehn, elf, zwölf, …

Die Hand des Geheimen zog sich zurück. Überrascht schaute ich auf und sah, wie er sich eiligen Schrittes von dem Käfig entfernte. Ein gehetzter Ausdruck huschte über seine Züge. „Er bedauert sehr, dass er sie nun sich selbst überlassen muss – doch er hat Dringenderes zu tun, als ihr Gesellschaft zu leisten.“

Ich brauchte einen Moment, um den Sinn hinter seinen Worten zu begreifen. Mein Mund klappte auf. „Aber …!“ Nun verstand ich gar nichts mehr. Hieß das, er wollte mich gar nicht töten?

Zu verwirrt, um Erleichterung zu verspüren, presste ich mir die Hand aufs Herz und ließ mich auf die Knie sinken.

Nach einem letzten Blick auf mich, schnellte der Geheime herum und lief durch die Kammer auf einen schmalen Ausstieg zu. Keinen Atemzug später war er verschwunden.

Ich vergrub das Gesicht in den Händen. Wie lange ich in dieser Position verharrte, hätte ich hinterher beim besten Willen nicht mehr sagen können. Vermutlich wäre ich sogar noch bei der Rückkehr des Wichts so dagesessen, hätte nicht das Läuten meines Handys mich aus meiner Starre gerissen. Halfway gone von Lifehouseschallte durch den Raum.

Moment … ich hatte hier unten Empfang? Hastig tastete ich meinen Oberkörper und meine Jeans ab und fand das Smartphone schließlich in der rechten hinteren Tasche. Als ich das Zeichen einer eingetroffenen SMS-Nachricht auf dem Bildschirm aufblinken sah, schossen mir abermals die Tränen in die Augen. Ich presste mir das Handy gegen die Stirn. Damit bestand noch Hoffnung, denn zum ersten Mal in diesem ganzen Alptraum wusste ich tatsächlich, was ich zu tun hatte.

Ich ignorierte die eingetroffen SMS und öffnete ein neues Nachrichtenfenster. Obwohl ich kein geübter Schreiber mit dem Smartphone war, flogen meine Finger nur so über den Touchscreen:

Brauche eure Hilfe! Wurde von einem Verrückten gefangen genommen und in einen Käfig gesperrt. Ihr müsst …

Ich hielt inne, da meine Hände so schweißig waren, dass mir beinahe das Handy aus den Fingern gerutscht wäre, und wischte sie an meiner Hose ab. Dann tippte ich weiter.

… Bitte, ohne euch schaffe ich es nicht heil hier raus! Ich zähle auf euch!

Clee

Ich drückte auf Senden und das kleine Briefchen ging an sämtliche Namen aus meiner Kontaktliste raus. Ein Seufzen entwich meinem Mund. Wieso hatte ich das Buch nicht selbst zu Ende gelesen, bevor ich aufgebrochen war? Dann würde ich mich jetzt nicht in dieser Misere befinden. Blieb nur zu hoffen, dass einer meiner Bekannten etwas in Winterfelds Buch fand, dass mir weiterhelfen konnte, bevor der Geheime seine Meinung ändern und mich doch noch umbringen würde.

Meine Lippen pressten sich zu einem Kuss auf den kalten Kunststoffrahmen des Smartphones.

Bitte, helft mir.

© Copyright 2012 by Anna Milo

Alle Rechte vorbehalten.

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Ihr seid meine einzige Rettung. Die einzigen, die wissen, was mit mir passiert ist. Helft den anderen Bloggern, die Schwachstelle des Geheimen zu finden. Ansonsten bin ich verloren. Bitte – ich zähle auf euch!

 2016 Clee signatur

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